Kultur
Vor 90 Jahren: „Der blaue Engel“ macht Marlene Dietrich zum Weltstar
Die Uraufführung fand vor 90 Jahren im „Gloria-Palast“ am Berliner Kurfürstendamm statt. Josef von Sternbergs Leinwanddrama war einer der ersten deutschen Tonfilme und ist bis heute einer der international erfolgreichsten deutschen Filme der Kinogeschichte.
Ufa-Produzent Erich Pommer und der Schauspieler Emil Jannings wollten weltweit für Furore sorgen. Als Regisseur verpflichteten sie Sternberg, mit dem Jannings bereits in den USA preisgekrönt zusammengearbeitet hatte. An einer zunächst vorgeschlagenen Verfilmung über das Leben Rasputins war der Regisseur nicht interessiert, schließlich diente Heinrich Manns Roman „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“ als Film-Vorlage.
Die Stars halten wenig von der jungen Schauspielerin
Dass Emil Jannings die männliche Hauptrolle spielt, steht fest. Erst kurz zuvor ist er als erster Oscarpreisträger aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt. Für die Besetzung der verführerischen Sängerin Lola-Lola kommen Lucie Mannheim, Brigitte Helm und Trude Hesterberg in die engere Wahl, auch Käthe Haack und Blandine Ebinger dürfen bei Sternberg vorsprechen. Doch keine entspricht seinen Vorstellungen auf der Suche nach dem „ewig Weiblichen“. Seinen Star entdeckt der Regisseur eher zufällig, als er sich im „Berliner Theater“ die Revue „Zwei Krawatten“ mit Hans Albers und Rosa Valetti anschaut, beide bereits für seinen Film in Nebenrollen besetzt. „Hier war das Gesicht, das ich gesucht hatte: provozierend, schmachtend, verzückt, hinreißend und bezaubernd“ erinnert sich Sternberg später. Die Schauspielerin zögert jedoch . Sie habe kein Talent für den Film. Sternberg aber lässt nicht locker und bringt sie schließlich zur Vertragsunterzeichnung. Jennings wie Pommer sind wenig begeistert von dieser Entscheidung.
Heinrich Mann, der Autor der Romanvorlage, arbeitet am Drehbuch mit
Das Drehbuch des Films entsteht unter Mitwirkung des Autors, zum Team gehören Karl Gustav Vollmoeller, Carl Zuckmayer und Robert Liebmann. Vollmoeller ist gleichzeitig auch technischer Berater der Ufa und kümmert sich ebenfalls um den Ankauf der Filmrechte. In der dramatischen Story bietet sich für Jannings eine maßgeschneiderte Rolle im halbseidenen Milieu des Tingeltangels, die Binsenweisheit „sex sells“ gilt schon damals. Die Dreharbeiten für Jannings ersten Tonfilm dauern weniger als drei Monate und sind am 22. Januar 1930 abgeschlossen.
„Der blaue Engel“ erzählt vom gesellschaftlichen Abstieg des in die Jahre gekommenen Gymnasial-Professors Immanuel Rath (Jannings), der an der Liebe zur Barsängerin Lola-Lola Fröhlich (Dietrich) zerbricht. Er wird aus dem Schuldienst entlassen, heiratet sie und gerät in eine entwürdigende Abhängigkeit. Schließlich verlässt die Sängerin Rath und tröstet sich mit dem Artisten Mazeppa (Albers). Am Ende kann der Lehrer mit der Schmach nicht leben und stirbt in seiner früheren Schule am Katheder.
Theodor W. Adorno hält ausschließlich
die Beine der Dietrich für erwähnenswert
Carl von Ossietzky nannte den Film ein „larmoyantes, unintelligentes Spießerstück“, Theodor Adorno hielt noch in den 1950er Jahren ausschließlich die Beine der Dietrich für erwähnenswert. Das Publikum hingegen ist von Anfang an begeistert. Trotz der hohen Kosten des Prestigeprojekts von rund zwei Millionen Reichsmark in Zeiten von Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit. Allein Superstar Jannings kassiert 200.000, Sternberg 40.000 und Mann 35.000 Reichsmark, Marlene Dietrich als noch aufgehender Stern muss sich mit 25.000 zufriedengeben. Die Rolle der Lola-Lola ermöglicht ihr aber den internationalen Durchbruch. Das Parteiorgan der NSDAP, der „Völkische Beobachter“, sieht im Film allerdings eine „bewusst jüdische Zersetzung und Beschmutzung deutschen Wesens und deutscher Erziehungswerte“.
Friedrich Hollaender komponiert Titel, die zu Gassenhauern werden
Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen führt den Erfolg des Films einerseits auf die Erotik und andererseits auf den Mythos der Schauspielerin Dietrich zurück: „,Der blaue Engel’ war ein Stück gelungenes Entertainment.“ Obwohl viele Zeitgenossen Dietrichs Auftritt als männermordendes Luder in Strapsen als höchst skandalös empfinden. Die Filmmusik komponiert Friedrich Hollaender. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Ich bin die fesche Lola“ und „Kinder, heut’ Abend, da such’ ich mir was aus“, von der Dietrich gesungen, werden zu Gassenhauern.
Die Karrieren der beiden Hauptdarsteller entwickeln sich äußerst unterschiedlich. Jannings sieht seine Zukunft im Dritten Reich und tritt fortan in verschiedenen Ufa-Produktionen auf. Wegen seiner Nähe zu den Nazis wird er 1945 von den Alliierten mit einem lebenslangen Auftrittsverbot belegt. Marlene Dietrich verlässt noch am Premierenabend Deutschland. In Hollywood erhält sie einen Siebenjahresvertrag und steigt an Sternbergs Seite zum umschwärmten Star auf.
Das Premierenkino „Gloria-Palast“, im Krieg zerstört und danach wiederaufgebaut, wurde 2017 abgerissen.