Filmgeschichte
Der Gewaltige: Marlon Brando wurde vor 100 Jahren geboren
Sein einziger Film in eigener Regie, in dem er natürlich auch die Hauptrolle spielte, ist ein groß angelegter, mit lyrisch bedeutungsschwerem Pathos verbrämter Western von 1961, der im deutschen Verleih den sehr zutreffenden Titel „Der Besessene“ trägt. Marlon Brando, der mit 19 Jahren ein Schauspielstudium begonnen und alsbald glanzvolle Triumphe am New Yorker Broadway gefeiert hatte, inszenierte sich im Leben wie im Film als kompromissloser, von Außenseitertum umwehter Provokateur, als Rebell, zuweilen als Diva.
Wer seinen Namen nennt, denkt an unverwechselbare Posen voller Verve und Leidenschaft, die im kollektiven Bildergedächtnis des 20. Jahrhunderts verewigt sind. In den Anfangsjahren seiner Karriere, als er aus dem Stand zum internationalen Superstar aufstieg, war er der animalische und dennoch verzweifelt-verletzliche Vergewaltiger in „Endstation Sehnsucht“ (1951); der charismatische mexikanische Bauernrevolutionär in „Viva Zapata“ (1952); der in schwarzes Leder gewandete Motorrad-Halbstarke in „Der Wilde“ (1953); schließlich der von korrupten Gewerkschaftsfunktionären bedrängte Werftarbeiter in „Die Faust im Nacken“ (1954).
Immer spielte er mit Inbrunst und Hingabe und einer so atemberaubenden Wahrhaftigkeit, dass keiner dieser Filme jemals Patina angesetzt hat. Er besaß einen dampfend virilen Sex-Appeal, der sich dem männlichen Publikum wie der ob seiner provozierenden Rüpelhaftigkeit dahinschmelzenden Weiblichkeit gleichermaßen intensiv vermittelte.
So etablierte er enge Jeans und verschwitzte T-Shirt als Chiffren für männliche Erotik. Dazu ein mal schläfriger, mal hypnotisch starrer, mal verächtlich zornbebender Blick aus stählernen Augen. Und natürlich jene bewusst vernuschelte Artikulation, die meist nur in der Originalfassung seiner Filme zum Tragen kommt und die er als Mafia-Boss im Ewigkeits-Klassiker „Der Pate“ (1972) zur Perfektion führte.
Für diese Rolle bekam Brando seinen zweiten Oscar, den er aber nicht selbst abholte, um gegen den Rassismus in Hollywood-Filmen zu protestieren. Er nutzte seine Prominenz für mutige Statements zur Gesellschaftspolitik, unterstützte die Bürgerrechtsbewegungen der Afroamerikaner und des American Indian Movement. In der Fernsehserie „Roots“ (1979) stellte er einen US-Neonazi dar, in „Weiße Zeit der Dürre“ (1989) einen Rechtsanwalt im Kampf gegen das südafrikanische Apartheids-Regime.
Zu dieser Zeit besaß Brando, der sich von den Millionengagen eine eigene Insel in der Südsee gekauft hatte, den Ruf einer sagenumwobenen Mythenfigur, dessen Wiederkehr auf die Kinoleinwand als schlagzeilenträchtiges Großereignis begangen wurde. Zu seinen späten Rollen gehören der einfühlsame und liebenswerte Psychiater in „Don Juan de Marco“ (1994) sowie in „The Score“ (2001) der Ex-Partner eines alternden Meisterdiebs. Den spielte Robert DeNiro, der im zweiten Teil des „Paten“ die Brando-Rolle übernommen hatte.
Als Mafia-„Pate“ erschien der astronomisch hochbezahlte Poster-Boy Brando erstmals gealtert, füllig, mit Tränensäcken und Geheimratsecken. Das Spiel mit Masken, falschen Bärten und Nasen soll er bereits während seiner Ausbildung bei Erwin Piscator und später im „Method Acting“ zelebriert haben. Dennoch wirkt er in Kostümfilmen wie „Julius Caesar“ (1953) und „Desirée“ (1954) eher deplatziert, während die „Meuterei auf der Bounty“ (1962) zu einem der spektakulärsten Kassenflops Hollywoods geriet.
Weitaus eher lag ihm die doppelbödige Zerrissenheit der Nazi-Offiziere in „Die jungen Löwen“ (1958) und „Morituri“ (1964) sowie des zwielichtigen Agenten in „Queimada“ (1969). Nicht zu vergessen sein Kurzauftritt als abtrünniger Vietnam-Kriegsherr in „Apocalypse Now“ (1979), eine erschreckende Verkörperung satanischer Gefühllosigkeit.
Überraschenderweise lieferte er sogar einige sehr komische Nummern ab, etwa neben David Niven als einer der „Zwei erfolgreichen Verführer“ (1964), als Diplomat und Milliardenerbe in „Die Gräfin von Hongkong“ (1966) und als indischer Sex-Guru in „Candy“ (1968).
Brandos eigenes, augenscheinlich bewegtes und sehr reiches Sexleben bot der Boulevardpresse ergiebigen Stoff. Dieser spekulativ-spektakuläre Hintergrund hätte den künstlerischen Gehalt seines umstrittensten Films beinahe verdrängt: „Der letzte Tango in Paris“ (1972) zeigt ihn als einsamen, von Weltschmerz erfüllten alten Mann, der sich in einer ausgeräumten Wohnung dem anonymen Sex mit einer blutjungen Studentin hingibt.
Manchen Kritikern und Filmhistorikern gilt das drastische Skandalon als Meisterwerk, Feminist(inn)en sahen und sehen es differenzierter. Erst in jüngster Zeit erfuhr die Öffentlichkeit von Übergriffen Brandos und des Regisseurs Bernardo Bertolucci auf die französische Schauspielerin Maria Schneider.
Am Nimbus des Marlon Brando hat diese späte Enthüllung nicht gekratzt. Seine späteren, immer seltener werdenden und allein aus finanziellen Erwägungen absolvierten Filmauftritte sind ohnehin vergessen, ebenso private und familiäre Kümmernisse samt übertrieben theatralischer Auftritte nach einer Mordanklage gegen seinen Sohn Christian.
Was bleibt, ist das schauspielerische Vermächtnis eines Vulkans – auch wenn seine irdischen Eruptionen im Sommer 2004 erloschen sind.
Zur Sache
Für pfälzische Vorfahren berühmter Nichtpfälzer hegen Pfälzer von jeher ein ausgeprägtes Interesse. Leserinnen zwischen Rhein und Saar merkten auf, als sie vor geraumer Zeit im Hochglanzheft „Gala“ lasen, die Ahnen von Marlon Brando seien „die Brandaus“ gewesen und „vor Generationen aus der bayerischen Pfalz in den mittleren Westen der USA emigriert“.
In seiner 1996 erschienenen Autobiografie erwähnt der Schauspieler „deutsche, holländische, englische und irische Vorfahren“. Immerhin stammte er aus dem US-Bundesstaat Nebraska, wo sich fast die Hälfte aller Einwohner auf deutsche Wurzeln beruft. Sein Biograf Peter Manso schreibt von „Vorfahren aus dem Elsass“.
Auf den einschlägigen Internetseiten zur Familienforschung wird ein Johann Wilhelm Brandau erwähnt, der am 13. Dezember 1747 in New Amsterdam (New York) beerdigt wurde. Laut Sterberegister war er 1679 in der „Pfalz, Bayern, Germany“ zur Welt gekommen. Der Ort und das exakte Geburtsdatum bleiben unerwähnt. Jedenfalls heiratete er noch vor der gemeinsamen Auswanderung die aus Rotterdam stammende Maria Katharina Elisabetha Reuter. Beider Sohn Nikolaus kam 1710 in Bayern zur Welt. Zu dieser Zeit war die Pfalz allerdings noch kein Landesteil von Bayern. Die Angliederung erfolgte erst 1777, als der pfälzische Kurfürst zugleich Herzog vom Bayern wurde.
Wie dem auch sei: Besagter Nikolaus Brandau war der Ur-Ur-Ur-Urgroßvater des 1865 in Omaha (Nebraska) geborenen Kaufmanns Marlon F. Brando. Dessen gleichnamiger Sohn war der Filmstar und zweifache Oscar-Preisträger. Hollywood-Glanz mit pfälzischem Einschlag also.
