Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 67 Jahren erschien der erste „Playboy“

Design auf Messers Schneide: „Playboy“-Interieur.
Design auf Messers Schneide: »Playboy«-Interieur.

Kalender: Am 1. Dezember 1953 erschien der erste „Playboy“, Marilyn Monroe auf dem Cover. Heute, in der neuesten deutsche Ausgabe, sind die Bilder einer Influencerin aus Speyer zentral. Das Magazin war einmal stilprägend, Gründer Hugh Hefner Avantgarde. Und dann?

Hugh Hefner, ein studierter Psychologe und Werbemanager aus Chicago, ist als Lustgreis im seidig glänzenden Morgenrock verewigt, leider. Kapitänsmütze auf, drahtig, leicht ausgezehrt. Die Frauen in seinem Arm, Häschen, drapiert mit ein paar Pailletten. Oder: Er im Plüschbett, sie, verfügbar im Pool seiner Mansion in den Holmby Hills, Los Angeles. Seine Girls, sie sahen bis zuletzt aus wie gerade aus den sechziger Jahren in die Gegenwart gebeamt. Aufgehübschte Pin-up-Mamsellen aus einer anderen Welt. Wie tragisch, wie gut so: Als Hefner, der Erfinder und die Verkörperung des Männermagazins „Playboy“, das am 1. Dezember 1953 zum ersten Mal erschien, starb - im September 2017 - mit 91 Jahren, hatte er sich selbst überlebt. Ein tapferer Frauenheld bis zum Schluss, Spitzname „Pharao“. Nur halt leider grotesk jetzt. Museal, verpönt, ein Inbegriff des alten weißen Mannes, prä- und dauerpotent, das Letztere allerdings nur unter freundlicher Mithilfe von Viagra, wie er freimütig zugab.

Einen Monat nach seinem Tod jedenfalls kam im Windschatten des Weinstein-Skandals die #MeToo-Bewegung in Fahrt, ein Solidarpakt gegen übergriffige, sich selbst ermächtigende, toxische Männer. Zwei Jahre später wurde in den USA die Printausgabe des „Playboy“ eingestellt, der in seinen besten Zeiten Anfang der siebziger Jahre sieben Millionen Abonnenten hatte. Und selbst der nach Hefner benannte Hase Sylvilagus palustris hefneri, ein in Florida beheimatetes Sumpfkaninchen, steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Ein letztes Symbol, das es gar nicht gebraucht hätte: Hefner, sein Typus, der „Playboy“, die süß aufregenden Zeiten, als das Heft verschämt gekauft, auf dem Dachboden verwahrt und nach dem Zubettgehen der Eltern oder Ehefrau gelesen wurde, sind im Verschwinden begriffen, allesamt. Das heißt: schon scheintot. Und wegen vieler guter und schlechter Gründe, die nicht zuletzt mit der Digitalisierung und Durchpornografisierung der Gegenwartsgesellschaften zusammenhängen. Hefner aber war nicht immer seine eigene Karikatur. Avantgarde, vielmehr.

Heft eins des „Playboy“ klebte Hefner mit Hilfe der ersten seiner vier Ehefrauen, Mildred, zusammen. Am Küchentisch. Mit geliehenem Geld, unter anderem von der Mutter. Vom Cover winkte stilbildend Marilyn Monroe im schwarzen Bodysuit mit weißem Kragen. 500 Dollar kosteten die Rechte für die Aufnahmen des Starlets, dessen Stern mit Filmen wie „Blondinen bevorzugt“ gerade zu leuchten begann. Und nur mal zum Hintergrund: Wenn es gut lief, hatte der amerikanische Mann damals in seinem bisherigen Leben zwei Frauen nackt gesehen: seine Mutter und die Ehefrau, sofern er denn eine hatte.

Der „Playboy“ sollte eigentlich ja auch „Stag Party“, Junggesellenabend, heißen. Die Namensgleichheit eines anderen Magazins verhinderte das. Der – wenn auch nur im Herzen – ungebundene Lebemann allerdings geisterte auf ewig als eigentlicher Adressat weiter herum.

50 Cent kostete eine Ausgabe. Rund 55.000 Exemplare wurden verkauft. „Dieses Heft ist nichts für Frauen“, stand darin. Gleichwohl setzte sich Hefner fortan – außer für die sexuellen Selbstversorger – auch für die Emanzipation der Frau ein. Zumindest dafür, dass auch brave Mädchen Spaß am Sex haben dürfen. Hefner stritt für das Recht auf Abtreibung. Und gleichzeitig schaffte er es, den Ausziehmädchen eine Lust an der Selbstobjektivierung einzuflüstern, die bis heute nachwirkt.

„Schon als junges Mädchen habe ich zu meiner Mama gesagt: ,Wenn ich mal groß bin, möchte ich in den Playboy – da sind die schönsten Frauen drin“, lässt sich so Julia Römmelt aus Speyer zitieren, die als Playmate das sogenannte Centerfold des Dezemberhefts 2020 der seit 1972 existierenden deutschen Ausgabe ziert. Statt Marilyn Monroe eine Influencerin, um die Fallhöhe zu markieren.

„Schwul ist gut“, stand im „Playboy“ – 1955

1956 im Übrigen ist so ein ausklappbares Foto erstmals im „Playboy“ erschienen. Ein Jahr zuvor aber schon die Kurzgeschichte „The Crooked Man“, darin sind – verkehrte Welt - schwule Männer die Norm, während heterosexuelle Männer verfolgt werden.

Wenige Jahre später und auf dem Titel stand: „Gay is good“, schwul zu sein, ist gut. Das erste aller Lifestylemagazine war – trotz immer eindeutiger Adressierung an den weißen Hetero-Mann – einmal so etwas wie die Folie für einen völlig offenen Möglichkeitsentwurf des Maskulinen. Es ging nicht nur um die Fleischbeschau. Nicht nur darum, dem Selbstwertgefühl der Männer dadurch aufzuhelfen, dass sich – wenn auch indirekt – selbst Promifrauen von ihm kaufen lassen.

„Wir lieben es, uns einen Drink zu mixen, ein oder zwei Hors-d’œuvre bereitzustellen, legen stimmungsvolle Musik auf und laden eine Bekannte ein, um mit ihr in aller Ruhe zu reden – über Picasso, Nietzsche, Jazz, Sex.“ So stand es im ersten Heft. Picasso, Nietzsche, Jazz, Sex. Zu einer Zeit, in der in der US-Gesellschaft – gefühlt – zwei Mannesbilder vorherrschten. Der Macker und Jäger mit Ziegenbart und Holzfällerhemd, der in seiner städtischen Schrumpfform als Hipster gerade seine Wiederkehr erlebt. Dazu der mausgraue Mappen- und Seitenscheitelträger, der sich im Bürojob ermüdet. Und plötzlich konnte man ein Kerl sein, wie vom „Playboy“ vorexerziert, also Sex auch zelebrieren. Selbst kochen, Langusten essen, Flanieren, den Franzosen geben, sich für Stehlampen interessieren, häuslich sein. Und elegant. Und urban. Eine Art parfümierter „Conaisseur à la européenne“ werden, wie es die Soziologin Camille Paglia einmal formulierte. Mit gutem Recht lässt sich spekulieren, dass es eine Figur wie James Bond, verkörpert von Sean Connery, ohne die Vorarbeit des „Playboy“ nicht gegeben hätte.

Schon im ersten Jahr erschien darin Ray Bradburys Science-Fiction-Roman „Fahrenheit 451“ in drei Lieferungen. Margret Atwood, John Updike, Truman Capote, Philip Roth oder Hunter S. Thompson schrieben im Laufe der Jahre für das Magazin, das Norman Mailers legendäre Geschichte über den Boxkampf von George Foreman und Muhammed Ali in Zaire finanzierte. Martin Luther King und Fidel Castro gaben Interviews. Künstler wie Andy Warhol steuerten etwas bei. Der Kalauer, dass man den „Playboy“ aus kulturellem Interesse kauft, war nicht immer so fern.

Hippie mit Smoking und Designgeschmack

Vor allem weil Hefner als Hippie im Smoking lange Zeit nicht nur eine lässige Alles-geht- und Freie-Liebe-Attitüde kultivierte. Sondern, scheinbar mit linker Hand von seinem drehbaren Riesenbett aus, auch einen Architektur- und Designstil, der auf Messers Schneide stand.

Models wurden in Eero Saarinens Tulip Chairs inszeniert. Die Fotostories spielten in Interieurs von Charles und Ray Eames. Jorge Ferrari-Hardoys Schmetterlingsstuhl war öfter mal im Bild. Vielleicht hat niemand so viel für die allgemeine Verbreitung visionärer Architektur wie die von John Lautner oder Richard Buckminster Fuller getan, wie der später als notgeiler Pornograf verschriene Sohn streng methodistischer Eltern. Nicht ohne Grund hat ihn das Frankfurter Deutsche Architekturmuseum 2004 mit einer Ausstellung gewürdigt.

„Playboy Architektur“ hieß die Schau, in deren Zentrum ein Heftarchiv stand. Sie umfasste die Zeit von 1953 bis 1979. Ziemlich genau der Zeitpunkt also, als Hugh Hefner der Instinkt zu verlassen begann und sein Niedergang anfing. Unter Ronald Reagan wurde der Verkauf des „Playboy“ in Supermärkten verboten. Gleichzeitig verlagerte Hefner sein Geschäftsmodell auf andere Felder: Markenspirituosen, Parfüms, Kooperationen mit Modelabel, ein Kasino in London, Pop-up-Veranstaltungen, Clubs. Kaltes Business. Seine Schlusspointe allerdings geriet Hugh Hefner dann wieder tiefromantisch. „Ich möchte einen Ort finden, an dem die Songtexte wahr werden“, hatte er einmal gesagt. Nun ließ er sich auf dem Hollywood Forever Friedhof beerdigen. Ein schmales Wandgrab. Unscheinbar wie das daneben. Die Frau, mit der alles anfing, liegt dort begraben: Marilyn.

Der Kalender

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Briefmarkenwürdig
Briefmarkenwürdig
Scharfer Hase im Korb: Gründer Hugh Hefner.
Scharfer Hase im Korb: Gründer Hugh Hefner.
Mit ihr fing alles an: Marilyn Monroe.
Mit ihr fing alles an: Marilyn Monroe.
Ohne die Vorarbeit des „Playboy“ kaum denkbar: Sean Connery als James Bond.
Ohne die Vorarbeit des »Playboy« kaum denkbar: Sean Connery als James Bond.
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