Geriatrie RHEINPFALZ Plus Artikel 60, Alter! Ich krieg die Endlifekrise

So kann es gehen: Günther Krabbenhöft tanzt mit 79 durch die Berliner Clubs.
So kann es gehen: Günther Krabbenhöft tanzt mit 79 durch die Berliner Clubs.

Plötzlich alt, war das abzusehen? Wer 60 wird, wie sehr viele in diesem Jahr, steht nicht nur medizinisch betrachtet an einem Kipppunkt. Zu feiern ? Nur Abschiede, oder? Die Haare, die Muskeln, die Zellen. Die Laune ist auch nicht gut. Was hilft wieder auf ?

Vor Kurzem bin ich also, ähm - (…) geworden. Ja, 60 halt, hahaha, nicht lustig – so, wie die „meisten“ 2024. Die rund 1,3 Millionen Menschen, die 1964 in Deutschland geboren wurden, dem geburtenstärksten Jahr in der bundesrepublikanischen Geschichte. Es ist die Kohorte mit Vierbettzimmeraussicht im Seniorenheim. Nicht zufällig der erste Jahrgang, der die Rente erst mit 67 kriegt. Noch mehr Alte, die die Lawine der 24 Millionen jetzt schon Sixty-, Seventy-, Eighty, Ninetysomethings und 23.513 Hundertjährigen aufrollen wie nie – und bei der Online-Altersangabe im Jahrgangsfeld ins Unendliche scrollen. Offizieller Nachwuchs für die Steppjacken-, Jack-Wolfskin-, Skinny-jeans-Trägerinnen und -Träger, E-Bike-Fahrenden in zweckentfremdeten On-Cloud-Laufschuhen, die auf der Leerstelle Alter herumschleichen, bevor sie irgendwann dann doch aus dem Pfälzerwald in die Unsichtbarkeit abwandern.

Danke, aber sorry, mir geht es nicht sooo gut

Was soll ich sagen, mein Geburtstag blieb leider leider so etwas von un-gefeiert; die noch mit 59 unabsehbare, beleidigende Kippbewegung ins letzte, was man so hört, weniger sexye Daseinsdrittel. Danke, aber sorry, mit dem Nachwuchsgreisen-Status geht es mir momentan noch (?) nicht soooo gut. Und wie auch? Soll ich die narzisstische Kränkung bejubeln, final gar nicht mehr, auch nicht mal ein bisschen jung, sondern alt alt alt zu sein, jenseits von, wie der auf scharf ehrlich gestellte Gleitsichtbrillenblick in den Spiegel verifiziert. Die triste Vivisektion, die Ohrmuschelhaare zum Vorschein bringt, während der Kopf lichtet, um es mit dem Seinsphilosophen Martin Heidegger zu beschreiben. Und das alles in einer jugendobsessiven Gesellschaft zumal, die alle ihre Hoffnung auf Botox, Lidstraffung, Diätspritzen und die Verheißung setzt, dass der Einsatz von Blutplasma, Medikamenten und Stammzellen Mäusen, Fadenwürmern, Killifischen und Fruchtfliegen viele weitere unbeschwerte Stunden, Tage, Monate im Forschungslabor beschert hat. Nein, hilft ja alles nichts, die Sechs vor der Null ist nun mal eine düster magische Zahl, selbst für heiter gestimmte Geister, sofern sie realistisch bleiben.

Stimmt schon, wir sind dank unserer begnadet späten Geburt im Durchschnitt juveniler – sogar als die Generation der Eltern – die, sofern sie sie lebend erreicht, die Nachricht, das Kind wird 60, womöglich leicht zusammenzucken lässt.

Du siehst doch noch gut aus – für dein Alter

Noch früher, um 1900 herum wäre ich, statisch betrachtet, wahrscheinlich schon 15 Jahre tot, anstatt in 22 Jahren im Herzen jung zu sterben. Die Damen der Schöpfung derweil, haben sich zur Not noch vier Jahre länger eine toxische Kompliment-Ergänzung anzuhören, die hart mit der neuralgischen gerontologischen Altersgrenze 60 korrespondiert.

„Du siehst DOCH NOCH gut aus – FÜR DEIN ALTER“. Merci - für nichts. Dass niemand auf die Idee zu kommen scheint, dass Gutaussehen eine subjektive, aber jahrgangsunabhängige Kategorie sein könnte, will ja auch etwas heißen. Genau wie der Quatsch übrigens, dass man so alt sei, wie man sich fühle. Demnach müsste ich an manchen Tagen 143 sein. Nein, die Wahrheit ist, ungefähr, wenn das siebte Lebensjahrzehnt ansteht, im Untergrund des innerlich schwelenden Dramas der eigenen Endlichkeit und der lebensbilanzierenden Pressekonferenzen, sagen die Zell-Mitochondrien nach und nach leise Adieu. Medizinisch betrachtet, ist 60 der Moment, an dem es mehr oder weniger downhill geht.

Das heißt, die Bauteile verschleißen immer merklicher. „Wir gehen langsam kaputt“, zitiert das „Zeit-Magazin“ die Gerontologin Ursula Müller-Werdan von der Berliner Charité. Der zugehörige Text über den gesundheitlichen Knackpunkt 60 gleicht dem mitleidigen TÜV-Bericht für ein Gebrauchtwrack.

Adieu, ihr guten, alten Muskeln des Typs zwei

Die Fähigkeit des Immunsystems, alte Zellen zu entsorgen, lässt nach. Folge: Chronische Entzündungen, Schäden an den Gefäßen und am Herzen, das langsam wie ein zähes Steak aussieht. Die Leber verstoffwechselt das Fett jetzt eher schwer, der Bauch – grrr, dazu zeigt sich der Blutzuckerspiegel schwankend. Die guten, alten (!) Typ-2-Muskeln gehen in die Grütze. Die Elastizität krankt. Die Schrittgröße tendiert Richtung Joe Biden. Die Ausdauer von 60-Jährigen lässt um 20 Prozent gegenüber früher nach. Das Alter gilt als der Punkt, ab dem sich die Leistungsfähigkeit partout nicht halten lässt. Vom Rest ist auch zu schweigen

Das drahtige Ich – eine ferne Erinnerung

Nicht, dass ein trainierter 60-Jähriger so gut – oder besser – drauf sein könnte als eine Couchkartoffel mit Nikotinsucht. Aber: Das drahtige Ich sogar der trainingsmäßig Bessergestellten ist nun nurmehr eine ferne Erinnerung, die einem als ein anderer im enganliegenden atmungsaktiven Achselschlusshemd im Fitnessstudiofoyer begegnet, wenn man beim Rehasport eincheckt. Und Fußball, ach, für 60-Jährige (und älter) wird er in einem demütigenden Modus angeboten, der nur das Gehen erlaubt, nicht das Rennen, der Ball darf eine Flughöhe von einem halben Meter nicht überschreiten. Dass die Tore denen der Bambinis gleichen, hat einige Symbolkraft dafür, dass der Mensch im Alter im schlechtesten Fall ins windelige Breialter regrediert. Verzeihen Sie meinen Negativismus, aber das in der Endlifekrise verstärkt auftretende Phänomen Anosognosie, die Unfähigkeit, eigene Defizite zu erkennen, hat mein Resthirn mir bisher erspart. Vielleicht muss Mann – ich weiß nicht, wie die Dinge bei Frauen so liegen – aber auch erst einmal tief sinken, um sich mit nüchternen Experten-Verheißungen wie der aufzuhelfen, dass mit 60 nun aber wirklich das Testament ansteht.

Zuletzt wieder gesehen, die Plakatwerbung „Aktivbleiben mit 50+“, die einem darin bestärken soll, dass sich selbst in diesem hohen Alter noch der Umgang mit einem Computer lernen lässt, oder – che miracolo – Sprachenerwerb eine Option bleibt. MIT FÜNFZIG plus. Ab 60, raten die Experten dann, sollte die Gesundheit Lebensprojekt werden (statt lustvoll vergeblich dem Pulitzerpreis hinterherzuschreiben), Wartezimmermonologe und der rege Austausch mit den Ärztinnen und Ärzten des Vertrauens. Immer im Hintergrund das windige (?) Versprechen, dass ja mit 66 das Leben erst anfangen könnte, wie das denn? „Dann fön' ich äußerst lässig, das Haar, das mir noch blieb / Ich ziehe meinen Bauch ein und mach' auf 'heißer Typ', oh ho, oh ho, oh ho“. Äh, nein. Dann doch lieber mit Kolleginnen und Kollegen über die digitale Transformation guter in bessere Texte diskutieren, die knapp vor meinem zehnjährigen Dienstjubiläum geboren worden sind und Leitartikel auf TikTok tanzen können. Opa erzählt aus dem Neolithikum. Kann es denn sein, dass uns Vintagejungen, wie die Literaturkritikerin Iris Radisch vor Kurzem sinnig schrieb, die Vorbilder dafür fehlen, wie sich das hinbekommen lässt, in Würde zu kompostieren. Den zunehmend drängelnden Tod, den wir in uns bergen, mit einem letzten ansehnlichen Entwurf seiner selbst zu übermalen, wie geht das? Und bitte, er sollte nichts mit Ohrensessel und dem zur Kenntlichkeit entstellen Dieter Bohlen zu tun haben. Eher schwebt mir der Rave-Dandy Günther Krabbenhöft vor, der die Berliner Nächte durchtanzt – mit 79. Hauptsache irgendwas in Richtung zeitlos toll. Der Rest ergibt sich. Mal sehen. Mit 70 ist dann bestimmt sowieso alles aus – endgültig.

Das Alter, ein Endkampf: Cosima von Bonins Symbol-Kunstwerk mit Daffy Duck ist zurzeit in ihrer Einzelausstellung in der Frankfu
Das Alter, ein Endkampf: Cosima von Bonins Symbol-Kunstwerk mit Daffy Duck ist zurzeit in ihrer Einzelausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen..
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