Interview
Zwei Veteranen des Ludwigshafen-„Tatort“ werden in Rente geschickt
Warum hören Sie auf?
Peter Espeloer: Die Redaktion war der Meinung, dass diese Figuren in Rente geschickt gehören. Das war nicht unsere Entscheidung.
Sie hätten gerne weitergemacht?
Annalena Schmidt: Ja, natürlich.
Espeloer: Aber das ist völlig in Ordnung. Wir sind alt genug …
Schmidt: … und 25 Jahre sind eine lange Zeit. Es ist im Prinzip völlig in Ordnung. Aber ich habe vor vielen Jahren schon einmal gesagt, wenn ihr irgendwann denkt, ihr müsst Frau Keller in Rente schicken, dann werde ich Rotz und Wasser heulen. Wie das so ist nach einer langen Beziehung. Es kam für uns beide doch überraschend, dass jetzt der Schlussstrich gezogen wurde. Weil die Redaktion eigentlich gerade in den letzten Jahren den Teamgedanken im Kommissariat stärker entwickelt hat und wir stärker integriert wurden. Da standen auch alle dahinter und fanden das prima. Es könnte am Geld liegen, dass wir jetzt aufhören müssen. Denn natürlich sind alle, die uns jetzt ersetzen, billiger. Weil wir vor 25 Jahren ja noch ordentliche Gagen ausgehandelt haben. Heute kriegen jüngere Leute nicht das Geld, das wir gekriegt haben. Dann heißt es auch, das Format solle verändert werden. Es soll „jünger und diverser“ werden, weil das so der Trend ist.
Seit wann wussten Sie, dass Schluss ist?
Schmidt: Ich meine, der Zeitpunkt ist letztlich immer ein falscher. Aber da gab es schon einen Vorlauf. Also das ist nicht nach dem Motto „heute gesagt, morgen gegangen“ passiert.
Espeloer: Aber es war ein Schnellschuss für den Autoren. Harald Göckeritz hat das zunächst nicht gewusst und musste sich dann überlegen, wie er die beiden verabschiedet. Und zunächst sind die einfach nur in Rente gegangen. Ich habe mir dann erlaubt zu sagen, schickt die nicht einfach nur in Rente, sondern schickt die in die Zukunft. Ich fand es wichtig, dass diese Figuren nicht einfach abbrechen, sondern aufbrechen und sonnig in den Sonnenuntergang reiten. Und ich hatte den Vorschlag, dass sie sich in der letzten Szene duzen.
Schmidt: Ja, das war dann unsere letzte Szene. Das ist also auch auf deinem Mist gewachsen.
Im „Tatort“ bekommen Sie zum Abschied ein Feuerwerk. Wie lief es in Wirklichkeit?
Espeloer: Wir hatten eine Party. Alle haben sich herzlich bedankt.
Schmidt: Und wir haben einen halbstündigen Film bekommen.
Espeloer: Das ist traditionell so, dass es am Ende von so einer Arbeit einen Teamfilm gibt. So einen Zusammenschnitt mit Outtakes oder so Sachen am Rande, und der war natürlich sehr auf unseren Weggang fokussiert. Ich meine, das sind ja fast 70 „Tatorte“ und 25 Jahre, die wir dabei waren. Das ist ja nicht nichts.
Wie blicken Sie selbst auf diese 25 Jahre zurück?
Schmidt: Das ist wie die Silberhochzeit in einer Ehe. Es gab natürlich immer wieder Situationen, wo man sich über das eine oder andere geärgert hat. Und immer wieder ein Buch, wo ich gesehen habe: Okay, da sage ich meinen Standardsatz, und mehr ist es nicht. Aber dann gab es auch wieder mal ein Buch mit einer netten, kleinen Geschichte drumherum. Das zog sich eigentlich so durch die 25 Jahre. Also, Freud’ und Leid, ganz normal.
Espeloer: Man merkt natürlich den Filmen an, welcher Regisseur diese Figuren mag oder wo die Szenen eher im Off stattfinden. Natürlich freut man sich immer, wenn man hört: „Boah, da warst du besonders gut.“ Ich sage dann, „nein, ich war nicht besonders gut, ich war nur mehr“. Denn es braucht ja schon ein gewisses Maß, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich habe immer gesagt, wir sind die Farbe am Rand.
Gibt es in dieser Hinsicht Lieblingsfolgen oder Lieblingsszenen, in denen Sie im „Tatort“-Team besonders viel zeigen konnten?
Espeloer: Das sind nicht unbedingt die Filme, die besonders gut angekommen sind. Sondern das sind die Filme, in denen man schön arbeiten konnte. Es gibt halt Regisseure, die sich als Dompteure betrachten, und es gibt andere, die das nicht machen müssen, aber auch zu einem Ergebnis kommen. Das ist im Theater auch so. Das ist immer so. Es gibt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit denen sie gerne arbeiten, und es gibt welche, mit denen sie sehr gerne arbeiten.
Schmidt (lacht): Sehr nett gesagt!
Espeloer: Also, ich habe zum Beispiel sehr gerne mit Axel Ranisch gedreht. Ich habe diese Sachen, „Babbeldasch“ und „Waldlust“, sehr gemocht. Ich habe diese Arbeitsweise sehr geschätzt. Da ging es mir wirklich gut.
Schmidt: Da sind wir uns einig. Mit Axel Ranisch, glaube ich, haben wir alle gerne gedreht. Das ist schon wirklich was ganz Besonderes gewesen. Aber für mich genauso die Arbeit mit Esther Wenger, die „Das Verhör“ und „Gold“ gedreht hat.
Espeloer: Das Schöne am Odenthal-Team ist auch, dass sich alle mögen. Das ist, glaube ich, nicht überall so. Es war immer schön, wenn wir uns getroffen haben. Wir sind dann auch mal zusammen unterwegs gewesen oder mal Essen gegangen oder so.
Schmidt: Für mich war das ja fast schon ein Ritual, dass ich zweimal im Jahr nach Baden-Baden bin. Da ist ja über 25 Jahre auch menschlich etwas gewachsen. Ich habe mich immer gefreut auf uns alle. Dass das jetzt aufhört, ist natürlich bedauerlich.
Welche Erinnerungen an Ludwigshafen nehmen Sie mit?
Schmidt: Ich war ja immer im Büro und deshalb so gut wie nie hier. Für mich war „Leonessa“ eine nette Geschichte, wie ich da undercover in dieser Westernkneipe war. Das war in Ludwigshafen gedreht. Auch da gibt es Regisseure, die da mehr oder weniger Wert darauf legen. Hier war das Connie Walther, und die sagte immer: Ich kann diesen Kiez hier nicht irgendwo anders drehen. Das muss hier passieren.
Espeloer: Das gibt einen anderen Geschmack, und das sieht man dem Film auch an.
Schmidt: Das finde ich auch. Es gibt aber andere Regisseure, die sind nicht so gerne hier, und die sehen dann zu, dass sie eher in Baden-Baden drehen. Wenn man in einem Ludwigshafener „Tatort“ ansteigende Straßen sieht, weiß man, das ist in Baden-Baden gedreht.
Sie, Frau Schmidt, kommen ursprünglich aus Worms. Haben Sie als Edith Keller Wormser Dialekt gesprochen?
Schmidt: Ich habe mich für etwas Besonderes entschieden. Mein Mann ist Hamburger und ärgert sich dauernd, weil er im Fernsehen so wenig versteht, wenn die Bayern Bayerisch reden und die Pfälzer Pfälzisch und so. Also habe ich mir überlegt, wie kann ich den Dialekt bedienen, aber so, dass mein Mann ihn auch versteht? Ich habe dann genau das gemacht, was meine Mutter gemacht hat, wenn ich mit hochdeutschem Besuch nach Worms kam. Do hot moi Mudder donn immer versucht, hochdeutsch zu spreche. Ich habe mir gedacht, genau das ist es für Frau Keller. Lena Odenthal und Johanna Stern sprechen ja auch hochdeutsch, und Frau Keller würde da jetzt nicht einfach so drufflos redde. Ich hab halt immer so e bissche versucht, wie man so bei uns ewe versucht, hochdeutsch zu redde. Das wird auch in Hamburg verstanden.
Inwieweit haben Sie, Herr Espeloer, im „Tatort“ Ihren Heidelberger Dialekt gesprochen?
Espeloer: Ich habe den Dialekt so weit runtergefahren, dass das Idiom zwar vorhanden ist, aber nicht so extrem. Krasse Ausdrücke wie „Grumbeere“ und „Kanztraube“ für Kartoffeln und Johannisbeeren habe ich nicht benutzt. Es ging ja nicht so sehr darum, da ganz authentisch zu sein, sondern eher darum, ein Zeichen zu setzen.
Schmidt: Auch das handhaben Regisseure unterschiedlich. Da gibt es welche, die schleifen den Dialekt ab und sagen: weniger, weniger. Andere lassen einen reden.
Espeloer: Ich hatte eine Regisseurin, ich sage jetzt nicht, wer, die mich gefragt hat, ob ich als Peter Becker nicht hochdeutsch sprechen könnte. Der habe ich gesagt, nee, kann ich nicht, weil dann spiele ich eine andere Figur. Die hat mich dann so lange gezwiebelt, bis ich in der Redaktion angerufen habe und gebeten habe, seid so gut und erklärt dieser Regisseurin diese Rolle. Das fand ich sehr anstrengend, und die hat dann auch möglichst viel von mir rausgeschnitten.
Gab es für die Rollen ursprünglich ein Casting, oder wie sind Sie dazu gekommen?
Espeloer: Das war wie immer und alles in diesem Beruf Glückssache und Zufall. Ich habe damals mit dem Regisseur Hartmut Griesmayr gedreht und da einen Pförtner gespielt. Der hatte ein paar Sätze im Dialekt. Und der Zufall wollte es, dass Herr Griesmayr den nächsten „Tatort“ inszenierte und die Redaktion jemanden suchte, der den Dialekt kann.
Schmidt: Bei mir war es anders. Der SWR kannte mich aus dem Kleinen Fernsehspiel und wusste, dass ich Dialekt spreche. Da haben die mich gefragt, und ich musste einfach nur Ja oder Nein sagen. Daraus wurden dann diese 25 Jahre. Es ist verrückt, ne?
Espeloer: Ich habe auch gedacht, ich hätte zwei Drehtage.
Schmidt: Dass daraus mal 25 Jahre werden würden …
Wie geht es jetzt für Sie weiter? Oder hören Sie wirklich auf?
Espeloer: Ich bin Kunstprekariat. Das kann ich mir gar nicht leisten. (lacht) Nein, ich mache nach wie vor das, was ich bisher auch schon gemacht habe. Ich arbeite ganz gerne mit Laien, zum Beispiel am Theater Illenau in Achern. Und ich werde das Ende dieser Ära nutzen, um allen Casterinnen und Castern, die ich in irgendeiner Weise wichtig finde, mitzuteilen: Ach, übrigens, ich hab Zeit. Ich wünsche mir viele schöne neue Filme und viele schöne neue Rollen. Vielleicht ergibt sich was, vielleicht nicht. Aber es wird mir ganz bestimmt nicht langweilig. Ich hab’ Kinder, ich hab’ einen Garten, ich hab’ genügend Dinge, die ich gerne tue.
Schmidt: Das Jahr hat 365 Tage. Davon habe ich an maximal 14 Tagen „Tatort“ gedreht. Ich drehe durchaus auch andere Sachen, aber ansonsten verdiene ich mein Geld als Sprech- und Medientrainerin. Ich bilde Volontäre beim Radio aus oder andere, die Reden halten müssen. Dann mache ich Lesungen und Hörbücher – und ich jodle (lacht). Ich habe einen Jodelpartner, und wir erarbeiten uns gerade ein Repertoire.
Kommen Sie damit auch mal nach Ludwigshafen?
Schmidt: Wenn wir eingeladen werden, jodeln wir auch in Ludwigshafen.
Termin
„Tatort: Avatar“ mit Schmidt und Espeloer läuft am Sonntag, 7. Januar, 20.15 Uhr im Ersten.