Pfälzer Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Kunst mit Schlauch: Pfalzpreisträgerin Fritzi Haußmann

Interpretationsoffen: Die Frankenthaler Künstlerin Fritzi Haußmann in ihrer Ausstellung im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern
Interpretationsoffen: Die Frankenthaler Künstlerin Fritzi Haußmann in ihrer Ausstellung im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern.

Fritzi Haußmann verarbeitet alte Fahrradschläuche zu Kunstobjekten. Jetzt zeigt die Pfalzpreisträgerin Plastik ihr Werk zusammen mit den Arbeiten der Nachwuchspreisträgerin Theresa Lawrenz im Kaiserslauterer Museum Pfalzgalerie.

Es riecht etwas streng – nach Fahrradladenlager. Das an der Wand arretierte Teil könnte der reliefartig quer gestreifte Umhang einer Endzeit-Film-Gestalt sein, Requisite von „Mad Max“ zum Beispiel. Ein olfaktorisches Ding, das auf seinen Einsatz wartet, für was auch immer. Ein angelandetes Etwas mit Oktopusarmen, das den Untiefen eines Albtraum-Meers entstammt. In Wahrheit aber ist das vage, leicht unheimliche, bei entsprechender Behandlung auch quietschende Wesen aus Gummi natürlich Kunst, die von der Decke hängt und Möglichkeitssinn verbreitet.

Werkschau: Oben links eine Arbeit von Fritzi Haußmann. Die restlichen Arbeiten sind von Nachwuchspreisträgerin Theresa Lawrenz ,
Werkschau: Oben links eine Arbeit von Fritzi Haußmann. Die restlichen Arbeiten sind von Nachwuchspreisträgerin Theresa Lawrenz , die im Hintergrund zu sehen ist.

„tube object“ heißt das Werk, Rohrobjekt auf Deutsch, es ist aus gebrauchten Fahrradschläuchen entstanden, um Assoziationen ins Rollen zu bringen. Die ästhetisch-sinnfällige Aufwertung eines gebrauchten Gebrauchsgegenstands, mit dem die Frankenthaler Künstlerin Fritzi Haußmann vergangenes Jahr den Pfalzpreis für Plastik gewonnen hat. Und nun ist das Rohrobjekt in einem langen Flur im ersten Stock des Museums Pfalzgalerie in Kaiserslautern angebracht.

Daneben wurde eine kleine Mauer aus Sichtbetonelementen freigestellt. Findlinge sind darin eingelassen, passgenau. Bauschuttstücke, Abfall vom Hochstraßenrückbau in der Abriss-Metropole Ludwigshafen. Noch so ein englisch betiteltes Gewinnerinnenwerk, „hold in trust“, auf Deutsch „im Vertrauen halten“, das vom Nachhall der gewöhnlichen Dinge erzählt. Die 31-jährige Theresa Lawrenz aus Mainz, die nebenbei an der TU Kaiserslautern, Fachbereich Architektur/künstlerisches Gestalten, arbeitet, hat dafür den Nachwuchs-Pfalzpreis erhalten.

Zu den Siegerinnen rechts

Milchiges Licht fällt durch die Jalousien auf die beiden Siegerarbeiten des vom Bezirksverband ausgeschriebenen Wettbewerbs, an dem 121 Künstlerinnen und Künstler mit mehr oder weniger großem Pfalzbezug beteiligt gewesen sind. Es ist immer wieder erhebend, wie fast weihevoll schön die ehemals angeranzte Pfalzgalerie nach der dringend gebotenen Sanierung mittlerweile auf einen wirken kann. Ganz aufgeraut stellt der neue, von der Stuttgarter Staatsgalerie gekommene Museumschef Steffen Egle Fotos seiner Arbeitsumgebung auf Instagram. Zur eigentlichen Pfalzpreisträgerinnenschau, der ersten Ausstellung in seiner Amtszeit, geht es in den Trakt gegenüber.

Lockdown-Performance von Fritzi Haußmann.
Lockdown-Performance von Fritzi Haußmann.

Ein langer Gang empfängt die Besuchenden auch hier, wie drüben sind Arbeiten von beiden zu sehen, von Fritzi Haußmann etwa ein rüsselartiges, von der Wand abstehendes Objekt, und von Theresa Lawrenz ein an Marcel Duchamps Flaschentrockner gemahnendes Gestell aus im Bauwesen üblichen Armierungseisen. Werke, die wie ein pfeilartig zugeschnittener Betonguss mit vier Metallstangenbeinen von Lawrenz, der auf einen wie gestrandet daliegendes Objekt von Haußmann zeigt, teils aufeinander verweisen. „Rubble safe“, heißt das Teil von Lawrenz, „Schutt sicher“, wörtlich übersetzt.

Egles Stellvertreterin Annette Reich hat die Pfalzpreis-Präsentation stimmig kuratiert, die wegen ihrer Ungewöhnlichkeit wie gemacht ist für Menschen, die glauben, zeitgenössische Kunst – unbedingt – verunglimpfen zu müssen, aus unerfindlichen Gründen. Aber gerade ihnen zum Trotz ist insbesondere die Hauptpreisträgerin Fritzi Haußmann mit ihrer raumzeichnerischen, umgebungsverändernden, poetischen Arte povera die Entdeckung der Stunde innerhalb der Pfälzer Kunst.

Der „Hammer“

Jahrgang 1970, eine an der Wiesbadener Hochschule studierte Kommunikationsdesignerin mit Schwerpunkt Freie Grafik, danach war sie an der Mannheimer Kunstakademie. Haußmann hat an ihrer künstlerischen Position lange im eher Stillen experimentiert. Zwei Kinder großgezogen. Sie lebt und arbeitet in Frankenthal und in rauer Umgebung in einer Ateliergemeinschaft im ehemaligen Güteramt, mitten im Hafengebiet des Mannheimer Bonadieshafens. Spätestens mit ihrem Einzug dort, 2021, hat ihre Karriere Fahrt aufgenommen.

2019 hingen so mit Klebeband überklebte Fotografien von Fritzi Haußmann am Bauzaun der ewigen Baustelle des unsäglichen „Metropol“-Projekt am Berliner Platz in Ludwigshafen. Eine von Passanten vielbeachtete künstlerische Intervention. 2020 war sie in der Schau „Neue Richtungen“ in der ehemaligen Mannheimer Stadtgalerie prominent vertreten. Ein raumfüllendes Werk aus recyceltem Material ist vergangenes Jahr, Originalton der RHEINPFALZ-Kritikerin Sigrid Feeser, „der Hammer“ beim „Deltabeben“ in der Kunsthalle Mannheim gewesen, einer Großausstellung, die die Höhepunkte des Kunstschaffens in der Metropolregion Rhein-Neckar ausstellt.

Die Reise nach Jerusalem

Die ehemalige Walldorfer Synagoge hat sie auch als Kunstraum eingeweiht – ausgewählt von der ehemaligen Ludwigshafener Kunstvereinsleiterin Barbara Auer, mit einer verwickelten Installation aus ausrangierten Stühlen und von der hohen Decke hängenden Seilen aus Gummi. Titel: „go stop stay play.“ Das Werk stellt eine ortsbezogene Allegorie auf das „Die Reise nach Jerusalem“-Spiel dar, mit dessen dramatischen historischen und Gegenwartsbezügen aus Flucht, Angst, Vertreibung und Ausschlusserfahrung, den Schicksalsfäden, an denen alles hängt. Und jetzt also der Pfalzpreis, der die Künstlerin etwa mit der Jockgrimer Bildhauerikone Franz Bernhard (1934-2013), oder dem in Germersheim geborenen documenta-III-Teilnehmer Lothar Fischer (1933-2004) verbindet. Seit Haußmann das Innenleben von Reifen als Rohstoff und Markenzeichen für sich entdeckt hat, läuft es mit ihrer eigenwilligen Transformationskunst ziemlich rund.

Neues Element Lkw-Reifenschläuche: Arbeit von Fritzi Haußmann.
Neues Element Lkw-Reifenschläuche: Arbeit von Fritzi Haußmann.

Lockdown-Kunst

Sie selbst schwärmt richtiggehend von dem Material, das sie bei örtlichen Fahrradhändlern einsammelt, in aufwendigen Prozessen reinigt, zusammenstückelt und – seit dem Preisgewinn von 10.000 Euro endlich mit einer professionellen Maschine – zu linearen 3D-Zeichnungen zusammennäht. Zu filigranen oder flächigen, massiven Formen bis hin zu Objekten, die sich aktionskünstlerisch einsetzen lassen. Wie bei einer Performance zum Thema Corona-Lockdown und Kontaktsperre, bei der sich zwei Frauen mittels Arm-verlängender Schlauchtentakeln auf Abstand begegnet sind.

Ein Video existiert von dieser angemessen bizarren Situation. Und Fotos, von denen einige jetzt in Kaiserslauterer Preisträgerinnenschau hängen. Haußmann ist ganz hin und weg von den „Eigenheiten und Spuren der Geschichte“ des Materials, den Graustufen des unterschiedlich abgenutzten Gummis, den „grafischen, reliefartigen Strukturen und Prägungen“, die sich bei der Weiterverarbeitung ergeben.

Immer wieder neu sortiert sie die Elemente zu anderen interpretationsoffenen Arrangements. Sie lässt die Ventile rausstehen, wie die Pfeile, die den heiligen Sebastian durchbohren, baut Flicken ein. Sie reizt die künstlerischen Möglichkeiten des Materials aus. Sie hat das Repertoire mit der Verwendung von Lkw-Reifen-Schläuchen erweitert, mit denen sie ihre Arbeiten ummantelt, so dass die Fahrradschläuche wie Adern aus den Objekten quellen. Auch stellen die großen Dinger sie technisch vor neue Herausforderungen. Wieder neuen, gerade jetzt, wo sie Fahrradschläuche beherrscht.

Wie menschliche Überreste: Arbeit aus Fritzi Haußmanns „Skin“-Serie .
Wie menschliche Überreste: Arbeit aus Fritzi Haußmanns »Skin«-Serie .

Neu ist auch, dass die Künstlerin Farbe benutzt, etwa um einer Serie von Wandobjekten aus kleinteilig collagierten Schläuchen eine metallische Anmutung zu verleihen. Wie Miniskulpturen des Auto-Crashers John Chamberlain sehen sie aus. „Skin“, Haut, und „Cuts“, Schnitte, nennt sie die in einem Raum versammelten Plastiken aus gerissenem Gummi mit Einschnitten und vernähten Farbpartien, die mit ihrer braunrosafarbenen Färbung an abgerissene Gliedmaßen erinnern. Ein Schlachtfeld. Fritzi Haußmann sagt, der Krieg in der Ukraine habe sie zu der Serie – irgendwie: gedrängt. Seltsam, wie sich dieser Eindruck auch dem Betrachtenden vermittelt. Wie man doch sieht, was man denkt. Wie man schmunzeln muss, bei den Arbeiten, die Haußmanns Preisträgerinkollegin Theresa Lawrenz in den hinteren Räumen installiert hat.

Darunter ist eine Videoarbeit, die zeigt, wie sie ein fast frauhohes Lenkrad durch die Straßen von Mainz rollt und balanciert – zur Verwunderung der sie passierenden Verkehrsteilnehmer. Die an der Kunsthochschule Mainz ausgebildete, in Frankfurt, Mainz und Kaiserslautern lebende Nachwuchskünstlerin ist neben der Architektur und ihrem Überdauern sichtlich von Mobilität bewegt, von Autos.

Ein Gipfeltreffen

Ein Teppich liegt in ihrem Ausstellungsbereich auf dem Boden, konturiert wie eine Karosserie oder die Auslegware eines Autoinnenraums. Radkappenartige Gebilde aus Keramik lehnen an der Wand. Ein übergroßes Lenkrad aus Filz zerfließt wie die Uhren auf Salvador Dalís Posterbild „Die Beständigkeit der Erinnerung“. Zudem sind zwei, Außenspiegeln nachgeformte, Objekte ausgestellt, die sich als Fäustlinge anziehen lassen – zu Zwecken einer Performance. Gut vorstellbar jedenfalls, dass Lawrenz während der Ausstellung damit auftritt. Wer weiß, vielleicht legt dann auch Fritzi Haußmann ihre während des Corona-Lockdowns entstandenen Fahrradschlauch-Prothesen noch einmal an. Schön wär’s. Ein herrlich provokantes, performatives Gipfeltreffen.

Die Ausstellung

Bis 10. Juli. Infos: www.mpk.de

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