Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Schlager-Gesamtkunstwerk: Helene Fischer beim ersten von fünf Konzerten in der SAP-Arena

Helene Fischer bot ein Spektakel in der SAP-Arena.
Helene Fischer bot ein Spektakel in der SAP-Arena.

Gleich fünf Mal tritt der deutsche Schlager-Superstar Helene Fischer in der Mannheimer SAP-Arena auf. Die erste Show am Dienstagabend war allerdings bei Weitem nicht ausverkauft. Doch die, die da waren, dürften es nicht bereut haben. Bekamen sie doch eine spektakuläre Show aus Gesang, Akrobatik und Tanz geboten – umrahmt von Feuer, Wasser und beeindruckenden Lichteffekten.

Natürlich kommt dabei auch der Kitsch nicht zu kurz. Helene Fischer kündigt an, mit ihrem Publikum ihre „eigene Liebesgeschichte“ zu teilen. „Hand in Hand“ heißt der Song, und sie beginnt ihn zunächst alleine in einer Art Wasserfall stehend. Dann betritt unter dem Jubel ihrer Fans ihr Partner Thomas Seitel mit nacktem Oberkörper die Bühne. Auf dem Trapez sind die beiden dann vereint, er hält sie, schütz sie gleichsam, gemeinsam fliegen sie durch die Halle, um am Ende des Songs, Hand in Hand, vor dem Publikum zu stehen. Das kann sich eigentlich kein Show-Dramaturg ausdenken.

Es war eine großartige Show.
Es war eine großartige Show.

Das, was wir Deutschen Schlager nennen, kennt man im Grunde im nicht-deutschsprachigen Ausland nicht. Es könnte vielleicht sogar historische Gründe haben. Der deutsche Schlager der 1950er – also während seiner ersten Nachkriegs-Blütezeit – ist eine Fluchtbewegung. Ein Wegrennen vor einer tristen Gegenwart und einer dunklen Vergangenheit. Wer den Zweiten Weltkrieg, diese Menschheitskatastrophe, angezettelt und zugleich versucht hat, ein ganzes Volk zu vernichten, der rettet sich eben ganz gerne unter die Sonne über Capri.

Weltflucht in die vermeintliche Idylle

Weltflucht in die vermeintliche Idylle, in der alles nicht nur gut wird, sondern schon immer gut war. Das gilt eigentlich immer noch, auch dann, wenn wir mit Helene Fischer atemlos durch eine magische Nacht feiern. Oder zumindest Hand in Hand durch diese gehen. Und doch ist alles nicht mehr so, wie es war. Und daran hat die 1984 in Sibirien als Tochter russlanddeutscher Eltern geborene Sängerin ihren Anteil. Und sie fährt bestens damit, 17 Millionen verkaufte Tonträger, unzählige Preise machen sie zu der vielleicht erfolgreichsten deutschen Sängerin überhaupt – daran ändert auch die Tatsache nichts, dass ihre fünf Konzerte in der Mannheimer SAP-Arena nicht ausverkauft sind.

Die Choreographie war perfekt abgestimmt.
Die Choreographie war perfekt abgestimmt.

An der Harmlosigkeit der Schlagertexte hat sich nichts geändert, Gesellschaftskritik hat ebenso keinen Platz wie andere problematische Themen. Es geht immer noch um Liebe, vielleicht auch mal um enttäuschte, geht darum, Lebensfreude zu vermitteln, die perfekte Illusion eines glücklichen Lebens zu vermitteln. Ein Narkotikum bar jeder toxischen Nebenwirkungen, und das ist auch gut so, hat seine Berechtigung. Menschen brauchen das – und sie suchen das. Es ist ihnen zu gönnen, vom Schlagerherzen.

Das sieht auch die Sängerin selbst so. Den eher leisen, zurückhaltenden und nachdenklichen Song „Luftballon“ kündigt sie in genau diesem Sinne an: „Unser Ziel heute Abend ist es, euch glücklich zu machen, damit ihr euren Alltag für einige Stunden vergessen könnt.“ Das könnte man jetzt auch mit pathetisch verrutscht umschreiben, aber es trifft wohl die Sache ziemlich genau: aus der Weltflucht ist eine Alltagsflucht geworden. Gründe hat wohl jeder, um zumindest einmal temporär aus diesem auszubrechen.

Musikalische Frischzellenkur für den Schlager

Aber wenn auch die Schlagertexte gleichgeblieben sind, die Musik ist eine andere geworden, der Schlager hat eine musikalische Frischzellenkur verabreicht bekommen, und das ist vor allem das Verdienst von Helene Fischer – und auch von Andrea Berg. Der Schlager des 21. Jahrhunderts ist eigentlich Popmusik zu tanzbaren Beats. Man könnte im Übrigen auch diese Beats von so mancher Popmusik subtrahieren und bekäme als Ergebnis – Schlager. Manchmal ist es ganz einfach. Man muss sich nur mal einen Auftritt von Roland Kaiser anschauen und die zum Teil schon jahrzehntealten Songs mit den Originalversionen vergleichen, um zu erkennen, wie sich der Schlager verändert hat. Musikalisch, wie gesagt. Bei Helene Fischer hat es diese Hitparaden-Ästhetik natürlich nie gegeben.

Insgesamt fünf Mal tritt Fischer in der Arena auf.
Insgesamt fünf Mal tritt Fischer in der Arena auf.

Doch Helene Fischer, diese so unfassbar vielseitige Künstlerin, die singen, tanzen und akrobatische Kunststücke vorführen wie zum Beispiel mit dem Kopf nach unten an einer Art Kran hängend den Megahit „Atemlos“ zu singen –, hat den Schlager nochmals auf eine neue Ebene gehoben. Schließlich leben wir in einer visuellen Welt, in der das Auge mithört. Und damit ist jetzt gar nicht das äußerst attraktive Aussehen der Sängerin gemeint, das sie durchaus in den entsprechenden Kostümen zu betonen weiß. Auch Mary Roos trug ultrakurze Röcke, und Howard Carpendale oder Jürgen Drews hatten in den 1970ern und 1980ern ihre Hemden bis zum Bauchmuskel aufgeknöpft.

Man muss nur einmal versuchen, einen Genre-Begriff für einen Helene-Fischer-Auftritt zu definieren. Konzert greift viel zu kurz. Akrobatische Zirkusaufführung – die Choreographie der 30 Tänzerinnen und Tänzer ist an dem Vorbild des kanadischen Cirque du Soleil geschult – kommt dem schon näher. Aber es ist eben auch eine Party der Ausgelassenheit unter Freunden. Vor allem aber ist es eine perfekte Show. Anders gesagt – auch wenn die Wagnerianer jetzt zu heulen anfangen –, ein Gesamtkunstwerk. Auch in Mannheim. Ein monumentales Gemälde aus Feuer und Wasser – mit einer einzigen Botschaft: Habt doch einfach nur Spaß! Und den hatten die Menschen offenkundig.

Der verruchte Vamp mit dem unschuldigen Lächeln für alle

Fischer wechselt an dem von einer Pause unterbrochenen Abend mehrfach die Kostüme. Ein bisschen sieht sie in diesen aus wie Madonna, wie ein verruchter Vamp. Doch mit ihrem unschuldigen Lächeln für alle und ihrer unbefangenen Art zaubert sie jeden Hintergedanken weg. Sie sucht die Nähe, erfüllt Selfie-Wünsche verzweifelter Fans, um danach zu erfahren, dass da jemand eine wissenschaftliche Arbeit über sie schreibt beziehungsweise mit dem Foto eine Wette gewonnen hat. Der Gewinn? Eine Kiste Apfelwein. Das ist dann doch etwas unter Wert verkauft.

Denn das, was die ausgebildete Musicaldarstellerin in der Arena abliefert, ist schlichtweg sensationell, sängerisch (etwa bei „Never Enough“ von Loren Allred aus dem Film „The Greatest Showman“) wie tänzerisch und akrobatisch. Man hat mitunter Angst um sie, etwa wenn sie auf einer Leiterstehend hoch in den Himmel der Halle gehoben wird. Die Songauswahl lässt aus Fansicht wahrscheinlich keine Wünsche offen, neben „Atemlos“ eben auch „Unser Tag“, „Volle Kraft voraus“ oder „Nur mit dir“, um nur Beispiele aus dem von einer Pause unterbrochenen dreistündigen Programm aufzuführen. Und was in der Setlist keinen Platz gefunden hat, wird in ein Medley gepackt.

Die perfekte Illusion

Der Abend ist die perfekte Show – und die perfekte Illusion. Der ebenso legitime wie unerfüllbare Traum von einer heilen Welt. Auch wenn dazu keine Mandolinen mehr erklingen, sondern – wie im Fischer-Hit „Achterbahn“ – fette Techno-Beats und satt dröhnende Bässe. Schön war’s.

x