Die 60. Bundesliga-Saison
Als Pirrung beim 7:4 des FCK mit den Bayern Katz und Maus spielte
20. Oktober 1973, strahlender Sonnenschein. Der Himmel über dem mit 34.000 Zuschauern ausverkauften Betzenberg aber trübte sich drei Minuten nach dem Anpfiff von Horst Bonacker ein: 0:1 durch Bernd Gersdorff. Nach zwölf Minuten lag der 1. FC Kaiserslautern mit 0:2 gegen Bayern München zurück: wieder Gersdorff. Gerd Müller erhöhte in der 36. Minute auf 3:0. Der Anschlusstreffer durch Josef Pirrung weckte kurz vor der Pause neue Hoffnung, die Müller zwölf Minuten nach dem Seitenwechsel dämpfte: 1:4!
Trainer Ribbeck kamen die Tränen
„Ich hab’ den Zweikampf gegen Gerd Müller verloren, schnelle Drehung – 4:1. Wir haben uns nur angeguckt. ,Diddes’ Schwager hat als erster wieder Worte gefunden und nur gesagt: Männer, alles oder nix“, erinnert sich Fritz Fuchs und hat auch das Bild des FCK-Trainers nach dem Abpfiff noch vor Augen: „Erich Ribbeck saß auf der Bank und weinte.“
„Wir hatten uns in der Halbzeit nochmal angestachelt. Ich hab’ eine Minute nach dem 1:4 das 2:4 gemacht, dann ging es Schlag auf Schlag. Es war eine unglaubliche Stimmung, einfach ein einmaliges Spiel“, schwärmt Klaus Toppmöller, mit 108 Toren in 204 Bundesligaspielen der Lauterer Rekordtorschütze.
Der Betze bebte
In der Westkurve dachte nach dem 1:4 auch ein gewisser Hans-Peter Briegel an „Fahnenflucht“. Er blieb. Hunderte kehrten zurück, als Pirrung in der 61. Minute auf 3:4 verkürzte. Der Betze bebte, die Bayern wankten. 73. Minute: Seppl Pirrung, ein wunderbarer Rechtsaußen, spielte sich in einen Rausch, riss alle mit und traf ein drittes Mal: 4:4. Drei Minuten später sah Gersdorff Rot. Die Lauterer stürmten auf Teufel komm raus, und Ernst Diehl, der Vorstopper, traf – 5:4 in der 84. Minute. „Ich bin da zufällig in eine Lücke rein, ich war nicht langsam, ich weiß aber auch gar nicht von wem der Ball kam“, erinnert sich Diehl.
Da war er irgendwie quitt mit dem Strafraumschreck: „Es hatte mich geärgert, dass mein Freund Gerd wieder getroffen hatte. Nach dem Spiel sagte er dann, halb im Spaß, halb im Ernst, komm du mal nach München …“ Er traf den „Bomber der Nation“ später immer wieder – Diehl als erfolgreicher Trainer der FCK-Jugend, Müller als „Co“ im Nachwuchs der Bayern. Das Schicksal des schwer kranken Gerd Müller, sein Tod, gehen Diehl nahe. Er hatte „den Gerd“ sehr gemocht.
Ausgerechnet Laumen
Das 7:4 – auch das Spiel des Herbert Laumen, erzählt Ernst Diehl, der Eisenfuß, der in 314 Bundesligaspielen 18 Treffer erzielte. „Nach meinem Tor kam der Auftritt von Herbert Laumen, der sich vorher so schwer bei uns tat. Unglaublich, wie der dann aufspielte. So wie in seinen besten Tagen in Gladbach“, blendet Ernst Diehl zurück. 6:4 in der 87. Minute – Laumen, 7:4 in der 89. Minute – Laumen. Ausgerechnet Laumen. In Mönchengladbach ein umjubelter Meisterspieler, in Bremen gescheitert, kam er im Sommer 1973 in die Pfalz. Schon als Fehleinkauf abgestempelt, zog er noch einmal groß auf.
„Es war aber vor allem das Spiel von Seppl Pirrung – ein unfassbares Spiel von ihm. Unglaublich seine Karriere, die nach drei Beinbrüchen schon vorbei schien“, schildert Diehl das große Pech des begnadeten Dribblers. Den ersten Beinbruch erlitt Pirrung ausgerechnet bei einem von Diehl initiierten Freundschaftsspiel bei dessen Heimatverein VfL Etschberg. Pirrung schaffte mehr als nur das Comeback, er ist ein ganz Großer in der Vereinshistorie. In 304 Bundesligaspielen schoss er 61 Tore für den FCK. Der kleine, große Könner wurde nur 61 Jahre alt.
Einladung ins ZDF-Sportstudio
7:4. Diese Elf schrieben eine unglaubliche FCK-Geschichte: Jupp Elting, Ernst Diehl, Fritz Fuchs, Lothar Huber, Dietmar Schwager, Klaus Ackermann, Hermann Bitz, Herbert Laumen, Josef Pirrung, Roland Sandberg, Klaus Toppmöller. „Ich konnte das Spiel gar nicht so richtig genießen. August Diehl, unser Lizenzspieler-Obmann, kam in die Kabine und sagte, Ernst, du musst ins Sportstudio“, erzählt Ernst Diehl.
Dort traf er seinen Lehrmeister Dietrich Weise, der mit Jürgen Grabowski ebenfalls Studiogast war. „Harry Valérien, den ich verehrt habe, war Moderator“, berichtet Diehl, wie ein wunderbarer Tag einen schönen Abschluss an der ZDF-Torwand fand: Diehl traf dreimal. Beim FCK wurde er nach dem Karriereende über Jahrzehnte zu einem Ziehvater für viele Talente. Dass der FCK vergangenes Jahr in die Zweite Liga aufgestiegen ist, schreibt er vor allem Geschäftsführer Thomas Hengen zu – auch er gehörte einst zu Diehls Musterschülern.
