Möbeldesign
Flucht in die Nostalgie: Warum ein Ikea-Sessel jetzt 17.000 Euro kostet
Wer bürgerliche Ambitionen hatte, „früher“, neigte beinahe zwangsläufig zur Überwindung des Billy-Regals – irgendwann, aus Gründen der Selbstachtung. Um als Angehörige/r der „Post-Ikea-Generation“, die Zielgruppe hieß tatsächlich so, Bücher und Krams alsbald in höherwertigen Stauräumen von Interlübke unterzubringen, an Knoll-Tischen Platz zu nehmen und Cassina-Sessel zu besitzen, wenn es richtig gut lief. Neue Ikea-Generationen waren eine im Kinderzimmer nachwachsende Ressource. Und immer so fort. Heute indes hört das Leben mit Billy und der erneuerbaren Inbus-Schlüsselfrusterfahrung irgendwie nie auf.
Vielleicht muss sich das klar machen, wer ein Gefühl für die Veränderungsprozesse, die unser krisenhaftes Dasein erfasst haben, bekommen will: Wie weit die Gegenwart von der historischen Beschreibung unserer Möbelbiografien entfernt liegt. Und nicht nur oder gerade deshalb, weil sich die Kategorie des Bürgerlichen aufgelöst hat in Blasen. Einer alten Mittelschicht, die immer noch in Statussymbolen wie dem im Carport geparkten Repräsentativauto abgrenzende Distanz gewinnt. Und einer neuen, die an ihrer detailversessenen Geschmacksverfeinerung laboriert.
Feine Unterschiede
Inzwischen gilt jedenfalls im Berliner Mitte-Kreisen, wie womöglich auch in Heidelberg-Neuenheim, der Hambacher Höhe in Neustadt, in der Pirmasenser Strobelallee ein 2er-Kerzenhalter-Set von Carl Ojerstam aus den 1990er-Jahren, auf dem Original-Nussholz-Sideboard Modell Ulvö neben der Milchglas-Tischlampe While Mushroom, 2000er-Serie, platziert, als Ausweis von Kennerschaft der feinen Unterschiede. Alles von Ikea und vergleichsweise sauteuer. Die Original-Kerzenhalter kosten immerhin 120 Euro, das Sideboard wird als Designklassiker aus den 1960ern beim einschlägigen Schweizer Portal Pamono im Sale für 1900 statt 2376 Euro angeboten – während die pilzförmige While Mushroom, die horrende Preisangabe wurde unterdrückt, ausverkauft ist.
„Ikea Vintage“
Als „Ikea Vintage“ firmiert der Trend, der die Absichten von Ikea-Gründer Ingvar Kampad, aufgewachsen auf der Farm Elmtaryd in der Stadt Agunnaryd, in ihr Gegenteil verkehrt. 1943, als 17-Jähriger begann Kampad mit dem Vertrieb von Seifen, Stiften, Strümpfen, Haushaltswaren. Fünf Jahre später wurden erstmals Möbel verkauft. 1951 kam der erste Katalog heraus. Der Rest ist Pressspan. Der Überbau, hochgegriffen, ist im Ursprung sozialistisch grundiert. Das heißt: Möbel sollten für alle erschwinglich sein, das Design demokratisiert werden, was ziemlich oft in dreisten Annäherungen an das Vorhandene mündete.
Jahrzehntelang aber arbeitete Ikea auch mit schwedischen und internationalen Entwerfern im Dienst am – für das Unternehmen lukrativen – ästhetischen Bedürfnisausgleich. Unter anderem kam dabei das MTP Regalsystem aus Holz (1963) von Marian Grabinski heraus; die Space Age „Telegono“ Lampe (1970), die Vico Magistretti ursprünglich für Artemide designt hatte, „Poäng“, ein Burgholz-Stuhl mit Fußhocker (1977) von Noboru Nakamura. Oder der Pop-Art-Kinderstuhl „Mammut“ mit Tisch aus Kunststoff (1993) von Morten Kjelstrup und Allan Østgaard. Und Billy natürlich, 1978 von Gillis Lundgren in die Welt gesetzt.
Mittlerweile ist Ikea mit 300 Ausstellungshäusern in rund 30 Ländern vertreten. Gleichzeitig wird jetzt vorgebliche Massenware, deren Halbwertszeit sich doch erfahrbar oft als auf einen Ersteinzug beschränkt erwiesen hat, nachholend nobilitiert: als doch noch nachhaltig. Plötzlich kostet ein etwas wacklig wirkender Vintage-Figaro-Stuhl (1976) rund 400 Euro und der klobig-knubbelige Drehsessel Sirius aus den Siebzigern das Vierfache davon.
Plötzlich reich?
Zu erleben ist die neue Wertschätzung online: bei Pamono eben, Design Market, Mid-Century-Friends, Etsy oder Ebay, wo zum Beispiel für das Sofa „Impala“ aus dem Jahr 1972, ursprünglicher Verkaufspreis umgerechnet 120 Euro, 2000 Euro aufgerufen werden. Oder der von Designer-Ikone Verner Panton in Zackenform entworfene, aus MDF-Platten zusammengetackerte Stuhl „Vilbert“ statt umgerechnet 70 Euro wie 1993 jetzt locker das Zehnfache kostet.
Im Dezember vergangenes Jahr brachte ein Los mit 122 Vintage-Ikea-Artikeln im Stockholmer Auktionshaus Auktionsverk umgerechnet über 37.000 Euro ein, darunter Möbelstücke, Spiegel und Leuchten. Zu der Sammlung gehörte auch Porzellangeschirr, das in den 1990er-Jahren in Zusammenarbeit mit dem Stockholmer Nationalmuseum entwickelt worden war. Und im Mai erzielte ein „Cavelli“-Sessel aus dem Jahr 1958/59 umgerechnet 17.000 Euro, neuer Ikea-Weltrekord. Ursprünglich hatte er 27 Euro gekostet. Was jetzt nicht heißt, dass jedes im Keller verklappte Pax-Regal unermesslichen Reichtum verheißt.
Zurück in die „Boomer“-Zeit
Vor allem das sogenannte Mid-Century-Design ist begehrt, Entwürfe, die in den 1950er- bis 1970er-Jahren entstanden und im besten Fall limitiert gewesen sind. Warum die historischen Teile gerade jetzt so sehnsuchtsvoll umkreist werden? Vielleicht als Reminiszenz an die vor allem überlebensfrohe, verdrängungsintensive Nachkriegs-, Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderphase, der die geburtenstarken Boomer-Jahrgänge entstammen. Draußen Kriege, Bahnstreik, Bauernaufstand, die AfD grassiert, den USA und der Welt droht der irre Trump, wer will da nicht wenigstens zuhause von allzu viel grauem Gegenwartsdesign behelligt werden, wenn man auch im eichenen Armlehnstuhl Kolding von Eri Worts (2er-Set 2376 Euro) der „guten alten Zeit“ nachhängen kann? Die Flucht in die Nostalgie ist so etwas wie die aktive Schwester der angesichts der Überforderung um sich greifenden Nachrichtenvermeidung: Ausdruck des Beharrungswillens. Kein Wunder, dass Ikea die Zurück-Bewegung zu seinen Gunsten kapitalisiert.
„Puck“ heißt jetzt „Sotenas“
Zum 80-Jahr-Jubiläum 2023 haben die Schweden damit begonnen, eine Serie knallig-farbiger Retromöbel herauszubringen, die sich auf das Mid-Century-Design bezieht. Das Beste der 1950er, 1960er und 1970er sozusagen. „Nytillverkad“ nennt sich die Kollektion. Die dritte Auflage ist am 27. Dezember herausgekommen und erinnert an Zeiten, als das Hoffen noch half. „Puck“, der Vorläufer des quietschgelben Sessels „Sotenas“, ist so im Jahr der Mondlandung – 1969 – erschienen. Domsten, das Update des von Alvar Aaltos Hocker Stool 60 abgekupferten „Stapel-Klassikers“ (Ikea), gibt es jetzt mit einer Platte aus Kiefer und Beinen in den Gute-Laune-Farben Lila, Orange und Mint. Besonders anschlussfähig erscheint derweil die Wiedervorlage des Blumenständers „Bajla“ aus dem Jahr der Unterzeichnung der Römischen Verträge, die die Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) besiegelten: 1957. Die Sowjets schossen den ersten Satelliten ins All, der kalte Krieg begann. In deutschen Haushalten widmete man sich lieber der auf den allgegenwärtigen Blumenbänken und -Etageren in Nierentischform arrangierten Pflanzenwelt. Heute derweil fokussiert der Rückzug von der bösen Welt aufs heimische Balkon-Beet und auf die Aufzucht von Bio-Radieschen und -Rhabarber – und das Urban Gardening gilt fast schon als bürgerliche Tugend.