Buch aktuell RHEINPFALZ Plus Artikel Jussi Adler Olsens Abschied von Carl Mørck

„Carl ist mir in vielerlei Hinsicht ähnlich“, sagt Jussi Adler-Olsen über seinen Kommissar.
»Carl ist mir in vielerlei Hinsicht ähnlich«, sagt Jussi Adler-Olsen über seinen Kommissar.

Beim finalen Thriller-Showdown „Verraten“ lässt der dänische Bestsellerautor Jussi Adler-Olsen seinen Ermittler Carl Mørck dunkle Stunden durchleben – und konfrontiert ihn mit seiner traumatischen Vergangenheit. „Von Anfang an hatte ich die ganze Geschichte vor Augen, aber das Finale zu schreiben, war dennoch schwierig“, betont Adler-Olsen im Gespräch mit der RHEINPFALZ über sein Buch, das allerdings eine Spur zu dick aufträgt.

In seinem letzten Fall widerfährt Carl Mørck Übles: Der Polizist wird vom Jäger zum Gejagten. An einem eiskalten Weihnachtstag sitzt er in Handschellen auf dem Rücksitz eines Polizeiautos. Drogenschmuggel und Mord werden ihm vorgeworfen, alle Indizien sprechen gegen ihn. Er fühlt sich wie ein Stück in einem riesigen Puzzle.

Ein mysteriöser Koffer

Die 77 kurzweiligen Kapitel des Krimis, jeweils nach der agierenden Hauptperson benannt, verschmelzen zu einem stimmig verzahnten Gesamtkonstrukt, das auch auf Geschehnisse aus dem ersten, 2007 erschienenen Fall „Erbarmen“ zurückgreift. Die Vergangenheit holt Carl Mørck in aller Härte ein: Der bei einem Einsatz ums Leben gekommene Freund und Kollege Anker Høyer hatte ihm einst einen Koffer anvertraut, den Mørck ungeöffnet auf dem Dachboden verwahrte. Völlig naiv.

Der Kofferinhalt wird ihm nun zum Verhängnis: Als darin harte Drogen und eine beachtliche Menge Bargeld zum Vorschein kommen, wird der Kriminalkommissar zum Beschuldigten. Auf die Unterstützung seiner Kollegen kann er jetzt nicht mehr zählen, nur seine Familie und der harte Kern des Sonderdezernats Q hält ihm die Treue.

Im Westgefängnis kämpft Mørck, dem eine Isolationshaft zunächst verweigert wird, gegen die Anfeindungen der Mitgefangenen. Mit letzter Kraft wehrt er einen heimtückischen Mordanschlag von Häftlingen ab, die in seine Zelle eindringen Kurz darauf kommt sein Pflichtverteidiger in Not, ein Unbekannter setzt auf Mørck ein Kopfgeld aus. Sein Leben ist in Gefahr, alles dreht sich um Fragen wie: Was geschah wirklich vor vielen Jahren im sogenannten Nagelpistolenfall? Was hat der parallel erzählte Handlungsstrang um den korrupten, niederländischen Polizisten Eddie Jansen, den eine bizarre Drogenorganisation im Würgegriff hat, mit Mørcks Inhaftierung zu tun? Gibt es ein Entkommen aus dem Netz aus Lügen? Und wer steckt hinter der brutalen, nicht enden wollenden Mordserie?

Der späte Erfolg

Für Jussi Adler-Olsen war es eine Herkulesaufgabe, das Finale der zehnbändigen Thriller-Reihe rund um das Sonderdezernat Q zu schreiben. Viele literarische Personen wurden zu Freunden, die man nur schweren Herzens ziehen lässt, erzählt er im RHEINPFALZ-Gespräch Der 73-jährige dänische Bestsellerkönig verkaufte, laut dtv-Verlag, allein in Deutschland über zehn Millionen Exemplare seiner vielfach preisgekrönten, in 45 Sprachen übersetzten Bücher.

Erst 1997 hatte er als Schriftsteller mit dem Thriller „Das Alphabethaus“ debütiert, populär wurden vor allem die Krimis um den Ermittler Mørck und seinem syrischen Assistenten Assad. Zum Abschluss der Serie über das Sonderdezernat Q entzündet Adler-Olsen ein Inferno aus Gefühls- und Spannungsmomenten – er liefert klare, direkte, action- und konfliktreiche Krimi-Prosa ohne Umschweife, die sich wie ein Drehbuch für einen Blockbuster über mustergültig skrupellose Verbrechen liest.

Aufmerksame Leser finden viele Antworten auf offene Fragen, doch werfen Irrungen, Wirrungen und falsche Verdachtsmomente neue Fragen auf und sorgen für Nervenkitzel. In jedem der neun vorherigen Fälle hat der Autor Fährten Richtung großes Finale gelegt; dazu gehören Andeutungen darüber, was wirklich am Tag geschah, der Mørck traumatisierte. „Von Anfang an hatte ich die ganze Geschichte vor Augen, aber das Finale zu schreiben, war dennoch schwierig“, betont Adler-Olsen. „Denn mir war wichtig, dass auch diejenigen, die zum ersten Mal eins meiner ,Q’-Bücher lesen, mit dem zehnten Band einsteigen können.“

Der Angst-Lust-Wumms

Sein Plot klotzt, statt zu kleckern und sorgt für einen doppelten Angst-Lust-Wumms. Fein ausgearbeitete Charaktere fehlen allerdings, die Sprache ist rustikal bis schroff: Ein Gefängnismitarbeiter hat den Spitznamen Peter Brüllaffe, der Gefängnisinsasse William Bastian wird nur „Karnickelschwanz“ genannt, da er Verhältnisse mit wohlhabenden Frauen einging, um sie wie heiße Kartoffeln fallen zu lassen, sobald die Kasse leer war. Effekte statt Tiefe dominieren bis zur letzten von 590 Seiten.

Aktuelle Themen wie korrupte Seilschaften und Verschwörungstheorien ziehen sich durch das gesamte Buch, schwingen atmosphärisch immer mit. Ein korrupter Gefängnismitarbeiter, ein gekaufter Kripoermittler aus Rotterdam, eine zwielichtige Polizeikommissarin mit einer beeindruckend hohen Aufklärungsrate lassen die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen.

Auch die Klatschpresse wird ins Visier genommen. Bisweilen klingt das etwas klischeehaft. Korruption, Habgier und ein Netz aus Lügen sind omnipräsent. Vieles wird jedoch nur angedeutet, bleibt vage: Tatsächliche Sozial- und Gesellschaftskritik, wie sie seinen Vorbildern Maj Sjøwall und Per Wahlöö mit ihrem zehnbändigen Kriminalroman-Zyklus mit dem schwedischen Polizisten Martin Beck gelang, findet man höchstens zwischen den Zeilen. Adler-Olsen hat weniger die Vision einer solidarischen, gerechten Gesellschaft, vielmehr geht es ihm um die Essenz dessen, was einen Thriller ausmacht: eine atemraubende Mischung aus Schauer, Erregung und Sensation.

Lesezeichen

Jussi Adler-Olsen: „Verraten“, aus dem Dänischen von Hannes Thiess; dtv; 590 Seiten; 26 Euro.

Interview: Jussi Adler-Olsen über sein Alter Ego und dessen Ende

Herr Adler-Olsen, warum endet die Carl-Mørck-Reihe mit dem zehnten Fall? Wie traurig sind Sie darüber?
Vor vielen Jahren habe ich mir vorgenommen, zehn Romane in dieser Reihe zu schreiben. Ich bin erleichtert und sehr froh, dass mein ursprünglicher Plan aufgegangen ist und vor allem, dass die Leserinnen und Leser den Büchern bis zum Schluss treu geblieben sind.

Vor 17 Jahren begannen Sie, Krimis mit dem Sonderermittler Carl Mørck und seinem syrischen Assistenten Hafez el-Assad zu schreiben. Wie autobiografisch sind die Figuren der Krimireihe und inwieweit Teil Ihres Lebens?
Carl ist mir in vielerlei Hinsicht ähnlich. Ich habe einige meiner Eigenschaften in seine Persönlichkeit gelegt. Er wird immer ein Teil von mir sein. Das Team, das Carl umgibt, hat zwar keine meiner Eigenschaften, aber sie alle treiben Carl zum Handeln an. Carl Mørck und das Sonderdezernat Q sind seit so vielen Jahren ein zentraler Bestandteil meines Lebens. Wo immer ich in meinem Umfeld hinsehe, erkenne ich Dinge, die mich an die vielen wunderbaren Erlebnisse erinnern, die sie mir geschenkt haben. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Was war die Initialzündung, den letzten Carl-Mørck-Fall „Verraten“ zu schreiben? Ist eine Fortsetzung ausgeschlossen?
Ich werde keine Sonderdezernat-Q-Bücher mehr schreiben. Ist Ihnen klar, wie viele Details man sich für jeden neuen Roman merken muss, den man schreibt?

Der Auslöser in diesem Roman ist im Grunde: Wem kann man vertrauen? Ihren ältesten Kollegen? Nicht wirklich. Ihrem Chef? Nicht wirklich. Kriminellen, die Sie im Gefängnis kennen lernen? Nun ja, in einigen Fällen schon.

Warum sind Ihrer Ansicht nach Krimis auch in politisch prekären Zeiten so beliebt? Was ist das Erfolgsgeheimnis dieses Genres?
In vielerlei Hinsicht gilt: Je privilegierter eine Gesellschaft ist, desto mehr Menschen lesen Krimis. Ich finde, dass diejenigen, die in Gegenden leben, in denen sie mit Verbrechen konfrontiert sind, einfach nicht so gerne darüber lesen. Abgesehen davon hat sich das Krimi-Genre verändert – es sind nicht mehr die traditionellen „Whodunits“, sondern Romane mit einer Geschichte, welche die Funktionsweise unserer Gesellschaft kommentiert. Es ist eine Möglichkeit, um soziale Elemente einzubringen.

Ich glaube, genau das macht den Lesern Lust auf mehr. Alle heutigen Krimiautoren sollten Sjøwall und Wahlöö huldigen – sie haben dieses Genre erfunden.

Zur Person: Jussi Adler-Olsen

Jussi Adler-Olsen, geboren am 2. August 1950 in Kopenhagen, studierte Medizin, Soziologie, politische Geschichte und Film. Bevor er 1995 mit dem Schreiben begann, arbeitete er als Redakteur für Magazine und Comics, als Koordinator der dänischen Friedensbewegung, war Verlagschef sowie Aufsichtsratsvorsitzender bei Energiekonzernen. Mit seiner Thriller-Serie um Carl Mørck und den Romanen „Das Alphabethaus“, „Das Washington-Dekret“ und „Takeover“ gelangen ihm Bestseller. Seine Bücher erscheinen in 45 Sprachen. Mit „Verraten“ hat er den zehnten und letzten Band über Kriminalkommissar Carl Mørck vorgelegt.

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