Literatur
„Danke für die Magie“: Wie Salman Rushdie der Friedenspreis verliehen wird
Weltgeisthauch trifft Frankfurt, Sonntagmorgen. Schon ein Triumph, diese Friedenspreis-Feier auf der Historien-Bühne der Paulskirche am Abschlusstag der Buchmesse. Das ZDF überträgt live. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Zum Schluss steht Salman Rushdie mit dem Publikum im Rücken und mit ihm eins. Es ist aufgestanden, applaudiert. Herzensfroh lächelt der Friedenspreisträger. Was für ein wunderbares Bild. Ein Brillenglas Rushdies ist schwarz verschattet. Seit dem Attentat voriges Jahr, als ein fanatischer US-Amerikaner mit libanesischen Wurzeln zehnmal auf ihn einstach, ist er auf einem Auge blind. Er schaut ungebrochen aus. Als „neugierig, heiter und gütig“, beschreibt ihn zuvor sein Literaturstar-Freund und Laudator Daniel Kehlmann, nennt ihn den „berühmtesten Schriftsteller der Welt“, eine „übermenschliche Symbolfigur“ und einen „Propheten“.
Homer und Barbie
Wie jeder weiß, musste sich Rushdie sehr lange wegen eines Buches verstecken. Die „Satanischen Verse“ hat er 1988 geschrieben, der iranische Ayatollah Chomeini deshalb am 14. Februar 1989 die Fatwa ausgesprochen, ein Todesurteil, zwei Millionen Euro Kopfgeld für den, der es vollstreckt. Der Rest ist eine literarische Helden- und Märtyrer-Geschichte. Wie eine Radioantenne nehme der Autor hellsichtiger Romane – etwa seinem ersten Welterfolg „Mitternachtskinder“ (1981) – vor den anderen wahr, „was in der gärenden Substanz des Weltgeistes“ stehe, heißt es in Kehlmanns warmherzigen Worten. Selbst Covid habe Rushdie als einer der ersten durchstanden, frohgemut. Und er schicke ihm und seinem Sohn SMSe, in denen er schon mal die neueste Episode von „Star Wars“ kommentiert.
„Wir ehren Salman Rushdie für seine Unbeugsamkeit, seine Lebensbejahung und dafür, dass er mit seiner Erzählfreude die Welt bereichert“, fasst die Urkunde zusammen, die ihm die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels überreicht. Karin Schmidt-Friedrich aus Mainz trägt trotz allem Hoffnungsgrün. Vizekanzler Robert Habeck klatscht in der ersten Reihe. Wie spürbar froh sie alle sind über diesen „vielleicht wichtigsten Verteidiger der Freiheit von Kunst und Rede“ (Kehlmann) und seine symbolkräftige Weiterexistenz als er selbst. Vor kurzem ist sein jüngster Roman erschienen, „Victory City“. Rushdie hebt mit Dankesworten an.
Wie er sich über den Preis freue, sagt er, und erzählt, dass sein Vorname Salman „friedlich“ bedeute. Seine Kindheit in Bombay, wo der Muslim und New Yorker Engländer 1947 geboren ist, sei mit dem Attribut sehr gut beschrieben. Ein stilles Kind. Der Ärger habe sich viel später eingestellt. Den Nachnamen Rushdie übrigens hat der Vater zu Ehren von Ibn Ruschd angenommen, einem 1126 in Córdoba geborenen muslimischen Mediziner, Rechtsgelehrten und bedeutenden Rationalisten. Rushdie beginnt jetzt aus dem Großreich der Fabeln und des Gelehrten zu erzählen, das er wie kaum jemand sonst beherrscht und kennt.
Von Zwietracht säenden Schakalen aus dem Panchatantra, einer altindischen Dichtung, erzählt er. Von Homer, dem Nibelungenlied, Italo Calvino und dem „Barbie“-Film, in dieser heilen Welt sei leider alles pinkfarben. Manchmal sei das Gute böse. Er streift die Weltlage. Die Krux sei, dass Frieden für den Angreifer Russland und die angegriffene Ukraine etwas grundsätzlich Anderes bedeute. Frieden in Israel aber, sagt er, erscheine einem wie ein Hirngespinst. Dann schwebt ihm und den Zuhörenden die Geschichte eines Zauberers vor, der auf einem Jahrmarkt diverse Schönheitspreise und eben auch einen Friedenspreis verteilt. Gewinn, eine Flasche, wer den Inhalt trinkt, vermag ein Jahr lang friedensselig und ausgependelt unter einem Baum zu sitzen. Vielleicht sagt Rushdie, schreibe er die Geschichte noch. Sie geht eher ungut aus. Das Herz stockt einem – zumindest am Bildschirm – als er seine Rede unterbrechen muss. Ob alles in Ordnung sei, fragt er ins Publikum, dort ist Tumult entstanden, medizinisches Personal greift ein.
Kunst gegen Barbaren
Er habe nie geglaubt, sagt er dann nach der Zwangspause, dass er einmal eine Zeit erleben müsse, „in der die Freiheit – insbesondere die Meinungsfreiheit, ohne die es die Welt der Bücher nicht gebe – auf allen Seiten von reaktionären, autoritären, populistischen, demagogischen, halbgebildeten, narzisstischen und achtlosen Stimmen angegriffen wird.“ Nur frischer Elan könne dagegen helfen. Dass wir „machen, was wir schon immer tun mussten: schlechte Rede mit besserer Rede kontern, falschen Narrativen bessere entgegensetzen, auf Hass mit Liebe antworten und nicht die Hoffnung aufgeben, dass sich die Wahrheit selbst in einer Zeit der Lügen durchsetzen kann.“ Kunst, sagt er dann, „kann die Barbaren von den Toren fernhalten“ – Szenenapplaus. Später Tosen. „Thank you for he magic“, die Stimmung hatte Daniel Kehlmann zuvor schon hinreichend beschrieben: Danke für die Magie.