Heidelberg
Falsch, echt! Die Schau „Kunst und Fälschung“ im Kurpfälzischen Museum
Bei der Tuschezeichnung, die sich als Aquarell ausgibt, fehlt der Stängel einer Blume. Ein anderes Bild steht Kopf im Vergleich zum Original. Farben durchziehen ein Gemälde, die zu seiner Entstehungszeit noch gar nicht erfunden waren. Manchmal findet sich der Fälschungsbeweis auch erst im Craquelé, das nicht zur Maserung des Holzbildträgers passt, auf dem es angeblich gemalt ist. Den feinen Rissen in der Farboberfläche, die auf eine nachträglich aufgebrachte Leinwand verweisen. So wie auf dem Knabenbild, das vorgab, ein Lucas Cranach (1472 bis 1553) zu sein, Entstehungszeit um 1509, in Wahrheit aber von dem einschlägig bekannten Christian Goller stammt und 2007 entstanden ist.
Der Knabe, dem – Pech – der Fälscher auch noch ein Gelehrtengewand aus einem anderen Cranachbild angedichtet hat, ist von einem Original-Aquarell abgekupfert, das normalerweise im Pariser Louvre hängt. Jetzt wird es zum Vergleich in einer großartigen, hochspannenden, sinnfälligen Ausstellung im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg ausgestellt.
Kunst aus der Asservatenkammer der Polizei
„Kunst und Fälschung. Aus dem Falschen das Richtige lernen“, heißt die den Dunkel-Kunstmarkt erhellende Schau, bei der das Museum mit dem Institut für Europäische Kunstgeschichte der Uni Heidelberg kooperiert. Ein Glücksfall für die Studierenden, dass sich dort eine einzigartige Fälschungs-Studien-Sammlung befindet, die sich maßgeblich aus den Asservatenkammern der Landeskriminalämter Baden-Württemberg, Berlin und Bayern speist. Auch der Professor, der sie über die Feinheiten der Fälschungen aufklärt, die über die Kriminalistik hinausgehen, zählt zu den Koryphäen.
Henry Keazor, der die Ausstellung kuratiert hat, ist ein Mann mit Emphase für seinen Forschungsgegenstand und die zugehörige Lehre. Ein Kenner zum Beispiel der Barockmalerei, der zeitgenössischen Architektur und der Comicserie „Die Simpsons“, Preisträger der Académie française. Was das Thema Kunstfälschungen betrifft, gilt der 59-jährige Kunsthistoriker als erklärter Experte und maßgeblich an der Entzauberung von selbsternannten Meisterfälschern wie Wolfgang Beltracchi beteiligt.
In einer 2014 erschienenen Dokumentation führt Keazor ihn als Interviewer aufs Glatteis seiner Selbststilisierung. In einem mit Tina Öcal verfassten Buch überreißt er die Folgen des populären Falls. Seltsam, die Faszination, die der verurteilte Betrüger Beltracchi immer noch auslöst. An einem gefälschten Porträt von Oskar Schlemmer, angeblich ein Werk des Duisburger Malers Johannes Molzahn (1892 bis 1965), lässt sich jetzt in Heidelberg sehr schön zeigen, dass es mit der Meisterschaft Beltracchis so weit gar nicht her ist. Und auch ein von Beltracchi erfundener „Campendonk“ erscheint in der Zusammenschau mit einem Original stilistisch überholt und plump. Wie eine Karikatur wirkt das Bild. Die Überzeichnung wiedererkennbarer künstlerischer Charakteristika ist, wie Keazor sagt, eine Kennung der Fälschung.
Ätsch! Falsch geschaut
Zum Fall Molzahn ist neben der Fälschung ein Original ausgestellt, „Beatrice III“, daneben zwei Porträt-Fotografien, aus denen der Fälscher die Neigung des Kopfes, die Pupillen, die Lippen und die Fliege, die der Maler trägt, kompiliert hat. Und dazu noch Molzahns Bildnis des Expressionisten Otto Müller, das den Fälscher mutmaßlich auf die Idee gebracht hat, die Kunstwelt glauben zu lassen, der Künstler habe im gleichen Stil auch den Kollegen Schlemmer verewigt. Allerdings hat Beltracchi offensichtlich nur die Reproduktion des Gemäldes gesehen, auf der die goldfarbene Wange bläulich schimmert – und das so übernommen. Die Kreise, die Molzahn akkurat zog, sind eher hingeschludert. Trotzdem hat ausgerechnet Molzahns Witwe die Fälschung als Original ihres Mannes erstanden. Es zählt zu den fast schon dramatischen Geschichten, die diese Ausstellung erzählt, in der sich der Gesamtkomplex Fälschung beispielhaft lehrreich entfaltet.
Gezeigt wird so etwa das Gemälde „Mädchen mit Schürze“, angeblich von Paula Modersohn-Becker, verraten vom Stempel eines erfundenen Rahmenherstellers. Ein gefälschter „Männerkopf“ von Josef Scharl ist ausgestellt, der in einem Auktionshaus beschlagnahmt wurde, das ihn als „von Josef Schach“ anbot – wohl in der Absicht, dass Schnäppchenjäger die vormalige, „richtige“ Signatur entziffern würden. Einige Machenschaften haben Heidelberger Studierende entschlüsselt und unterbunden, wie bei einem Konvolut mit abstrakten Arbeiten eines „O. Nagel“, die über E-Bay in den Kunstmarkt drängten: Der Name sollte als Urheber den für seinen sozialkritischen Themen bekannten Otto Nagel (1894 bis 1967) suggerieren. Bei anderen Werken ging das eingehende Studium auch zugunsten eines Bildes aus,
Urheber redlich, Verkäufer kriminell
Bei einem unsignierten Landschaftsgemälde etwa, das gleich mehrfach als echter Vincent van Gogh auf den Kunstmarkt offeriert worden ist. Eine Studentin konnte zeigen, dass der eigentliche Urheber wahrscheinlich keine Täuschungsabsichten hatte. Dafür waren die späteren Verkäufer kriminell. Einmal wurde das Bild sogar mit einem Gutachten aus dem Amsterdamer Stedelijk-Museum angeboten, aus dem der Verkäufer einfach die Verneinungen der Echtheit herauskopiert hatte. In dem Metier des falschen Scheins, scheint nichts unmöglich.
Besonders kurios auch die schlechten Fälschungen des gut verkäuflichen Werks eines gewissen Felix Samuel Pfefferkorn, der mit berühmten Persönlichkeiten wie Juliette Gréco oder Rudi Dutschke verkehrte und wie ein „Junger Wilder“ aus den 1980er-Jahren malte, obwohl er da schon „verschollen“ war. Es hat ihn nie gegeben. Jetzt hängen seine Bilder in der „Hall of Shame“ – unweit der Grafiken von Salvador Dali, die auf Papier gedruckt sind, das es erst gab, als der Exzentriker zu nichts mehr imstande war. Es ist die Abteilung, mit der die Ausstellung endet, die mit einer „Hall of Fake“ angefangen hat, der vierteiligen Fotoserie, mit der Maisie Maud Broadhead berühmte Fälscher wie Han van Meegeren in kunsthistorischen Posen porträtiert, dargestellt von Freunden und Verwandten. Dass sie sich dabei auf einem Bild selbst einklinkt, kann als ironische Volte auf den augenscheinlichen „Männerberuf“ Fälscher gelten. Kann sein, dass auch ihn die Künstliche Intelligenz grundlegend verändert.
Rembrandt digital
So ist als allerletztes Bild der 3D-Druck „The Next Rembrandt“ ausgestellt. Ein Projekt von Microsoft, der Technischen Universität Delft und Museen in Amsterdam und Den Haag. Auf der Basis von 364 in die KI eingespeisten Rembrandt-Gemälden ist das neue Bild aus dreizehn Schichten mit 168.263 Bildfragmenten in 148 Millionen Pixeln 2016 entstanden. Sieht echt aus. Auch hier verspricht Künstliche Intelligenz ungeahnte Möglichkeiten – nicht zuletzt in Fälscherhänden.
Die Ausstellung
Bis 30. Juni. www.museum-heidelberg.de