Unternehmen RHEINPFALZ Plus Artikel Putins Schlag trifft die BASF

Das Bild aus dem Jahr 2007 zeigt das Logo des Gasfeldes Juschno Russkoje im Nordwesten von Sibirien bei der Stadt Novy Urengoy.
Das Bild aus dem Jahr 2007 zeigt das Logo des Gasfeldes Juschno Russkoje im Nordwesten von Sibirien bei der Stadt Novy Urengoy. An der Förderung dort war auch die BASF-Mehrheitsbeteiligung Wintershall Dea beteiligt.

Noch einmal führt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zu teuren Folgen für den Chemiekonzern. Der Machthaber in Moskau hat der BASF-Mehrheitsbeteiligung Wintershall Dea offenbar die Gasfelder in Russland entzogen. Die Ludwigshafener müssen deshalb Milliarden in den Wind schreiben und rutschen in die roten Zahlen.

Die BASF spricht von „wirtschaftlicher Enteignung“ in Russland: Die „tatsächlichen Einflussmöglichkeiten“ der BASF-Mehrheitsbeteiligung Wintershall Dea auf die Explorations- und Produktionsaktivitäten in Putins Riesenreich seien weitgehend entfallen. Das führt zu einem tiefen Einschnitt in den Gewinn des Ludwigshafener Chemiekonzerns.

Die BASF muss deshalb nicht zahlungswirksame Wertberichtigungen auf die Beteiligung an dem Kasseler Öl- und Gaskonzern in Höhe von 7,3 Milliarden Euro vornehmen, davon alleine 5,4 Milliarden Euro im vierten Quartal. Das treibt das Ergebnis nach Steuern und nicht beherrschenden Anteilen für das Geschäftsjahr 2022 mit minus 1,376 Milliarden Euro tief in die roten Zahlen. Dabei ist das operative Geschäft des Ludwigshafener Chemiekonzerns – wie am Mittwoch bereits berichtet – ansonsten nicht schlecht verlaufen. Das Ergebnis der Betriebstätigkeit (Ebit) vor Sondereinflüssen erreichte 6,878 Milliarden Euro und lag damit zwar knapp 12 Prozent unter dem Wert für 2021, aber noch knapp in der Gewinnspanne, die die BASF vorausgesagt hatte. Der Umsatz stieg um 11 Prozent auf 87,3 Milliarden Euro und lag ebenfalls in der prognostizierten Spanne.

„De facto enteignet“

Bei Wintershall Dea, an der die BASF 72,7 Prozent hält, fallen dramatischere Worte. In den vergangenen Monaten habe die russische Regierung die Tätigkeit westlicher Unternehmen im Land eingeschränkt. Es sei zu „externen Eingriffen“ in die Aktivitäten der Gemeinschaftsunternehmen mit dem Erdgasförderkonzern Gazprom gekommen, der sich mehrheitlich in russischem Staatsbesitz befindet. Diese Gemeinschaftsunternehmen seien „de facto wirtschaftlich enteignet“ worden. „Eine Fortführung unseres Geschäfts in Russland ist nicht haltbar“, schrieb jetzt Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren. Deshalb werde sich der Kasseler Konzern vollständig und geordnet aus Russland zurückziehen. Vor dem Krieg bezog Wintershall Dea etwa die Hälfte ihres Gases aus Russland.

Wintershall Dea, an der außer der BASF die Beteiligungsgesellschaft Letter One des russischen Oligarchen Michail Fridman beteiligt ist, hatte bereits im März 2022 den Angriff Russlands auf die Ukraine scharf verurteilt und entschieden, in Russland keine zusätzlichen Projekte zur Förderung von Gas und Öl mehr vorantreiben und alle Planungen für neue Projekte zu stoppen. Zahlungen nach Russland waren damals mit sofortiger Wirkung eingestellt worden. In den bestehenden Erdgas-Förderprojekten in Russland, Juschno-Russkoje und Achimov in Sibirien, blieb Wintershall Dea jedoch weiter vertreten – bis jetzt. Mehren verurteilte den Angriffskrieg nun erneut: Er habe „die Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa zerstört“.

Russisches Gas seit 1990

Der nun beschlossene Abzug aus Russland ist für die BASF das teure Ende jahrzehntelanger, lukrativer Geschäfte mit russischem Gas. Mit dem Zusammenschluss der BASF-Tochter Wintershall mit dem Hamburger Öl- und Gaskonzern Dea im Jahr 2019 hatte die BASF entschieden, sich aus dem Öl- und Gasgeschäft zurückzuziehen. Seither versucht die BASF Wintershall Dea loszuwerden und an die Börse zu bringen. Das Vorhaben wurde schon mehrfach verschoben und scheiterte zuletzt an Letter One. Noch im Januar 2022 sprach sich der Miteigner gegen einen schnellen Börsengang aus, weil er befürchtete Wintershall Dea würde unter Wert verkauft.

In das Geschäft mit russischem Gas stieg die BASF bereits Ende 1990 ein. Kurz vor der Wiedervereinigung hatten die Ludwigshafener über ihr damaliges Tochterunternehmen Wintershall eine langfristige, gaswirtschaftliche Zusammenarbeit mit Gazprom vereinbart. Das kam der BASF damals gerade recht. Der Chemiekonzern führte unter dem frisch gekürten Vorstandsvorsitzenden Jürgen Strube gerade eine harte Auseinandersetzung mit der Ruhrgas, um die Monopolstellung des Gaskonzerns in Deutschland zu brechen. Der Rohstoff war und ist für die BASF von besonderer Bedeutung. Sie braucht Gas in großen Mengen als Rohstoff und um ihren hohen Energiebedarf zu decken.

Durchgriff zum Endkunden

Als einer der größten Gasverbraucher in Deutschland hatte sich die BASF schon seit Jahren an den Monopolpreisen der Ruhrgas gestört und stieg kurzerhand selbst in das Gasverteilgeschäft ein. Mit billigem russischem Erdgas von Gazprom. 1993 gründen die beiden Partner die Gashandelsgesellschaft Wingas, mit der der russische Gasproduzent erstmals direkt am lukrativen deutschen und westeuropäischen Gashandel bis zum Endkunden beteiligt wird.

2005 wird dann die BASF über ihre Kasseler Energietochter das erste ausländische Unternehmen, das in Russland Gas fördert. Dafür wird der Gazprom-Anteil an Wingas von 35 auf knapp 50 Prozent erhöht. Die entsprechende Grundsatzvereinbarung unterzeichnen am 11. April 2005 der damalige BASF-Chef Jürgen Hambrecht und Gazprom-Chef Alexej Miller in Hannover in Gegenwart von Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Ende 2013 – inzwischen ist Kurt Bock BASF-Chef – vereinbaren BASF und Gazprom einen milliardenschweren Tausch im Gas- und Ölgeschäft, der bis Ende 2014 über die Bühne gehen soll. Wintershall gibt das Gashandels- und Gasspeichergeschäft in Deutschland vollständig an Gazprom ab. Dafür erhält die BASF Anteile an großen Erdgasfeldern in Sibirien. Dann annektierte Russland im Frühjahr 2014 die Halbinsel Krim. Ende 2014 blasen Gazprom und BASF den Tausch überraschend ab wegen eines „schwierigen politischen Umfelds“. Um ihn Ende 2015 dann doch durchzuziehen. Kommentar

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