1. FC Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Stefan Kuntz vorm Pokalfinale: „Und dann gewinnt der FCK“

Die Pokalsieger von 1990 um Trainer Karl-Heinz Feldkamp (hinten, 2. v. l.), Bruno Labbadia (hinten, Mitte), Stefan Kuntz (vorne,
Die Pokalsieger von 1990 um Trainer Karl-Heinz Feldkamp (hinten, 2. v. l.), Bruno Labbadia (hinten, Mitte), Stefan Kuntz (vorne, 4. v. r.) und Torwart Gerry Ehrmann (vorne, 3. v. r.).

Der 1. FC Kaiserslautern steht erstmals seit 2003 wieder im DFB-Pokalfinale. Stefan Kuntz durfte den Pokal 1990 im FCK-Trikot in den Berliner Himmel stemmen. Im Interview spricht er über die Erfolge Anfang der 1990er Jahre und über die Siegchancen des FCK im Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen.

Wie feiert man am besten einen Pokalsieg?
Den Pokalsieg feiert man am besten, indem man vorher den Klassenhalt feiert. Das hat ja geklappt. Und nach einem Pokalsieg, da bin ich mit zu 1000 Prozent sicher, weil es damals bei uns so auch war, musst du niemandem sagen, wie er feiern soll. Und das beherrschen alle FCK-Fans und, soweit ich es weiß, auch alle Spieler und Mitarbeiter sehr gut. Bei den Mitarbeitern, da bin ich mir ganz sicher.

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Am Ziel: Kapitän Stefan Kuntz hält 1990 den DFB-Pokal in die Höhe. Rechts: Franco Foda und Demir Hotic (von links).
Am Ziel: Kapitän Stefan Kuntz hält 1990 den DFB-Pokal in die Höhe. Rechts: Franco Foda und Demir Hotic (von links).

Welche Feier war denn heftiger, Pokalsieg 1990 oder Meisterschaft 1991?
Ich glaube, heftiger war sogar der Pokal, weil das der erste Titel war. Wir haben in Köln die Meisterschaft klargemacht, dann sind wir erst mit dem Boot nach Koblenz. Das hat lange gedauert, aber wir waren unter uns, das war schon gut. Aber man hat natürlich irgendwann ausgefeiert, weil du ja das ganze Jahr schon miteinander zu tun hast.

Wir sind am nächsten Tag mit dem Bus von Koblenz nach Kaiserslautern gefahren. Elmar Hörig vom SWF (heute SWR, Anm. d. Red.) war live auf dem Rathausplatz in Kaiserslautern. Wir haben den Busfahrer bedrängt, dass er endlich schneller fahren soll. Wir wollten unbedingt zu den Fans, wir wollten unbedingt feiern.

Von der Fete an sich, glaube ich, war Berlin eine Idee besser. Wenn ich mich so an die Geschichten erinnere, die mir jetzt gerade einfallen.

Vor allem nach der Meisterfeier gab es ja mit Fritz Walter einen besonderen Moment...


Ja, wir haben nicht nur Fritz – zu dem Zeitpunkt haben auch Ottmar (Walter) und Horst (Eckel) noch gelebt – im Rathaus getroffen. Er war stolz, hat sich mitgefreut und hat uns natürlich komplett neidlos gefeiert. Es war ja sowieso ein besonderes Verhältnis zu Fritz Walter, ich konnte dem stundenlang zuhören. Nicht nur ihm, auch Ottmar und Horst, oder ganz am Anfang Werner Liebrich auch, wenn die von damals erzählt haben. Das ist Fußball, wie ich ihn liebe. Zu meiner Entwicklung im Fußball gehören diese Geschichten von damals dazu. Demut ist oft negativ bestückt, aber das ist für mich eine positive Demut. Das ist eine fantastische Charaktereigenschaft, vor allem bei Leuten, die viel erreicht haben. Und das war beim Fritz der Fall, da war auch die Feier natürlich besonders.

Was ist für eine Mannschaft nach einem Titelgewinn wichtiger, der finanzielle Aspekt oder das Prestige?
Das Prestige, definitiv. Das ist etwas, was du dir nicht kaufen kannst. Klar nimmst du eine Prämie gerne mit. Wir stehen danach in einem Jahrbuch drin, wir stehen in der Chronik von einem Verein drin, wir haben einen Titel geholt. Auf unserer Autogrammkarte können wir in Zukunft Pokalsieger oder was auch immer hinten draufschreiben. Das ist mit Geld nicht zu ersetzen.

Beim Stadionfest 2015: Kuntz mit Karl-Heinz Feldkamp
Beim Stadionfest 2015: Kuntz mit Karl-Heinz Feldkamp

Was macht der Teamgeist bei einem Pokalfinale aus?
Ich glaube, das geht auf dem Platz los, indem du dich unterstützt, indem du dir hilfst, indem du merkst: Mein Kollege ist da für mich. Wer ein bisschen nervöser ist, wird von einem anderen, der cool ist, unterstützt. Umgekehrt ist dann die Laufarbeit da. Du versuchst, von deinem Mitspieler den Druck wegzunehmen, du schwörst dich als Truppe noch mal ein. Du weist natürlich nochmal darauf hin, dass du jetzt Geschichte schreiben kannst. Das ist ja auch so. Und dann beobachtest du natürlich aufmerksam das Spiel. Wer von deinen Jungs hat einen besonders guten Tag? Wie kann ich den einsetzen? Wer von den anderen hat einen besonders guten Tag? Wer muss vielleicht mal einen kleinen Maßstab setzen auf dem Platz, um auch zu zeigen, wir sind da? Wo sind dann die Führungscharaktere, die dann auch dementsprechend anfeuern, die Kommandos geben? Der Coach kann oft nicht so schnell reagieren, wie du als Spieler auf dem Platz etwas fühlst. Das sind so die wichtigsten Sachen. Und dann kommen – wie bei unserem Pokalspiel – ein paar Automatismen. Wenn Frank Lelle links durchgeht, dann weißt du als Mittelstürmer, wo der ungefähr hinflankt. Das hat natürlich dann auch was mit Teamgeist zu tun. Der weiß auch, der Stürmer steht da vorne, und nach einer Flanke ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass wir einen Abschluss kriegen.

Der Teamgeist der aktuellen Mannschaft ist bei den Fans ja auch Thema gewesen, gerade in der Zeit, als es nicht lief in dieser Saison. Wie sehr kann man als Außenstehender Einblick haben in den Teamgeist oder auch in die Kondition? Es wird ja gesagt, die bauen oft ab, sind nicht fit.
Fangen wir beim „nicht fit“ an. Als Spieler hat mich am meisten getroffen, wenn die Fans singen: „Wir wollen euch kämpfen sehen.“ Du möchtest das, aber dein Körper kann nicht. Nicht, weil er nicht darauf trainiert ist. Sondern, weil im Kopf der Druck oder diese Leitung, sage ich mal, nach unten zum Laufen, zum Kämpfen blockiert ist. Durch diesen Druck, den so ein Spiel oder die Angst aufbaut, etwa zu versagen, ein Spiel zu verlieren, abzusteigen. Das sind alles so Parameter, die haben mit der eigentlich messbaren Kondition wenig zu tun. Es kann sein, dass der Spieler, der kraftlos und konditionslos im Spiel aussieht, nach dem Spiel noch zehn Kilometer laufen kann. Wenn dieser Druck weg ist, wenn diese Angst weg ist. Ich verstehe den Fan, weil es so aussieht. Aber es ist da nicht unbedingt die mangelnde Ausdauer, sondern diese Form von mentaler Resilienz gegen Widerstände trotzdem Leistung zu bringen. Beim Teamgeist, finde ich, hat ein Fan ein sehr gutes Gespür. Das sieht man an der Körpersprache, kleiner Mimik, kleiner Gestik, sich noch mal kurz abklatschen, noch mal einen Klaps auf den Rücken, noch mal im richtigen Moment eine Ansage. Die kann auch mal laut sein, aber sollte immer wieder unterstützend sein. Da finde ich, dass speziell Kaiserslauterer Fans immer ein sehr gutes Gefühl haben und auch wissen, ob dieser Teamspirit da ist – oder nicht.

Stefan Kuntz
Stefan Kuntz

Ist es möglich, eine Mannschaft wie Leverkusen mit Teamspirit zu knacken?
Ohne Teamspirit auf gar keinen Fall. Wenn man überhaupt Erfolg haben möchte, muss der Teamgeist an dem Tag sehr ausgeprägt sein.

Und jetzt die Königsfrage: Wie lautet der Tipp fürs Finale?
(lacht) Ich tippe nicht. Ich kann nicht gegen den FCK tippen, selbst wenn ich von den Argumenten her sehen würde, dass das schon richtig schwer wird. Wenn, dann sage ich, es geht ins Elfmeterschießen. Und dort gewinnt der FCK.

Zur Person

Sechs Jahre, von 1989 bis 1995, stand Stefan Kuntz (Jahrgang 1962) als Spieler für den 1. FC Kaiserslautern auf dem Platz. Mit den Pfälzern gewann der Saarländer 1990 den DFB-Pokal und 1991 die Meisterschaft. In 449 Bundesligaspielen für den FCK, den VfL Bochum, Bayer 05 Uerdingen und Arminia Bielefeld schoss der Stürmer 179 Tore. In der Saison 1995/96 schnürte er für Besiktas Istanbul die Schuhe. 1996 wurde Kuntz mit der DFB-Elf Europameister. Nach der Karriere zog es den heute 61-Jährigen auf die Trainerbank, unter anderem bei seinem Heimatverein Borussia Neunkirchen, dem Karlsruher SC und Waldhof Mannheim. Als Sportlicher Leiter lenkte er zunächst die Geschicke beim VfL Bochum, ehe er 2008 als Vorstandsvorsitzender auf den Betzenberg zurückkehrte und bis 2016 blieb. 2017 und 2021 wurde er als Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft der Herren Europameister, 2019 erreichte er das Finale. Zuletzt war die FCK-Legende Herren-Nationaltrainer in der Türkei. Beim Hamburger SV wurde Kuntz jetzt als neuer Sportvorstand präsentiert.

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