Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Zu „hemmungslos“ für die Pfalz: Schriftsteller-Muse Sybille Schloß

Schauspielerin, Kabarettistin, Dichter-Muse und „Femme fatale“ der nicht immer goldenen 1920ern: Sybille Schloß (1910-2007) auf
Schauspielerin, Kabarettistin, Dichter-Muse und »Femme fatale« der nicht immer goldenen 1920ern: Sybille Schloß (1910-2007) auf dem Titelblatt von »Scherl’s Magazin«, einer Illustrierten, die von 1924 bis 1933 in Berlin erschien.

Die zeitkritischen Romane seiner „Trilogie des Scheiterns“ machten Wolfgang Koeppen zur herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein Debüt von 1934 trägt autobiografische Züge und heißt „Eine unglückliche Liebe“. Hinter der Romanheldin verbirgt sich die Schauspielerin Sybille Schloß aus Rheinhessen. Mit ihr verband den Schriftsteller eine bewegt bewegende Beziehung.

Die „Trilogie des Scheiterns“ des 1996 verstorbenen Büchner-Preisträgers Wolfgang Koeppen zählt heute zu den glanzvollsten literarischen Zeugnissen der restaurativen Adenauer-Ära, nachdem die Rezensenten anfangs eher verhalten reagiert hatten. Marcel Reich-Ranicki setzte sich vehement für den Autor ein. Günter Grass und Peter Rühmkorf riefen die Wolfgang-Koeppen-Stiftung ins Leben, die seine Bücher „zu den wichtigsten der gesamten deutschen Nachkriegsliteratur“ rechnet. Uwe Wittstock feiert ihn als „Meister des Verträumens und Versäumens“.

Verpasst, versäumt, verhindert, weil unerfüllt ist Koeppens lebenslange Liebe zur Schauspielerin und Kabarettistin Sybille Schloß. Sie beginnt im schillernden Bohème-Milieu Berlins der besonders „Wilden Zwanziger“. Er ist 21 Jahre alt, hat gerade enttäuscht eine Stelle als Dramaturg und Regieassistent am Theater Würzburg aufgegeben und hofft in der Reichshauptstadt auf Anschluss ans „dramaturgische Kollektiv“ des Regie-Berserkers Erwin Piscator. Sybille Schloß ist nicht einmal 17 und arbeitet auf eine Karriere als Filmschauspielerin hin.

Gedichte oder Zigarren

Sie ist 1910 in München geboren, Tochter der aus Ludwigshafen stammenden Rosa Storck, die zu dieser Zeit noch mit dem in Frankenstein bei Kaiserslautern aufgewachsenen Schriftsteller Wilhelm Michel verheiratet ist. Auch der leibliche Vater ist ein „Homme de lettres“: Der aus Framersheim, heute Kreis Alzey-Worms, gebürtige Karl Schloß schreibt Gedichte und Essays. Dann gibt er seine künstlerischen Neigungen auf und kehrt zurück nach Alzey. Dort soll er einmal die in Familienbesitz stehende Zigarrenhandlung übernehmen, die gerade um eine eigene Fabrik in Worms erweitert wurde.

Im Kriegsjahr 1914 heiraten Karl Schloß und Rosel Michel, geborene Storck. Die Familie, zu der drei Kinder aus Rosas erster Ehe gehören, lässt sich zunächst in Alzey, dann in der Wormser Kaiser-Wilhelm-Straße 22 nieder. Der Betrieb hat zwischen zwölf und 20 Festangestellte und beschäftigt daneben bis zu 120 Saisonarbeiterinnen.

Sybille Schloß bleibt zunächst in Worms gemeldet, als sie 1927 durchbrennt. Sie ist 16 Jahre alt, hungrig nach Erlebnis und Erfolg, eine „außergewöhnlich selbstbewusste und eigenwillige junge Frau“, wie die Journalistin Andrea Köhler schreibt. Im funkelnd schillernden Kultur-Babylon Berlin will die ungestüme Wilde ihr Glück machen. In der dort erscheinenden „Literarischen Welt“, dem „Unabhängigen Organ für das deutsche Schrifttum“, hat sie eine Anzeige gelesen.

Aufnahme bei Max Reinhardt

Gesucht werden neue Gesichter für die noch stumme Kinoleinwand. Es winken Probeaufnahmen und bei Eignung ein Engagement. Sybille Schloß sucht ein großes Foto, setzt eine Bewerbung auf und schreibt: „Für den Film glaube ich hervorragend geeignet zu sein, denn ich bin vollkommen hemmungslos.“

Eine Antwort wartet sie erst gar nicht, fährt mit der Eisenbahn von Worms nach Berlin, marschiert direkt in die Redaktion der „Literarischen Welt“. Schriftleiter Willy Haas, der das Wochenblatt gemeinsam mit Ernst Rowohlt herausgibt, ist begeistert. „Die Hemmungslose ist da!“ ruft er über den Flur. Und noch einmal: „Die Hemmungslose ist da!“ Alsbald wird die noch nicht großjährige Provinz-Lolita zur Geliebten des mehr als doppelt so alten Publizisten. „La Bohème“ trifft „Roaring Twenties“.

Dank Haas’ Prominenz lernt der durchaus begabte Wildfang die entscheidenden, berühmten und wichtigen Männer kennen. Vermutlich auf Vermittlung von Gustaf Gründgens wird sie an der Schauspielschule von Max Reinhardt angenommen, arbeitet als Fotomodell, ist 1931 Covergirl der Juli-Ausgabe der auflagenstarken Illustrierten „Scherls Magazin“. Zu ihrem Freundeskreis gehört der Schauspieler Wilfried Seyferth (der sich später in den „08/15“-Filmen vom Komiker zum Unsympath wandelt) und der nachmalige Verleger Herbert Kluger.

Des Dichters Seelenpein

Auftritt Wolfgang Koeppen. Auftakt zu einer „Amour fou“ mit allen Klischees, die dazugehören. Der ständig von Geldnöten bedrohte Autor verliebt sich auf den ersten Blick in den blutjungen, betörend schönen Vamp mit ausgeprägt anarchischen Ambitionen fürs Auffallen und Aufbegehren. Er umwirbt sie, vergöttert sie, verfällt ihr. Und sie? Macht Hoffnung und lässt zappeln. Gurrt und entzieht sich. Flirtet und lockt. Ermuntert und vertröstet. Genießt und weist ab.

Koeppen verzehrt sich. Er schreibt ihr flammende, flehende Liebesbriefe. Winselt und droht. Die Schöne gibt sich kapriziös. Der Dichter leidet. Muss zusehen, wie sie sich von anderen Männern den Hof machen und küssen lässt. Windet sich zwischen Eifersucht und Verzweiflung, Liebes- und Todessehnsucht.

Sie lässt den Kontakt nie abreißen. Braucht und ruft ihn für Autoren- und Handlangerdienste, denen er allzeit willfahrt. Trotz der – à la mode ostentativ zur Schau getragenen! – sexuellen Libertinage eines Zwanziger-Jahre-Flappers wird sie ihn nie erhören.

Das jedenfalls gibt sie sieben Jahrzehnte später im Interview zu Protokoll. Derweil bewahrt er die handschriftlichen Notizen und Briefentwürfe an die Unerreichbare sein Leben lang auf. Auf einem Konvolut, das heute zum Wolfgang-Koeppen-Archiv der Universität Greifswald gehört, steht lapidar „Sybille“. Neben professionellen Aktaufnahmen enthält es Aufzeichnungen von Mord- und Suizid-Fantasien.

Aus Sybille macht er Sibylle, die Hauptfigur seines Romans „Eine unglückliche Liebe“, 1934 im Berliner Verlag Bruno Cassirer erschienen. Es ist das hoffnungslos resignative Manifest seiner Seelenpein und Vereinsamung, die eindringliche Beschreibung jener „Wand aus dünnstem Glas, durchsichtig wie die Luft und vielleicht noch schärfer die Erscheinung des anderen wiedergebend“, die immer bestehen bleibt: „Es war dies eine Grenze, die sie nun respektierten.“

Während Wolfgang Koeppen freier Mitarbeiter und dann Feuilletonredakteur des „Berliner Börsen-Couriers“ wird, dreht Sybille Schloß ihren ersten (und einzigen) Film: „Hunger in Waldenburg“ ist ein halbdokumentarischer Stummfilm um die unbeschreibliche Not schlesischer Weber und Bergmänner, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen gerade Schlagzeilen gemacht haben.

Zwei Pfälzer in Berlin

Regie führt der Pfälzer Piel (auch Phil) Jutzi, der im selben Jahr 1929 auch in seinem Klassiker „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ harsche Sozialkritik übt und später den nicht minder bitteren „Berlin Alexanderplatz“ (1931) auf die Leinwand bringt. In „Hunger in Waldenburg“ spielt Sybille Schloß eine junge Witwe und Mutter, die einen jungen Arbeitslosen bei sich aufnimmt; den verkörpert Jutzis Schwager Holmes Zimmermann aus Maikammer.

Der Film, der zunächst „Ums täglich Brot“ heißt, wird am 15. März 1929 im Berliner Tauentzienpalast uraufgeführt. Die Nazis belegen ihn 1933 mit einem kompletten Aufführungsverbot. Der Altleininger Jutzi – jetzt Parteimitglied und Blockwart – dreht fortan nur noch Kurzfilme.

Sybille Schloß meldet sich am 9. Oktober 1931 von Worms nach München ab, wo sie ein Engagement an den Kammerspielen antritt. 1933 winkt die erste Hauptrolle, die Rede ist von Strindbergs „Fräulein Julie“. Doch im Jargon der neuen Machthaber ist sie „Halbjüdin“ und muss das Ensemble verlassen. Sie wechselt zum Kabarett „Pfeffermühle“, das soeben von der Schauspielerin und Promi-Tochter Erika Mann sowie dem Komponisten Magnus Henning in München ins Leben gerufen wurde.

Die Manns und das KZ

Zum Ensemble gehören Erikas Bruder Klaus, die Tänzerinnen Cilli Wang und Lotte Goslar, der einstige „Nosferatu“-Darsteller Max Schreck, die Schauspielerin Therese Giehse und ihr Kollege Igor Pahlen, Sybilles zeitweiliger Geliebter und lebenslanger Freund. „Es war ein kühnes Unterfangen“, wird Erika Mann später schreiben. „Denn von Anfang an war die ,Mühle’ militant antinazistisch.“

So wird die „Pfeffermühle“ zum ersten deutschsprachigen Exiltheater. Die Truppe weicht nach Zürich aus, geht auf Europa-Tournee. Wolfgang Koeppen ist zur Stelle, wann immer Sybille ihn ruft, steuert einen Text bei. Zur Erlangung der Aufenthaltsgenehmigung geht sie eine Scheinehe mit einem Schweizer ein, verlässt die „Pfeffermühle“ und stößt 1936 in New York wieder dazu. 1937 heiratet sie in London den Patentanwalt Thomas Michaelis.

Durch seine Vermittlung können die Eltern Karl und Rosel Schloß im September nach Den Haag emigrieren. Für Sybille ist ihr Ehemann trotz allseits unterstellter Homosexualität die große Liebe ihres Lebens. Sie wandern endgültig in die Vereinigten Staaten aus – „mit dem Versprechen, die Eltern nachkommen zu lassen, sobald sie dort Fuß gefasst haben“. In Holland marschiert die Wehrmacht ein. Die Nazis drängen Rosel, sich von ihrem jüdischen Mann scheiden zu lassen. Sie bleiben zusammen, kommen in Gestapohaft. Karl Schloß wird Anfang 1944 im KZ Auschwitz ermordet, seine Frau wenige Tage später in Ravensbrück.

Heimatlos in New York

Sybille Schloß erfährt davon erst nach Kriegsende und ist schwer erschüttert. Nachdem sich ihre Hoffnung auf Filmrollen zerschlagen hat, arbeitet sie unter anderem als Buchhändlerin. Da ihr zweiter Mann auch im Exil eine erfolgreiche Anwaltskanzlei führt, ist sie nach der Scheidung finanziell abgesichert. Ihre dritte Ehe mit dem Kunstmaler John Marsteller endet mit dessen Selbstmord.

Die Arbeit von Wolfgang Koeppen verfolgt sie weiterhin. Den Roman „Eine unglückliche Liebe“ habe sie „sehr geschätzt“, vom 1976 erschienenen Prosastück „Jugend“ sei sie „begeistert“ gewesen, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Hiltrud Häntzschel. Im Oktober 1986 treffen die beiden ein letztes Mal zusammen, als Koeppen auf Lesereise durch die USA ist.

In der Nacht zum 13. Dezember 2007 stirbt Sybille Schloß mit 97 Jahren in ihrer New Yorker Wohnung. Für einen empfindsamen Schriftsteller war sie „Eine unglückliche Liebe“. Zugleich steht ihr Schicksal symbolhaft für ein nur vermeintlich „Goldenes Zeitalter“ ebenso wie für die Flucht und Vertreibung ungezählter Heimatloser.

Schauspielerin Sybille Schloß in ihrem einzigen Film: „Ums tägliche Brot“ (1929„ , der später „Hunger in Waldenburg“ heißt.
Schauspielerin Sybille Schloß in ihrem einzigen Film: "Ums tägliche Brot" (1929" , der später "Hunger in Waldenburg" heißt.
Verschnürt wie dieses Nachass-Paket bewahrt der Dichter Erinnerungen an Sybille auf.
Verschnürt wie dieses Nachass-Paket bewahrt der Dichter Erinnerungen an Sybille auf.
Wolfgang Koeppen (1906-1996) 1986, Büchnerpreisträger 1962.
Wolfgang Koeppen (1906-1996) 1986, Büchnerpreisträger 1962.
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