Berlin / Frankenthal
Zum Tod des Theatermachers René Pollesch, dessen Karriere auch in Frankenthal begann
Kurz nach dem Fall der Mauer besuchte ich ihn in Frankenthal, wo es ein kleines von ihm geleitetes Theater geben sollte. Alleine dass eine nicht wirklich große Kommune in der Pfalz eine Bühne der freien Szene finanziell unterstützte, war ja ein spannendes Thema. Als ich René Pollesch dann gegenüber saß, gab es aber sofort etwas Wichtigeres. Da saß ein zurückhaltender Theatermacher, der in einer ganz eigenen Art über Theater sprach. Es war klar, dass dieser im etwas mehr als 100 Kilometer entfernten hessischen Friedberg als Sohn eines Maschinenschlossers und Hausmeisters aufgewachsene Pollesch ein etwas anderes Theater der Zeitgenossenschaft im Sinn hatte als zum Beispiel „nur“ die Uraufführung von Theaterstücken bekannter Autoren wie Heiner Müller, Tankred Dorst oder Botho Strauß.
Der komplett andere Umgang mit dem Ensemble
Pollesch sprach schon damals darüber, dass er anders mit Schauspielerinnen und Schauspielern arbeiten wolle als das bis dahin der Fall war. Wie so etwas genau aussehen könnte, wusste er zu diesem Zeitpunkt wohl nicht so ganz genau. Was er im Sinn hatte, ereignete sich dann aber doch: und zwar gegen Ende des Jahrtausends auf der Bühne des Luzerner Theaters, wo Barbara Mundel gerade als eine der ersten Theaterintendantinnen gestartet war.
Am Tag der Eröffnung der neuen Intendanz gab es spät am Abend ein Theaterstück mit dem Titel „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“, für das René Pollesch als Autor und Regisseur verantwortlich zeichnete. Es war schon nach Mitternacht und ich war Teil eines Late Night-Schauspiels, das es so bis dahin so noch nicht gegeben hatte. Im Text mischten sich alle möglichen Lebensrealitäten, die Schauspielerinnen und ihre Kollegen sprachen rasend schnell und schienen immer wieder darunter zu leiden, was sie da auf der Bühne machten. Trotzdem war man fasziniert und genoss ein Theater, das sich für die Menschen im überfüllten Zuschauerraum wohl wie eine Party anfühlte, in deren Verlauf ganz zufällig die großen Fragen der Menschheit angerissen wurden.
Das Hochgeschwindigkeitstheater
An diesem Abend wurde ein Hochgeschwindigkeitstheater geboren, mit dem Pollesch durch alle möglichen soziologischen und philosophischen Sphären der Gegenwart spurtete und ganz nebenbei die Mechanismen eines neoliberalen Turbokapitalismus in Frage stellte, aber auch das Theater selbst. Schon zu diesem Zeitpunkt war Pollesch eine eigene Marke, um den sich in der Folge die großen Schauspielhäuser von Berlin über Stuttgart und München bis Wien scharen sollten, auf dass er mit den Schauspielstars der jeweiligen Ensembles so arbeite, dass sie Mitautorinnen und -autoren von Texten wurden die teilweise erst während der Probe entstanden. Da war ein Liebhaber des Theaters und der Welt unterwegs, dem die Welt und das Theater nicht ganz geheuer waren und der aus diesem Zustand der Zerrissenheit große Bühnenkunst machte. Zu diesem Zeitpunkt hätte man über einen Theatermacher schreiben können, der gerade eine steile Karriere hinlege. Das wäre allerdings nicht die ganze Wahrheit gewesen, schließlich war Pollesch selbst ein derart steiles Ereignis, dass er es sich leisten konnte, das Theater in seine Einzelteile zu zerlegen, ohne es zu beschädigen.
Mehr als 200 Stücke und Inszenierungen
Da war einer unterwegs, der das Theater derart verschwenderisch mit mehr als 200 Stücken und Inszenierungen bereichert hat, dass viele Kolleginnen und Kollegen der schreibenden und inszenierenden Zunft ihm nacheiferten. Dass man inzwischen vom Pollesch-Theater spricht, hatte vor allem damit zu tun, dass er in den frühen Nullerjahren einer der prägenden Theatermacher an der Berliner Volksbühne des Frank Castorf war und zusammen mit Größen der darstellenden Kunst wie Sophie Rois, Martin Wuttke und Caroline Peters eine Theaterform perfektionierte, die das Publikum derart genüsslich überforderte, dass es nicht anders konnte, als die Überforderung zu genießen.
Intendant der Volksbühne
2021 wurde Pollesch dann selbst Intendant der Volksbühne und übernahm ein Haus, das nach den grandiosen Castorf-Jahren von Kultur-Managern ins künstlerische Abseits manövriert worden war. Pollesch stellte sich einer schweren Aufgabe, schaffte es nach anfänglichen Schwierigkeiten aber doch, diese für das deutschsprachige Theater so wichtige Bühne künstlerisch zu konsolidieren. Dabei spielte naturgemäß seine eigene Theaterpersönlichkeit eine nicht unerhebliche Rolle. Was diesen Theatermenschen in all den Jahren ausmachte, hat wohl niemand so treffend beschrieben wie der zuletzt wichtigste Pollesch-Schauspieler. Pollesch, so Fabian Hinrichs in einem „Zeit“-Interview, sei deshalb so außergewöhnlich gewesen, weil er immer „anwesend“ war. Mit ihm zusammen sei es immer um „alles oder nichts“ gegangen. Am Montag ist René Pollesch im Alter von 61 Jahren ganz unerwartet gestorben.