Kultur Jonas Kaufmann beendet Tournee

Kaufmann widmet sich aktuell auf CD und im Konzertsaal der französischen Oper.
Kaufmann widmet sich aktuell auf CD und im Konzertsaal der französischen Oper.

Nicht zum ersten Mal begleitete die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz einen absoluten Weltstar der Klassikszene auf einer Tournee. Am Mittwochabend sang Startenor Jonas Kaufmann in der Stuttgarter Liederhalle sein französisches Programm „L’Opéra“, und das Orchester aus Ludwigshafen war ihm unter der Leitung von Jochen Rieder ein zuverlässiger Begleiter.

Große Stimmen leben nicht von ihrer Schönheit alleine. Im Gegenteil. Manchmal kann zu viel Schönheit auch langweilen. Nun geht es bei einem Ausnahmesänger wie dem Tenor Jonas Kaufmann natürlich oft genug um Schönheit. Gemeint sind dann allerdings eher die äußeren Werte. Der gepflegte Dreitage-Bart, die lockigen Haare, der tiefdurchdringende Blick, überhaupt sein leicht latinohaftes Äußeres sorgen bei so manchem weiblichen Klassikfan schon für Herzwummern, noch bevor der 48-Jährige überhaupt einen Ton gesungen hat. Auch Jonas Kaufmanns Stimme ist schön, das muss man nicht mehr betonen. Eine Binsenweisheit. Aber sie ist eben nicht nur schön. Sie ist mehr als schön. Der Tenor vermag unfassbar viele Farben in seine Stimme zu legen, die dabei immer diesen warm-grundierten Unterton behält. Mal klingt sie heldisch, strahlend, wirkt dann überwältigend; dann fast schon zerbrechlich, ja brüchig, gerade wenn er ins Pianissimo wechselt. Registerwechsel versucht er erst gar nicht zu überspielen beziehungsweise zu übersingen. Er steuert sie bewusst an und unterstreicht sie somit noch. Zudem ist Kaufmann der wohl derzeit vielseitigste Tenor. Er lässt sich einfach nicht festlegen, nicht auf das deutsche, das italienische oder das französische Fach. Er singt Lohengrin in Bayreuth, Cavaradossi (in Puccinis „Tosca“) in München, „Don José“ (in Bizets „Carmen“) an der Mailänder Scala, Verdis „Otello“ in London oder auch die Titelpartie in „La damnation de Faust“ in Paris. Gerade das französische Repertoire, dem auch seine jüngste CD mit dem Titel „L’Opéra“ gewidmet ist, meiden viele deutsche Heldentenöre. Es ist ein gefährliches Terrain, sehr heikel, liegt zum Teil durchgängig unangenehm hoch. Kaufmann erläuterte im RHEINPFALZ-Interview die Einzigartigkeit der französischen Oper, sei es bei Meyerbeer, Massenet, bei Gounod, Bizet oder auch bei Berlioz. Diese Komponisten hätten für eine bestimmte Art zu singen komponiert, die mit der deutschen oder italienischen Tradition nicht zu vergleichen sei. Und dennoch wagt er sich an dieses Repertoire, nicht nur auf CD, sondern auch live, auf der Opernbühne wie im Konzertprogramm. Etwa am Mittwoch in der Stuttgarter Liederhalle, beim Abschlusskonzert einer kurzen Tournee, bei der Kaufmann von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Jochen Rieder begleitet wurde. Kaufmann hatte sich auch eine Partnerin mitgebracht: die Mezzosopranistin Kate Aldrich. Mit ihr zusammen gestaltete er jeweils zum Abschluss der beiden Konzertteile vor und nach der Pause ganze Opernszenen. Zum einen das Finale des ersten Aktes aus Massenets Oper „Werther“, zum anderen – als umjubelten Höhepunkt des Abends – das Finale von Bizets „Carmen“. Inklusive des Bühnentods der Titelheldin. Eigentlich müsste man ja sagen, dass dies irgendwo ein wenig befremdlich wirkt, wenn nicht gar albern, wenn da ein Tenor im schwarzen Frack und eine Sängerin im wunderschönen Abendkleid sich gegenseitig emotional so aufheizen, dass ihm dann irgendwann endgültig die Sicherungen durchbrennen und er in seiner Verzweiflung zum Messer greift, um die Frau, die ihn mindestens so sehr demütigt wie er sie liebt, zu töten. Wer glaubt denn schon so was? Aber Kate Aldrich, die bereits vor der Pause eine sinnlich-glühende „Habanera“ aus Carmen gesungen hatte, und Kaufmann nimmt man das Geschehen auf der Bühne der emotional doch eher ernüchternd wirkenden Stuttgarter Liederhalle ab. Sie gestalten mit der Überzeugungskraft ihrer Stimmen, brauchen keine Kostüme, keine Kulissen, und die Verzweiflungsschreie des zurückgewiesenen Don José stellt Kaufmann in einer Art und Weise in den Raum, das die Gänsehautwirkung beim Publikum garantiert ist. Ganz große Gefühle, ganz große Oper. Allein mit der Macht der Stimme. Man kann eine Menge lernen über die menschliche Stimme, wenn man Kaufmann Arien aus Meyerbeers „L’Africaine“, Gounods „Roméo et Juliette“ oder Halévys „La Juive“ (ein absoluter Glanzpunkt des Abends) singen hört. Nicht nur über die unterschiedlichen Klangfarben, die man mit ihr bilden kann, sondern auch über dynamische Abstufungen und damit einhergehend über die richtige Technik. Kaufmann hat quasi den Mut zur Selbstauslöschung. Er singt auch höchste Passagen im Pianissimo, was dann eben nur noch in der Kopfstimme möglich ist. Und dennoch bleibt die Stimme präsent, auch leiseste Töne gehen nicht unter – und werden dann wiederum von hell strahlenden, grandios auftrumpfenden Spitzentönen abgelöst. Wer sich in solche Sphären des Beinahe-Verstummens vorwagt, der muss sich auf das ihn begleitende Orchester verlassen können. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz ist unter der Leitung des gebürtigen Südpfälzers Jochen Rieder ein sehr aufmerksamer, sensibler Begleiter. Zugleich bewegt sich das Konzertorchester sehr sicher auf dem doch nicht so ganz vertrauten Terrain der Oper, zumal der französischen Oper. Daneben hat das Orchester aber auch seine Soloauftritte, darunter regelrechte Ohrwürmer wie den „Ungarischen Marsch“ aus Berlioz’ „Faust“ oder „Danse Bohème“ und „Aragonaise“ aus Bizets „Carmen“-Suiten Nummer eins und zwei. Das könnte an manchen Stellen vielleicht noch etwas leichtfüßiger, unbeschwerter klingen, aber schon die das Konzert eröffnende Ouvertüre zur Oper „Mignon“ von Ambroise Thomas beweist, dass die Staatsphilharmonie, der man ja oft unterstellt, sie sei nur in der deutschen Romantik zu Hause, auch lyrisch gefärbt, perlend und spritzig musizieren kann. Typisch französisch eben.
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