Interview
„Die Zukunft ist unser Land“: Michael Landgraf, Pfälzer und neuer Generalsekretär des P.E.N
In Gotha, bei seinem berühmt-berüchtigten Abgang als Präsident beschimpfte Deniz Yücel den P.E.N. Deutschland als „Bratwurstbude“. Und jetzt? Wird mit der Wahl von José F. A. Oliver zu Yücels Nachfolger und von Ihnen zum Generalsekretär aus der Bratwurstbude ein literarischer Salon? Anders gefragt, ist das der ersehnte Befreiungsschlag?
Zunächst einmal macht es richtig Freude, mit José zusammenzuarbeiten. Ich schreibe ja hauptsächlich literarische Hausmannskost, Sach- und Schulbücher, aber auch Romane. Er ist ein lyrischer Hochkaräter, der sich Auszeichnungen wie den Böll-Preis abgeholt hat. Böll war einer seiner Vorgänger als P.E.N.-Präsident. Jetzt erhält José das Bundesverdienstkreuz und der Bundespräsident hat ein paar Bücher von ihm im Regal stehen. Wir sind im Präsidium ein super Team. Vor allem: José ist ein sehr positiver und versöhnender Mensch und wir beiden waren in Gotha nicht groß involviert. Ich war Moderator und musste neutral sein. Insofern, ja: Es wird besser.
Aber?
Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob es einen Befreiungsschlag braucht. Es geht eher darum, dass wir die Arbeit des P.E.N. wieder in ein stabiles Fahrwasser bringen. Da ist es vielleicht gut, dass José Olivers Großvater Kapitän war. Denn der P.E.N kam in der kurzen Ära Yücel ziemlich ins Schlingern.
Wie meinen Sie das?
Das Hauptproblem war, dass wohl versucht wurde, die Zentrale nach Berlin zu verlegen, und das in kürzester Zeit. Dazu muss man eben auch Personal loswerden und ging dementsprechend mit den Mitarbeitenden um. Es gibt fünf Kräfte in der Zentrale in Darmstadt, weil die Stadt dem P.E.N. seit vielen Jahren goldene Brücken baut. Eine Verlegung wäre sowieso Sache der Mitgliederversammlung gewesen. Jetzt sind wir dabei, die Arbeit zu stabilisieren. Da geht es um unser Programm Writers in Prison, bei dem wir uns um inhaftierte Kollegen weltweit kümmern, sowie Writers in Exile, bei dem Literaten geholfen wird, die bei uns im Exil leben.
Inzwischen haben Deniz Yücel und die Schriftstellerin Eva Menasse eine Art Konkurrenzvereinigung gegründet? Wie stehen Sie zum P.E.N. Berlin?
Man muss differenzieren. Eben waren der Präsident und die Generalsekretärin vom P.E.N.-International bei uns am Messestand. Für den P.E.N. International gibt es erst einmal keinen P.E.N. Berlin.
Wie das?
Es kann ja nicht jeder seinen P.E.N. gründen, wie es ihm gefällt. Sie nicht den P.E.N. Ludwigshafen und Hans Thill (der künstlerische Leiter des Künstlerhauses Edenkoben, Anm. d. Red.) kann auch nicht einfach einen P.E.N. Heidelberg aufmachen. Das geht so nicht. Die Berliner sind offiziell, weil sie den Antrag gestellt haben, der „Aspiring“ P.E.N. Berlin, ein Anwärter also, mehr nicht. Und der Antrag wird jetzt geprüft, was mehrere Jahre dauern kann.
Dafür gaben sich die Anwärter aber auf der Messe ziemlich selbstbewusst?
Ja, die Truppe hatte sogar bei der Messeleitung Schilder bestellt, auf denen P.E.N. e. V. Deutschland stand. Ich glaube nicht, dass das förderlich für einen Antrag ist, denn man tritt nicht mit einer Etikette auf, die man nicht hat. Das erzeugt Irritationen. Etwas Anderes ist das Programm, dass sie hier auf die Bühne gestellt haben, da muss ich sagen: Chapeau. Doch geht es beim P.E.N. eher um eine kontinuierliche Arbeit für die Literatur auf Vereinsebene. Und die hat der P.E.N. Deutschland nun seit 98 Jahren erfolgreich gezeigt. Wir haben vielleicht derzeit nicht die Strahlkraft nach außen. Aber noch einmal, man darf nicht vergessen, um was es beim P.E.N. eigentlich geht.
Sie bringen sich in Position, sollte es irgendwann darum gehen, ob der P.E.N. Deutschland oder der P.E.N. Berlin staatliche Fördermittel bekommt? Oder auch, wer wie viel?
Wir sind seit Jahrzehnten eine international anerkannte, gemeinnützige Vereinigung, kurz NGO. Auf der Sachebene besteht beim zuständigen Bundesministerium überhaupt kein Zweifel, dass der P.E.N. Deutschland eine super Arbeit macht. Staatsministerin Claudia Roth hat sich beispielsweise eine Stunde Zeit genommen, um an unserem Stand mit Stipendiaten über unser Programm zu sprechen. Eine unserer Mitarbeiterinnen arbeitet seit 20 Jahren im Writers-in-Exile-Programm und kümmert sich beispielsweise um Wohnungen und Betreuungspersonen. Wir verschaffen verfolgten Schriftstellern bei uns sichere Häfen und literarische Freunde, die sich um sie kümmern, aber auch literarische Auftrittsmöglichkeiten wie hier auf der Buchmesse, dass sie als Literaten nicht innerlich verdursten. In dieser Hinsicht gibt es ein riesiges Vertrauensverhältnis. Das kann eine aus dem Boden gestampfte Vereinigung nicht in einem halben Jahr aufbauen. Ich sage ja nicht, dass das nicht über kurz oder lang passieren wird, dass sich die Berliner auch auf dieser Ebene um Schriftsteller im Exil kümmern werden. Aber um staatlich anerkannt zu sein, braucht es die internationale Zulassung als P.E.N-Zentrum.
Der P.E.N.-Anwärter Berlin hat eine ziemlich eindrucksvolle Mitgliederliste, Schauspieler wie Christian Berkel, die Tennisspielerin Andrea Petkovic, Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow, Bloch-Preisträgerin Mithu Sanyal. Bei Ihnen, dem P.E.N. Deutschland, hieß es jetzt, würden sich laut einer internen Liste Autorinnen und Autoren ohne ihr Wissen und gegen ihren Willen um eine Aufnahme bewerben?
Unsere Mitglieder sind zunächst einmal primär renommierte Schriftstellerinnen und Schriftsteller, was am Aufnahmeverfahren liegt. Was sie ansprechen: Da wurde das normale Verfahren skandalisiert, das auch beim P.E.N. International angewendet wird. Bei den Berlinern wurden Leute einfach angerufen, im Sinn von: „Hast du Lust beim P.E.N. Berlin mitzumachen?“ Es kostet übrigens auch keinen Mitgliedsbeitrag. Bei uns schlagen mehrere Bürgen Schriftstellerinnen und Schriftsteller vor, das Präsidium und die Mitgliederversammlung prüfen deren literarische Ernsthaftigkeit und stimmt darüber ab. Danach wird die Person angeschrieben, ob sie die P.E.N.–Charta unterschreiben und beitreten möchte, oder eben nicht. Ich habe auch nichts gewusst, als ich 2018 den Brief bekommen habe, fühlte mich aber geehrt. Die von ihnen angesprochene Mitgliederversammlung war hybrid, da war es leicht, die interne Vorschlagsliste durchzustechen. Warum bislang vorher niemand gefragt wurde ist einfach: Wenn eine Zuwahl scheitert, soll die Person nicht enttäuscht sein. Daher sollte bislang die Liste geheim bleiben. Über das Verfahren werden wir aber nachdenken.
Sie haben eine Vermutung über den, na ja, „Maulwurf“?
Es gibt Leute, die noch Mitglieder bei uns und bei den Berlinern sind. Es war bei der Mitgliederversammlung am 13. Oktober in Darmstadt offensichtlich, dass vor allem ein Doppelmitglied Unruhe verursachen will. Wir schießen uns jedenfalls nicht selbst ins Knie.
Nach Versöhnung klingt das alles nicht. Wie geht es jetzt weiter?
Die Zukunft ist unser Land, so will ich das jetzt mal ausdrücken. Wir haben unsere stabilen Programme, Writers in Exile und Writers in Prison, ganz wichtig. Aber wir spüren, vor allem seit der Corona-Zeit, dass der P.E.N. stärker auch im Bereich literarisches Leben in Deutschland wirken muss. Wir werden zukünftig eine neue Vizepräsidentschaft für diesen Bereich neben Writers in Prison und Writers in Exile bekommen.
Und die Versöhnung?
Ich habe Freunde, die bei den Berlinern gelandet sind. Das tut weh. Und natürlich ist es so, dass du mit Freunden nicht brichst, wenn sie sagen, ich habe eine Entscheidung getroffen, die in die andere Richtung geht. Die offene Hand ist natürlich da und ich bin mir auch sicher, dass wir Gespräche führen werden.
Kommen wir zu Ihnen. Ihr Tag muss 48 Stunden haben, bei dem was sie so alles machen?
Mindestens. Nein, Wenn Sie meine Biografie gelesen haben, werden Sie sehen, dass ich immer wieder Phasen habe, in denen ich Dinge umschichte. Bis ich 40 war, habe ich viel im Bereich Jugendarbeit gemacht, Kirchentage betreut, große Foren geleitet. Das mache ich seit Jahren nicht mehr. Man kann sagen, jede Dekade hat bei mir neue, spannende Herausforderungen. Und die jetzt als P. E. N.-Generalsekretär ist besonders spannend.
Sie wollten das unbedingt werden?
Ich bin nicht mit der Riesenenergie nach Darmstadt gefahren, Motto: Ich strebe dieses Amt völlig an. Es war vielmehr so, man hat mehrere Kandidaten für jedes Amt gesucht und da hat mich die Findungskommission allein von meinem Profil her angesprochen. Kulturpolitik betreibe ich ehrenamtlich seit zwei Jahrzehnten. So ging das auch beim Neustadter Stadtrat. Ich war nicht einmal Parteimitglied, sondern bin lange vor der Wahl von der SPD in den Kulturausschuss berufen worden und habe mich bereit erklärt, auf der Liste zu stehen. Plötzlich war ich im Stadtrat und habe dann diese Herausforderung angenommen.
Sie haben vorhin gesagt, Sie würden immer mal wieder „umschichten“. Bleiben Sie der Kommunalpolitik auch als P. E. N.-Generalsekretär erhalten?
Was das Umschichten betrifft, gebe ich das Amt des Bundessprechers der Arbeitsgemeinschaft pädagogischer Institute im nächsten Jahr auf. Und im Neustadter Stadtrat habe ich Ausschüsse abgegeben. Ich überprüfe, was in zwei Jahren ist. Ob ich dann noch einmal bei der Kommunalwahl antrete, muss auch mit der Fraktion besprochen werden. Ich kann auch jetzt noch nicht abschätzen, was es letztlich bedeutet, P. E. N.-Generalsekretär zu sein. Ist ja gerade mal eine Woche her. Die Verantwortung endet zunächst 2024 mit dem Jubiläum 100 Jahre P.E.N. Deutschland und mit der Kommunalwahl. Dann habe ich die Möglichkeit zu sagen, okay, die zwei Jahre haben jetzt viel gebracht, aber das muss es jetzt nicht weiter sein. Oder ich versuche, den Aufbau des P.E.N. weiter voranzutreiben. Das muss ich einfach auf mich zukommen lassen.
Zur Person
Michael C. J. Landgraf, geboren 1961 in Ludwigshafen. Er arbeitet seit 1999 für die Evangelische Kirche der Pfalz als Leiter des Religionspädagogischen Zentrums in Neustadt und leitet dort auch das Bibelmuseum. Als Schriftsteller veröffentlichte er weit über 100 Bücher, die teils in 35 Sprachen übersetzt wurden, vornehmlich Sach-, Kinder- und Schulbücher, Romane und Regionalia. Landgraf wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Internationalen Cornenius Award . Seit 2020 ist er Neustadter Kulturbotschafter und erhält am 5. November 2022 den Kulturpreis der Stadt.