72. Berlinale
Zerbrechliches Glück: Filme aus China und der Schweiz im Wettbewerb
Es ist eine ungewöhnliche Liebe: Die patente Postbotin und Kellnerin Anna (Michèle Brand) heiratet den schweigsam-stoischen, wuchtigen Marco (Simon Wisler), einen zugezogenen Flachländler. Nach nur einem Winter im Dorf. Auch mit Annas etwa siebenjähriger Tochter versteht sich der sanfte Riese gut. Doch Marco hat Vorahnungen. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass das gar nicht sein kann, so schön ist es mit dir“, sagt er zu Anna. Dieses Glück ist zerbrechlich.
Mit „Drii Winter“ führt der Schweizer Regisseur Michael Koch, der in Deutschland lebt, in eine Bergwelt jenseits der Postkartenbilder. Die Hänge sind steil, das Tal ist eng, die Arbeit schwer. Und für Sentimentalitäten ist wenig Platz: Wenn die Kuh beim dritten Versuch nicht trächtig wird, muss sie zum Schlachter.
Ein Tumor, der wächst
Marco identifiziert sich zusehends mit den Kühen, wird selbst animalischer: „Er hat fast nichts anderes mehr im Kopf“, gesteht Anna einer Freundin angesichts von Marcos Sextrieb. Dass ihn Kopfschmerzen plagen und er auf einem Auge kaum mehr etwas sieht, nimmt das Paar dennoch nicht ernst – bis nach einem leichten Motorradunfall Marcos Gehirn untersucht wird. Ein Tumor wächst darin. Seine Persönlichkeit werde sich weiter ins Unberechenbare verändern, sagt der Arzt.
Dann sieht das Publikum Marco zurück auf dem Hof, mit großer Narbe. Und hofft, dass alles gut wird. Doch Michael Koch hat im Grunde eine griechische Tragödie inszeniert. Erst jetzt kommt die wahre Prüfung für Anna: Ihr Mann verhält sich immer erratischer, ist dadurch die kleine Tochter in Gefahr? Die ohnehin misstrauische Dorfgemeinschaft wendet sich weiter ab von dem Zugezogenen.
Bergwelt aus den Fugen
Ein Chor singt bereits zum zweiten Mal vom Tod, vorher hieß es: „Ein Sturm packt ihn“. Die Sänger gehören zum Chor Luzern, Regisseur Koch platziert sie als Kommentar und Möglichkeit des Innehaltens in markante Landschaften, an einen Wasserfall, vor nassen Fels, ans winterliche Seeufer (gedreht wurde im Kanton Uri, im Isenthal und am Urner See). Sakral klingt das, aber nicht unbedingt Trost spendend. Denn auch diese Bergwelt ist aus den Fugen. „Drii Winter“ ist ein packender, befremdlicher Film, dem es gut tut, dass Koch mit Laien aus der Region gearbeitet hat: Den Bergbauern, der Marco spielt, hat er zwei Jahre überredet mitzumachen. Und Josef Aschwanden (Marcos Arbeitgeber), der zur Berlinale-Premiere in Tracht kommt, lebt ganzjährig auf 1550 Metern auf seiner Alp Gitschenen. Wer zu ihm will, muss die Bergbahn nehmen. Oder zu Fuß gehen.
Außenseiter-Liebe in China
Ebenfalls mit dokumentarischer Note, aber das Thema zugleich überhöhend, beleuchtet der chinesische Film „Return to Dust“ die Mühen wie die Schönheit des Landlebens. Und auch hier geht es um Liebe. Allerdings eine, die erst langsam wächst. Zwei Außenseiter jenseits der 40 sind genötigt worden, einander zu heiraten: der „vierte Bruder“ (Wu Renlin), der sanft zum Esel ist und trotz seiner großen Arbeitskraft als Trottel gilt, und Guiying (Hai Qing), die hinkt, das Wasser nicht halten kann und unfruchtbar ist.
Aus der Notgemeinschaft wird bei der gemeinsamen Feldarbeit und dem Bau eines eigenen Hauses mehr. Einen Fernseher und einen Besuch bei einem richtigen Arzt will der vierte Bruder seiner Frau noch schenken. Doch auch dieses kleine Glück ist gefährdet, selbst wenn eine Wohnung in der Stadt in Aussicht gestellt wird: Auch Regisseur Ruijun Li erzählt nicht von Hoffnung, sondern vom Fehlen von Gemeinschaft.
Die Berlinale-Juroren aber könnten sich fragen, ob beide Wettbewerbsbeiträge trotz ihrer Qualitäten nicht doch eher rückwärtsgewandt sind als etwas über unser Jetzt zu erzählen. Die Bären werden am Mittwoch vergeben.