Fitness
Sport nach Corona: Der Körper braucht Zeit
Die Corona-Infektion ist überstanden, der Test negativ und der Bewegungsdrang nach tagelanger Quarantäne groß. Viele würden am liebsten sofort die Laufschuhe schnüren und ihr gewohntes Sportprogramm wieder aufnehmen. Doch Alexander Bleckmann, Oberarzt in der Kardiologie des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern und Vorsitzender des Sportärztebunds Rheinland-Pfalz, rät Freizeitsportlern zu Geduld. „Selbst jemand, der eine Corona-Infektion symptomlos durchgemacht hat, sollte sich erst nach 14 Tagen wieder intensiver belasten, also erst dann mit seinem gewohnten Sportprogramm beginnen“, sagt er.
Dass Sportler eine Covid-Erkrankung nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten, zeigt auch eine ganze Reihe prominenter Beispiele aus dem Profisport: Beim Linksverteidiger Alphonso Davies vom FC Bayern wurde nach seiner Corona-Infektion eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert, Jonathan Schmid vom SC Freiburg kämpfte sich mühsam ins Training zurück und Ringerweltmeister Frank Stäbler hatte nach seiner Erkrankung im Herbst 2020 mehr als 20 Prozent seiner Leistungsfähigkeit eingebüßt. Am Ende gewann er im August 2021 Bronze in Tokio bei den Olympischen Spielen – aber es war für ihn ein langer und steiniger Weg.
Zwar strebt nicht jeder nach Medaillen, aber so fit und leistungsfähig wie vor Corona möchte man schon wieder sein. Dafür braucht es vor allem eines: Zeit. Der Sportler sollte 48 Stunden keine Symptome haben, bevor er das erste Mal mit einem leichten Training startet. Denn: „Auch wenn man nur leichte Symptome hatte wie Fieber bis 38 Grad, Kopfweh, Gliederschmerzen, Husten, Schnupfen und Halsweh, sollte man als Freizeitsportler zwei bis vier Wochen auf intensiven Sport verzichten“, sagt Bleckmann. Der Kardiologe rät außerdem zu einem kleinen Blutbild und einem EKG vor der Wiederaufnahme des Trainings.
Kein Training bei Reizhusten nach einer Infektion
Wer mit Reizhusten zu kämpfen hat, sollte zudem warten, bis dieser abgeklungen ist. Anders sieht es aus, wenn der Geschmacks- und Geruchssinn noch nicht zurückgekehrt sind. Diese Symptome seien kein Grund, die Rückkehr zum Sport zu verschieben. Grundsätzlich gelte: Wer nach einer leichten Infektion nach Wochen noch immer Probleme beim Treppensteigen hat und schnell außer Atem ist, der sollte mit Sport warten und im Zweifel besser zum Arzt gehen.
Ganz andere Maßstäbe gelten, wenn der Erkrankte während seiner Covid-19-Infektion eine Lungenentzündung oder gar eine Herzmuskelentzündung entwickelt hat. Dann ist eine deutlich längere Sportpause angesagt. „Nach einer Erkrankung mit einer Lungenentzündung sollte der Sportler für mindestens vier Wochen pausieren. Ein Arztbesuch vor dem Wiedereinstieg ist ein Muss“, sagt Bleckmann. Leistungs- und Profisportler sollten dies nach einem positiven PCR-Test in jedem Fall tun – unabhängig vom Verlauf der Erkrankung. Sie haben in ihrem Alltag eine ganz andere Belastung. Ein ärztliches Gespräch und ein Ruhe-EKG sind hier empfehlenswert.
Das Nationale Olympische Komitee der Schweiz hat für die Rückkehr zum Sport nach einer Covid-Erkrankung einen Leitfaden entwickelt und empfiehlt ein fünfstufiges Modell zum Wiedereinstieg. Nach einer mindestens fünftägigen Trainingspause wird die Belastung stufenweise gesteigert. Es geht darum, vorsichtig die Herzfrequenz und die Dauer des Trainings immer weiter zu erhöhen und die Reaktion des Körpers darauf zu beobachten. Fühlt sich der Sportler nach der ersten Einheit gut, steigert man nach zwei bis drei Tagen die Intensität – bis man wieder bei seinem alten Niveau angekommen ist. Fühlt sich der Athlet hingegen schlechter, sollte er hingegen einen Gang zurückschalten.
Bei Verdacht auf Herzmuskelentzündung zum Arzt
Das Schreckgespenst für viele Freizeit- und Profisportler ist eine übersehene Herzmuskelentzündung und das Internet spuckt bei der Suche nach Langzeitschäden und Corona jede Menge Treffer aus. Dass Dr. Google nicht der beste Ratgeber ist, sollte sich zwar in der Zwischenzeit herumgesprochen haben, aber in der Not wird dann eben doch das Internet befragt, statt eines Experten. Dabei ist bei dem Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung der Gang zum Arzt unvermeidbar. „Spürt man eine Leistungsschwäche, Herzstolpern, Atemnot oder wird der Husten noch mal stärker und man hat Stiche im Brustbereich, sind das Warnzeichen, die jeder ernst nehmen muss“, sagt der Kardiologe. Der Sportmediziner kennt einige Sportler, die nach einer Infektion eine Herzmuskelentzündung entwickelt haben, aber es sei nach einer Corona-Infektion nicht die Regel. Wird der Verdacht bestätigt, bekommt der Sportler ein mindestens dreimonatiges Sportverbot und es stehen jede Menge Untersuchungen an: Ruhe-EKG, Belastungs-EKG, Herzultraschall, ein spezielles Blutbild, gegebenenfalls auch ein MRT des Herzens.
Eltern müssen sich laut Beckmann um ihre Kinder nicht allzu große Sorgen machen: Kinder unter zwölf Jahren sollten nach einer durchgemachten Erkrankung keinen Sport machen, solange sie Anzeichen einer Infektion haben. Sind sie dann symptomfrei, können sie im Prinzip loslegen. „Eltern beobachten ihre Kinder immer ganz genau und viele Kinder können Beschwerden auch gut äußern. Kinder ab zwölf Jahren sind in der Regel so weit, dass sie ganz klar äußern können, wo etwas schmerzt oder wehtut“, sagt der Sportmediziner.
Bewegung bei Long-Covid gut für das Körpergefühl
Da es jetzt in der aktuellen Omikron-Welle etliche Infizierte gab, die einen milden Verlauf hatten, macht sich der Arzt über mögliche Langzeitfolgen gerade weniger Sorgen. „Wir wissen natürlich nicht, was jetzt noch auf uns zukommt, aber Omikron hatte doch meistens einen milderen Verlauf als die Fälle in den ersten Covid-19-Wellen“, sagt der Mediziner.
Was ihm allerdings noch Sorgen bereitet, sind die Langzeitverläufe von Long-Covid-Patienten. Da sehe er nun vermehrt Patienten, die es sehr schwer haben, wieder in eine Sportroutine zu finden. Viele seiner Patienten berichten von etlichen Rückfällen während des Trainings und sie müssen die Belastungen im Alltag und beim Sport sehr gut dosieren, sie können oft keine großen Sprünge machen. „Diese Menschen brauchen wirklich viel Geduld. Ich erlebe Menschen, bei denen dauert es drei Monate bis zu einem Jahr, bis sie ihre alte Form wiedergefunden haben“, erzählt Bleckmann. Grundsätzlich wirke sich bei Long-Covid die Bewegung positiv auf das Körpergefühl aus, aber die Bewegung muss wohldosiert sein – sonst ist es schnell zu viel. „Wer unter Long-Covid leidet und wieder zu seiner alten Sportleistung zurück möchte, der hat einen Marathon vor sich“, sagt Bleckmann.