Pfalzgeschichte(n)
Ins Loch mit dem bösen Wolf!
Der „Pfälzer Mandelpfad“ führt rund 100 Kilometer weit durch die Weinberge zwischen Bockenheim und Schweigen. Die Tourismus-Werber schwärmen: „Lassen Sie sich betören vom frühesten Frühling in Deutschland, von rosarotem Blütenzauber und vom Charme der Pfälzer Rebenlandschaft.“ Doch wer auch Augen und Sinne für das Unzauberhafte hat, wird plötzlich stutzen: „Im Wolfsloch“ heißt es bei Maikammer auf einem Hinweisschild, hinter dem der Mandelpfad in eine Talsenke führt.
Erste Erwähnungen dieser Gewanne stammen aus dem Jahr 1487: „Wingart in dem wolff loch“. Doch wieso streiften Wölfe damals ausgerechnet durch diese heute als so rosarot und betörend angepriesene Gegend? Heimatforscher haben herausgefunden, dass es einst zwischen Maikammer und dem Nachbarort St. Martin einen „Kuhfriedhof“ gab; dort an der Gemarkungsgrenze wurden die Tierkadaver verscharrt. Der Verwesungsgeruch lockte immer wieder Wölfe aus dem nahen Pfälzerwald an. Um zu verhindern, dass die Raubtiere bis in die Dörfer kamen und Viehherden wie Menschen bedrohten, gab es verschiedene Jagdmethoden: eine relativ simple Maßnahme waren Fallgruben – Wolfslöcher, Wolfsgruben oder auch Wolfskauten genannt.
Im Namen des Wolfes
Ein „Kuhfriedhof“ wie im Falle Maikammers mag Wölfe zusätzlich angezogen haben, zur fürchterlichen Plage wurden sie aber auch anderswo in der Pfalz immer wieder. Vor allem am Ende des Dreißigjährigen Krieges und in den darauffolgenden Jahrzehnten. 1643 notierte ein Augustinermönch eines Kreuznacher Klosters: „Oh, betrüblicher Jammer! Oh, jämmerliche Betrübnis! Die hitzige Pestilenz (Pest) hat die gesunde Luft verunreinigt. Der schon 24 Jahre dauernde Krieg hat reiche Bürger und Bauern zu armen Bütteln gemacht, Städte und Dörfer sind verhungert und verderbt. Die volkreiche Pfalz ist an Einwohnern ausgeleert, daß itzo mehr Wölf und andere Untiere herumlaufen als Untertanen sich auf den platten Land befinden.“
Wie verbreitet vor Jahrhunderten Wolfsgruben zur Gefahrenabwehr waren, lässt sich in der Pfalz auch heute noch an Flur- und Straßennamen ablesen. Es ist eine Art Heimatkunde in Stichworten: Beim Landauer Stadtteil Godramstein stößt man beispielsweise auf die Lagen „Auf der Wolfsgrube“ und „In der Lanzengrube“. Bei Lemberg in der Südwestpfalz gab es die Gewanne „In den Wolfslöchern“, nach der inzwischen ein 90 Hektar großes Naturschutzgebiet benannt ist. In den Ludwigshafener Stadtteilen Edigheim und Ruchheim gehen die Straßennamen „Bei der Wolfsgrube“ und „Wolfsgrubenweg“ ebenfalls möglicherweise auf die Wolfsjagd zurück. Und in über 20 Dörfern im Landkreis Kusel stößt man auf Flurnamen, die einen direkten Bezug zu Wolfsgruben haben.
Ansichten aus der Grube
Doch wie effektiv war diese Methode? Meistersinger Hans Sachs lässt 1543 in seinem Gedicht „Die Wolfsklage über den bösen Menschen“ den Isegrim selbst seine Nöte schildern:
„Wo mich ein Mensch erblicket nur, da macht im Lande er Aufruhr und schreit: ,Ein Wolf, ein Wolf, wohlauf!’ Dann kommt zusamm ein großer Hauf’, dann thut man mir mit Garn nachstellen, der Waidleut’ ihre Hörner gellen, davon ergreift mich Schauder schwer; dann kommen bellend die Hund’ daher, mich in das Garn hinein zu jagen; dann sie mich schießen, stechen, schlagen. Auch machen mir die Bauernbuben im Wald viel heimliche Wolfsgruben, darein sie mich zu springen zwingen, um mich ums Leben mein zu bringen.“
Wer sich bei Maikammer an dem Hinweis auf das Wolfsloch umschaut, sieht – natürlich – Mandelbäume. Und auch eine tiefe Mulde, die sich aber schnell als Ablauf eines Entwässerungsgrabens entpuppt. Will man tatsächlich noch Reste von alten Wolfsgruben finden, muss man weiter in den Pfälzerwald. Beispielsweise nach Schwabenbach, eine Minisiedlung oberhalb des Elmsteiner Tals.
Ein schmales, kurvenreiches Sträßchen führt hoch auf eine Bergkuppe, in dem Talkessel dahinter verstecken sich märchenhaft entrückt die wenigen Häuser von Schwabenbach. Wolfsjäger bleiben oben stehen, denn die Grube liegt dort direkt neben der Straße. Der Elmsteiner Heimatforscher Heinrich Weintz hat sie in den 1930er-Jahren einmal ausführlich beschrieben. Damals war die Vertiefung zwei Meter lang, einen Meter breit und größtenteils aufgefüllt, so dass sie „Baum und Strauch hervorsprießen lässt“. Doch irgendwer hat verhindert, dass die Natur dieses kleine Kulturdenkmal noch weiter einebnet: Die Schwabenbacher Wolfsgrube präsentiert sich heute als rund zwei Meter tiefes und fünf auf vier Meter großes Loch. Kein Baum, kein Strauch; dafür eher gepflegter Rasen. Direkt daneben steht ein etwas störender Strommast – und kurioserweise ein beiseite geschobenes Straßenschild, das einen kurz aufschrecken lässt: „Achtung Treibjagd“.
Was die Steine erzählen
Es ist ein Ort wie aus dem Lehrbuch – genauer aus „Der Dianen Hohe und Niedere Jagtgeheimnüß“. Diese Aufzeichnungen sind das umfangreichste Werk über die Jagd, das im 17. Jahrhundert in deutsche Sprache erschienen ist. Verfasst hat es Johann Täntzer (ca. 1633-1690), selbst ein erfolgreicher Wolfsjäger. Er beschreibt genau, wo und wie Wolfsgruben zu platzieren sind. Nämlich nicht irgendwo im Dickicht, sondern auf „Kreuzwegen“: „Denn die Wölffe traben dieselben gerne, darauff sie desto stiller als im Holze schleichen können.“ An der Grube bei Schwabenbach treffen ein halbes Dutzend Wege zusammen. Und: Die Fallen sollten nach Täntzers Erfahrung am besten auf Bergkuppen platziert werden: „Mitten auf dem Weg, wo es hoch, daß in die gegrabene Grube denn kein Wasser kommen kan.“
Die spärlichen Hinweise auf Wolfsgruben im Pfälzerwald sind vor allem Karl Albrecht Ritter (1836-1917) zu verdanken. Er war Chef des pfälzischen Forstwesens und Gründungsvorsitzender des Pfälzerwald-Vereins. Auf seine Initiative hin wurden ab 1908 im Pfälzerwald Sandsteinblöcke aufgestellt, deren gelbe Inschriften teils vergessene und versteckte, aber stets geschichtsträchtige und besondere Örtlichkeiten anzeigen. Drei dieser mittlerweile über 300 „Rittersteine“ kennzeichnen Stellen, an denen es einmal Wolfsgruben gab. Außer auf dem Bergrücken bei Schwabenbach findet man solch eine Erinnerungsmarke auch etliche Kilometer südlich von Kaiserslautern am Rande des Stadtwaldes und bei Wilgartswiesen (Kreis Südwestpfalz). Die Stelle bei Kaiserslautern ist ebenfalls ein Platz, der Johann Täntzers 400 Jahre alten Vorgaben exakt erfüllt; er liegt auf einer Anhöhe und an einer Kreuzung, auf die gleich zwölf Wege und Pfade stoßen. Nicht nur deshalb ist dies ein Ort, der wie aus der Zeit gefallen erscheint.
Von unten lockt das Huhn
Der „Ritterstein“ steht am Fuße zweier mächtiger Buchen, in deren Rinde die eingeritzten Namen und Zeichen aufgeplatzt und stark gewulstet sind. Es muss sehr, sehr lange her sein, dass sich dort Jäger oder Liebespaare verewigt haben; mit dem Wachstum der beiden Bäume wurden die Buchstaben im Zeitlupentempo gedehnt und gestreckt – zu rätselhaften Hieroglyphen. In den Ratsprotokollen der Stadt Kaiserslautern ist für das Jahr 1737 vermerkt: „Es sollen im Stadtwald Wolfsgruben hergerichtet werden, weil das Raubzeug wieder stark zugenommen.“ Doch deren Überreste sucht man heute vergebens, auch wenn der Ritterstein dort zurecht platziert wurde.
Im Fall von Wilgartswiesen ist dies völlig anders. Etwa ein Kilometer oberhalb des Orts führt ein kurzer Pfad hoch, schnell wird man fündig: Es ist die wohl am besten erhaltene Wolfsgrube, die es noch im Pfälzerwald gibt, und vermittelt deshalb eine gute Vorstellung der Konstruktion. Diese Fallen waren über vier Meter tief, ihr Durchmesser verjüngte sich nach unten. Meist waren sie mit Holzbohlen oder – wie bei Wilgartswiesen – mit Sandsteinen ausgekleidet. Abgedeckt wurden sie mit Reisig und Ästen oder sogar mit einem rotierenden Deckel – so war die Grube schneller wieder einsatzbereit. Lockmittel waren Köder wie Aas oder auch ein angebundenes lebendes Huhn. Saß der Wolf erst in der Falle, war sein Ende nahe: gesteinigt, erschlagen oder erschossen.
Das falsche Tier in der Falle
Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein – das ist eine der bekanntesten Redewendungen. Und hatte wohl auch im Falle der Wolfsgruben damals ihre Berechtigung. Johann Täntzer wusste: „Man hat Exempel, daß Menschen sind hinein gefallen“. Mitunter mit fürchterlichen Folgen: „Es ist aber auch geschehen, daß der gefangene Wolff auch wohl einen Menschen drin meist auffgefressen“, heißt es in Täntzers Jagdbuch. In der Pfalz ist ein tödlicher Unfall aktenkundig, weil er zwischen 1445 und 1475 die Gerichte beschäftigte. Opfer war das Pferd des Schultheißen im heutigen Neustadter Ortsteil Haardt: Es war beim Weiden am helllichten Tag in eine Wolfsgrube gestürzt und verendet. Der Schultheiß verklagte die Besitzer des Grundstücks, die nach seiner Auffassung die Falle hätten tagsüber verschließen müssen, um sie nicht zur Gefahr für Vieh und Mensch („fiehe oder lute“) werden zu lassen. Die Hüter des Rechts in Neustadt entschieden salomonisch: Schadenersatzpflichtig seien die Grundstücksbesitzer nur dann, wenn sie zuvor amtlicherseits darüber belehrt worden seien, die Wolfsgrube am Tag nicht offen zu lassen.
Heute gehört der Wolf zu den streng geschützten Tierarten. Gruben muss er nicht mehr fürchten, allenfalls gerät er in eine Wildtier-Fotofalle. Wie beispielsweise zuletzt bei Bad Dürkheim. Seit 2015 sind Grauwölfe vereinzelt wieder in der Pfalz aufgetaucht, sesshaft wurde aber bisher keiner von ihnen. Im Sommer war ein Rüde kreuz und quer im Pfälzerwald unterwegs, riss in den Landkreisen Südwestpfalz, Bad Dürkheim und Kaiserslautern mehrere Schafe und Ziegen. Seitdem fehlt von ihm aber jede Spur. „Man hat gesehen, der ist on Tour; wo er jetzt hin ist, darüber kann man nur spekulieren, der kann überall sein“, sagt Julian Sandrini vom Koordinationszentrum für Luchs und Wolf in Trippstadt.
Überall? Das Naturschutzgebiet „Wolfslöcher“ bei Lemberg-Glashütte ist eine einsame Moorlandschaft. Bezaubernd, verwinkelt und sehr still. Außergewöhnlich still. Wer dort wandert, hört alles. Auch plötzlich ein Keuchen. Ein Hund, ein …? Nein, es ist nur der Flügelschlag eines Raben.
Wegweiser
- Elmstein: : An der Straße Harzofen - Forsthaus Wolfsgrube (K 22), rechts neben dem Ortsschild Schwabenbachs. Tourtipp: Von dort Rundwanderung (4 km) zur Wolfsschluchthütte (hin: Weg Nr. 7, zurück: gelb-roter Balken – Einstieg über Brunnenweg).
- Wilgartswiesen: Oberhalb des Sportplatzes auf Helmut-Wölfel-Weg ca. 1 km bergan. Tourtipp: Die Wolfsgrube liegt an der Wilgartswieser Burgen-Tour (15 km).
- Kaiserslautern: am PWV-Weg Kaiserslautern-Speyerbrunn (gelber Balken), direkter Weg: ab Wanderparkplatz Hungerbrunnen (L 504), leider unmarkiert.
- Glashütte (Lemberg): Naturschutzgebiet Wolfslöcher, ab Ort die L 485 Richtung Stephanshof, nach 1 km zweites Seitentälchen rechts, dort Start des Rundwegs (4,5 km); unmarkiert, aber gut zu finden (immer in der Ebene bleiben). Tipp: linken Talweg nehmen und im Uhrzeigersinn laufen.
