Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Überraschungen zuhauf beim 29. Kammgarn-Jazzfestival

Musik mit Gute-Laune-Garantie: das neue Trio HEL des finnischen Pianisten Iiro Rantala.
Musik mit Gute-Laune-Garantie: das neue Trio HEL des finnischen Pianisten Iiro Rantala.

Die 29. Ausgabe des Kammgarn International Jazzfestivals ist Geschichte. Acht Formationen stelltern sich an drei Tagen auf den drei Bühnen des Kaiserslauterer Kulturzentrums vor. Am Ende wurde es ein Festival der Entdeckungen – die nicht nur aus Skandinavien kamen, sondern ausgerechnet auch von der Schwäbischen Alb.

Einen erwartbar atmosphärischen Auftakt hatte der Kölner Trompeter Markus Stockhausen am Donnerstagabend im Cotton Club des Hauses hingelegt. Jedoch machte es der 66-Jährige den Jazzfreunden nicht immer ganz leicht – ab und zu zog er mit wahrer Wonne die verkopften, freejazzigen Register. Und doch bewies der Sohn des berühmten Avantgarde-Komponisten Karl-Heinz Stockhausen Augenmaß: Am Ende überwog deutlich der elegische Wohlklang, den er mit seinem Quintett sowie dem Gastsolisten Nguyên Lê im blauen Bühnenlicht zelebrierte.

Ältere Nummern, vor allem aber auch jene aus seinem erst vor wenigen Tagen erschienenen Album „Celebration“ luden das Publikum im ausverkauften Club über weite Strecken zum Wegträumen ein. Von Fusion über Avantgarde und Weltmusik bis zum Rockjazz reichen die Einflüsse, die im nahtlosen Spiel des Quintetts greifbar wurden. Und einen der ganz seltenen, magischen Momente, wenn Künstler und Publikum gebannt zur Einheit verschmelzen, gab es an diesem Abend auch noch zu erleben. Doch nun zur Abteilung „Entdeckungen“.

Tastenlöwe mit Kuhfellschuhen

Aus Finnland angereist war der exzentrische Tastenlöwe Iiro Rantala. Hatte er im Umfeld des legendären e.s.t. Trios bereits in den 1990ern mit der eigenen Formation Töykeät (zu Deutsch: Grobiane) für Aufsehen gesorgt, so hatte er diesmal ein brandneues Klaviertrio namens HEL (nach dem Flughafen seiner Heimatstadt Helsinki benannt) samt Debüt-CD „Tough Stuff“ im Gepäck. Und beide, Trio wie CD, bieten etliche Überraschungen.

Zunächst ist das musikalische Material aus Rantalas Feder alles andere als skandinavisch-melancholisch. Lustige Themen, ein unwiderstehlicher Groove und eingängige Improvisationen vereinen sich zum Ergebnis, das live wie auf dem Plattenteller einfach Laune macht. Zwar würde man Rantala und HEL klanglich nicht zwangsläufig als Skandinavier mit ihren ansonsten landestypisch kühlen Klanglandschaften und folkloristischen Einsprengseln identifizieren können.

Und doch lieferten der Pianist, der für sein schräges Styling bekannt ist und diesmal mit großgestreiftem Anzug samt Kuhfellschuhen überraschte, sein norwegischer Schlagzeuger Anton Eger im sehenswerten 80er-Jahre-Metal-Outfit mit Wallemähne und offenem Hemd, der allerdings mit unerwartetem Feinsinn zu Werke ging, sowie der englische Bassist Conor Chaplin auch die großen Spannungsbögen und dynamischen Aufschwünge, für die nordischer Jazz bekannt ist. Daneben glänzten die Drei mit vielen humorigen Ideen, die im detailverliebten Zusammenspiel entstanden und das Publikum ein ums andere Mal aufhören ließen.

Und noch eine Offenbarung

In krassem Kontrast zu Rantalas Gute-Laune-Jazz stand das zeitgleich stattfindende Konzert mit dem norwegischen Tubisten Daniel Herskedal. Und was er ablieferte, war nicht weniger beachtlich. Eine Mehrstimmigkeit erzeugt Herskedal nicht nur mit Techniken wie dem Singen einer zweiten Melodie während des Blasens. Vielmehr spielte er über die Loop-Technik verschiedene Tonspuren ein und multiplizierte sich so zum ganzen Bläserensemble.

Neben der Tuba entlockte er auch der Basstrompete sphärische, weit ausschwingende Melodien, die in ihren besten Momenten wie ein inniges musikalisches Gebet wirkten und neben erwähnten nordischen Klangklischees auch folkloristische Elemente einwob. Ebenfalls eine Offenbarung – allerdings der meditativ versunkenen Art – also das Herskedal-Solo.

Talentbeweis von der Schwäbischen Alb

Aber auch aus Deutschland kam mit dem jungen Saxophonisten Jakob Manz und seinem „Project“ eine veritable Entdeckung. Der erst 22-jährige Altsaxophonist von der Schwäbischen Alb sucht seinen Stil zwischen dem Jazzrock der 90er Jahre und den funkigen Ausläufern unserer Tage. Was er mit seinem jungen Quintett – einige Mitmusiker stammen aus frühen Schultagen – auf der Bühne entfesselte, war in den besten Momenten sensationell. Gerade wenn es Richtung Funkjazz ging, entfaltete Manz’ Mixtur unwiderstehlichen Drive. Dass es in den lyrischen Passagen noch an Tiefe und Ausdruck fehlt und auch eine eigenständige Linie noch nicht ganz gefunden scheint, ist angesichts des Alters der Protagonisten kein Wunder. Ein ganz großer Talentbeweis jedenfalls.

Abgeklärt und in sich ruhend erschien dagegen der französische Akkordeonist Vincent Peirani, der sich im Anschluss präsentierte. Im Trio und vor allem im engen Wechselspiel mit seinem Gitarristen Federico Casagrande steigerte er melancholische Melodien in großen Spannungsbögen ins rockige Extreme. Allein Schlagwerker Yoann Serra war bisweilen lautstärkemäßig überrepräsentiert und zerballerte das engmaschige Klanggeflecht.

Mit zur Selbstoffenbarung

Mit beachtlichem Mut zur Selbstoffenbarung sorgte die Festival-Headlinerin Ute Lemper für eine Überraschung. Das 60-Jährige Multitalent bot in einer über zweistündigen Nonstop-Konzertlesung neben bekannten Chansons und eigenen Nummern weite Lesungsteile aus ihrer erst kürzlich erschienenen Autobiografie – inklusive Reflexionen übers Älterwerden und den durchaus nicht einfachen Lebensweg einer Künstlerin.

Einen entspannten Festivalabschluss bildeten der kubanische Pianist Harold López-Nussa mit einer zeitgemäßen und jazzig aufgebohrten Interpretation von Son, Salsa & Co. sowie eine Jamsession mit hochkarätigen regionalen Musiker. Ein facettenreiches Jazzfestival also, und man darf gespannt sein, welche „Kaninchen“ Festival-Impressario und Kammgarn-Chef Richard Müller für die nächste, 30. Jubiläumsausgabe aus dem Hut zaubert.

Starker Talentbeweis von der Schwäbischen Alb: Jakob Manz.
Starker Talentbeweis von der Schwäbischen Alb: Jakob Manz.
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