Kultur
Der einfältige Deutsche und 22.000 deutsch-amerikanische Hitler-Anhänger
Wie sich aus einem Familienroman ein sehr dezent, ja lakonisch erscheinender psychologisch-aufklärerischer Thriller entwickeln lässt, kann man in Ulla Lenzes fünftem Roman „Der Empfänger“ entdecken. Die 1973 in Mönchengladbach geborene Autorin erzählt in ihrer unglaublichen Geschichte nicht nur über eine kaum bekannte Nazi-Organisation in New York Ende der 1930er Jahre, sondern auch über ihren Großonkel Josef Klein.
Joe, wie er in den USA heißt, ist der unwissende „Empfänger“ von vielen verschlüsselten Nachrichten, die ihm zwei junge Hitler-Anhänger im Rahm ihrer Spionagetätigkeit zum Morsen vorlegen. Ein „Empfänger“ ist freilich auch das Gerät, das der leidenschaftliche Amateurfunker benutzt, um von seinem Stadtteil Harlem aus mit der großen, weiten Welt in Kontakt zu treten. Sein heißgeliebtes Hobby verliert so seine Harmlosigkeit, nicht zuletzt, weil er sich nie überlegt und auch nie fragt, was er denn da versendet.
Josef, der einsame Tüftler in New York
Josef ist naiv, er ist der klassische Anti-Held, den seine bescheidenen Sehnsüchte nach ein bisschen mehr Geld und Wohlleben in Teufels Küche bringen. Hat er doch eigentlich mit Nazis nichts am Hut, eher mit den Kellerkneipen in Harlem, mit Jazz, Ella Fitzgerald und Duke Ellington. Die Nazis hat er ja auch nur zufällig kennengelernt, als er Flyer für eine Druckerei verteilte – Flyer für alle möglichen Veranstaltungen und Organisationen, darunter eben auch die mit der NSDAP sympathisierenden Mitglieder des „Amerikadeutschen Bundes“.
Wie Josef leben diese seit Jahrzehnten in New York. Mit ihnen kann er Deutsch reden, durch sie kommt der zurückhaltende junge Mann wenigstens gelegentlich unter Leute. Lauren jedoch, seine ebenfalls funkende Freundin, eine politisch hellwache junge Frau, die gegen den Faschismus auf dem Broadway demonstrieren geht, wittert Ungemach. Sie will ihn von seiner gefährlichen Nähe zu Fritz Duquesne, dem Leiter des Spionagerings, abbringen. Ohne Erfolg. Joe ist – im Rahmen seines eher unterkühlten Wesens – so begeistert davon, sich endlich nützlich machen zu können, dass er sich sogar dazu bereit erklärt, einen tragbaren Kurzwellensender zu bauen, der nicht zu orten ist. Schließlich ist er ein Tüftler: dem Ingeniör ist nichts zu schwör.
Mit den Nazis nichts am Hut und doch dabei
Was Josef wirklich beeindruckt, erfährt man nie. Die im Frühjahr 1939 stattfindende Versammlung von 22.000 amerikadeutschen Hitler-Anhängern im Madison Square Garden, für die man ihm eine Eintrittskarte zukommen lässt, jedenfalls kaum. Genauso wenig wie die hysterischen Redner in ihren braunen Uniformen, die Hakenkreuz-Fahnen, die Märsche, die Trommler, die seinen Begleiter an den Reichsparteitag in Nürnberg erinnern.
Ulla Lenze bleibt selbst im falschen Pathos dieser Situation konsequent bei ihrem lapidaren Schreibstil. Höchstens durch die wie in einem Drehbuch sehr dicht und knapp gesetzten Dialoge zwischen ihrem schmallippigen Großonkel und den Leuten, mit denen er umgeht, gerät etwas emotionale Schärfe in die Handlung.
Als Doppelagent zurück im Rheinland
1941, nach einem Sabotageakt in einer Munitionsfabrik in New Jersey, fliegen Duquesne und seine Spione auf. Auch Klein, im Grunde ein Unschuldslamm unter faschistischen Dummköpfen, wird verhaftet. Dass er eine Zeit lang für das FBI als Doppelagent arbeitete, hilft ihm nicht. Er wird zu einer siebenjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und 1949 nach Deutschland abgeschoben, wo er bei seinem Bruder im zerbombten Neuss unterkommt.
Natürlich verhandelt Ulla Lenze Josefs Lebensgeschichte nicht chronologisch. Immer wieder springt sie zwischen den Vorkriegs- und Nachkriegszeiten, dem Rheinland und New York hin und her, schildert das Familienleben des etwas einfältigen und zugleich kaltherzigen Bruders Carl, seiner Frau Edith, in die sich der Rückkehrer unglücklich verguckt, und ihrer Kinder. Zwischen den Erwachsenen fällt kein Wort über das vergangene Unrechtsregime, den Horror des Krieges, die Konzentrationslager. Nur das um sie herum herrschende Elend wird beklagt.
Aus Josef wird José, der „nein“ sagt
Am Ende landet Josef, nunmehr José genannt, mit einem von Alt-Nazis gefälschten Pass versehen, in Südamerika. Er lebt ein paar Monate in Argentinien und bleibt dann in Costa Rica, wo ihn andere Unverbesserliche – Massenmörder vielleicht – mit dem Hitler-Gruß willkommen heißen und ihn in ihre Reihen eingliedern wollen. Um Deutschland wieder auf Vordermann zu bringen, wie ein konspirativer Besucher sagt, der schon dabei ist, eine heimliche Armee zusammenzustellen.
Josef entzieht sich dem Angebot. Aber seine abgrundtiefe Resignation will nicht weichen, wenngleich er dieses Mal standhaft bleibt. „Nein“ gesagt hat, also. Lenze, die, wie sie in ihrem Vorwort betont, zwar die Vita ihres Großonkels als Vorlage benutzte, in Josef aber eine eigene literarische Gestalt erschaffen haben will, ist nicht geneigt, aus ihm eine tragische, gar heroische Gestalt zu machen. Eine exemplarische allerdings vielleicht ja doch. Als es darauf ankam, hat Josef sich dumm und unwissend gestellt. So wie die Millionen anderer Deutschen, die einem politischen Verbrecher hinterherliefen und dafür die Quittung erhielten.
Lesezeichen
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Ulla Lenze: „Der Empfänger“; Roman; Klett-Cotta Verlag; 302 Seiten; 22 Euro .