Kultur Elton John in der SAP-Arena: Lehrstück über würdevolles Altern

Haltung in Zeiten des Brexit: Elton John beim Auftaktsong „The Bitch Is Back“ (deutsch: Die Schlampe ist zurück).
Haltung in Zeiten des Brexit: Elton John beim Auftaktsong »The Bitch Is Back« (deutsch: Die Schlampe ist zurück).

Mannheim ist nicht Hamburg. In der Kurpfalz gibt’s keinen G-20-Gipfel, der Tourneeflugzeuge prominenter Musiker vom Landen abhält. Also musste der englische Sänger Elton John sein Konzert am Mittwoch in der SAP-Arena – im Gegensatz zu einem für morgen geplanten Auftritt in der Hansestadt – auch nicht kurzfristig absagen. Schön für ihn und 9000 Zuschauer. Gut, dass Mannheim nicht Hamburg ist.

Zwar sind Merkel, May und Macron, Trump, Putin und Erdogan nicht in der Stadt. Doch das aktuelle Weltgeschehen spielt trotzdem eine Rolle im Konzertprogramm des 70-Jährigen, wenn auch nicht im Vordergrund. „Wir leben in einer verrückten, uns feindlich gesinnten Welt“, sagt der Sir etwa an einer Stelle. Unter dem Beifall des Publikums spricht er sich für eine Welt aus, in der nicht die einen bitterarm und andere maßlos reich seien. Sein Lied „I Want Love“ widmet er daraufhin den Terroropfern von London, Manchester, Paris, Berlin, Orlando und Nizza. Die zweite ehrende Geste des Abends: Bei „Don’t Let The Sun Go Down On Me“ erinnert John auf der Videoleinwand im Bühnenhintergrund an seinen im Dezember gestorbenen Kollegen George Michael. Mit ihm hat er das aus den 70er Jahren stammende Stück 1991 als Live-Duett aufgenommen und damit einen großen Erfolg gelandet. George Michael, Prince, David Bowie, Joe Cocker, Whitney Houston, Michael Jackson – dessen Todestag sich vor kurzem auch schon wieder zum achten Mal jährte: Gefühlt sind nicht mehr allzu viele übrig aus der Reihe von Popmusikern, die in ihren Glanzzeiten nahezu überlebensgroß wirkten. Die Ära unerreichbar scheinender Idole ist mit ihnen gestorben. Gealterte Künstler, die noch aktiv sind, mussten erkennen, dass bei den inzwischen nachgewachsenen Publikumsgenerationen vielmehr jene gefragt sind, die zumindest den Anschein erwecken, sie stünden mit ihren Hörern auf einer Stufe oder kämen gar aus deren Reihen. Auch vor Elton John hat die Zeit nicht angehalten, doch hat er immerhin schon vor etlichen Jahren seinen Weg gefunden, würdevoll damit umzugehen. Dieser besteht einerseits aus einem für sein Alter nach wie vor ausgiebigen Pensum an Konzerten. Darin liefert er regelmäßig vor allem jenen, die seine Lieder durchs Leben begleiten, genau diese Begleitmusik aus einem über mehr als vier Jahrzehnte hinweg aufgebauten Werk. Darüber hinaus nimmt der 70-Jährige die Rolle eines Mentors für junge Kollegen ein. Der Prominenteste, dessen Karriere John an entscheidender Stelle mit anzuschieben half, ist Ed Sheeran. In Mannheim tritt im Vorprogramm der Londoner Jake Isaac auf, der vor kurzem sein Debütalbum „Our Lives“ veröffentlicht hat. „Wonderful Crazy Night“ hingegen, von dem die aktuelle Tour ihren Titel hat, ist Elton Johns 32. Studioalbum. Mit „Looking Up“ und „A Good Heart“ gibt es daraus zwei Stücke zu hören. Der Rest des Programms ist der erwartete Querschnitt durch die Laufbahn des Pianisten und Sängers – mit klarem Schwerpunkt auf den 70er Jahren. Ein Querschnitt zudem, der jederzeit stimmig und durchdacht daherkommt. So ist es kein Zufall, dass – anders etwa als im vergangenen Jahr in Frankfurt – „The Bitch Is Back“ am Anfang steht. Die Schlampe ist zurück: Mit Selbstironie beantwortet Elton John Spekulationen zu seinem zuletzt angeschlagenen Gesundheitszustand, der zu Konzertabsagen geführt hatte – ein kleines Lehrstück in britischem Stil zu Brexit-Zeiten. Später räumt er ein, er wisse nicht, wie lange diese Reise – gemeint ist seine Musikerlaufbahn – noch dauern werde. Ein paar weitere Jahre könnten es aber durchaus noch sein – womöglich werde er ja sogar mit 91 Jahren noch auf der Bühne sitzen und Klavier spielen. 22 Songs haben der Sir im schwarzen Glitzerfrack und seine Band um die treuen Weggefährten Davey Johnstone an der Gitarre und Schlagzeuger Nigel Olsson im Köcher. „I Guess That’s Why They Called It The Blues“ und „Daniel“ bilden frühe Höhepunkte, „Levon“, „Rocket Man“ und „Your Song“ einen eindrucksvollen Dreiklang schon zur Programmmitte. Nach der Erinnerung an George Michael geht’s mit „I’m Still Standing“, „Crocodile Rock“, „Your Sister Can’t Twist (But She Can Rock’n’Roll)“ und „Saturday Night’s Alright For Fighting“ demonstrativ temporeich auf die Zielgerade. Nur kurz verschwindet der Engländer hinter den Kulissen. Als er zurückkehrt, folgen das inzwischen Tradition gewordene Autogramme schreiben am Bühnenrand und als einzige Zugabe „Candle In The Wind“, allein am Klavier. Als Elton John schließlich nach etwas über zwei Stunden die Bühne verlässt, tut er es in einem Watschelgang, der mit 70 Jahren sein gutes Recht ist. Doch noch immer sind seine Finger auf den Tasten seines Instruments schnell. Auch seine Stimme trägt, weil er hohe Lagen konsequent meidet und sie jüngeren Bandmitgliedern oder, etwa bei „Crocodile Rock“, gleich ganz den Zuschauern überlässt. So kehren die Gedanken noch einmal zurück zu Musikern von Elton Johns Kaliber, die nicht mehr zu erleben sind. Mag sein, dass es dem eigenen Altern geschuldet ist – aber gelegentlich fühlt es sich gut an, ein wenig in Nostalgie zu schwelgen. Und sich über die zu freuen, die noch da sind.

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