Gesundheit
Schlaganfall: Schnelle Versorgung dank Telemedizin
Von Martin Morgenthaler und Johannes Treib
Ursache eines Schlaganfalls ist in 85 Prozent der Fälle ein Hirninfarkt, also eine plötzlich auftretende Durchblutungsstörung im Gehirn, die durch einen Gefäßverschluss verursacht wird. Bei diesem sogenannten ischämischen Schlaganfall gilt es, die Durchblutung so schnell wie möglich wiederherzustellen, um zu vermeiden, dass minderdurchblutetes Gehirngewebe abstirbt.
Dafür stehen die Thrombolyse und bei größeren Blutgerinnseln die Thrombektomie, eine mechanische Gefäßeröffnung mithilfe eines Katheters, als Behandlungsverfahren zur Verfügung. Bei der Thrombolyse wird über eine Infusion ein Enzym verabreicht, das Blutgerinnsel in den Hirnarterien auflösen kann. Zugelassen ist sie derzeit innerhalb von viereinhalb Stunden nach den ersten Symptomen eines Schlaganfalls.
Nicht überall ausreichender Versorgungsstandard
Dies gilt auch für die Möglichkeit, Schlaganfallpatienten mittels Thrombektomie zu behandeln. Zum einen muss hier eine entsprechende Infrastruktur, etwa eine Angiografieanlage (Röntgen oder Magnetresonanztomografie), vorgehalten werden, zum anderen bedarf es speziell ausgebildeten Personals. Um einen qualitativ hochwertigen und routinierten Standard der Versorgung anbieten zu können, ist zudem eine gewisse Anzahl an Behandlungen pro Jahr vorgeschrieben.
Doch nicht alle Regionen verfügen über einen gleichermaßen guten apparativen wie personellen Versorgungsstandard. Da es sich bei der Rekanalisation akuter Gefäßverschlüsse, egal ob dies durch eine Thrombolyse oder über eine mechanische Rekanalisation, also eine Thrombektomie, erfolgt, um eine hocheffektive Behandlung handelt, sollte es Ziel moderner Versorgungsstrukturen sein, diese auch in der Fläche für die Patienten anzubieten. Dazu ist eine rasche wohnortnahe Diagnostik und fachliche Einschätzung vonnöten.
Ein Modell, das bereits flächendeckend in Rheinland-Pfalz praktiziert wird, ist die digitalisierte telemedizinische Versorgung. Hierbei arbeiten Krankenhäuser verschiedener Versorgungsstufen zusammen, um die Behandlung der Patienten gemäß dem aktuellen Stand der Medizin sicherzustellen. Der ärztliche Schlaganfallspezialist eines Maximalversorgers kann über eine sichere Videoverbindung in die zentrale Notaufnahme des erstversorgenden Krankenhauses zugeschaltet werden. In Einzelfällen ist sogar schon die Zuschaltung in den Rettungswagen möglich. Die kooperierenden Krankenhäuser können dadurch gewährleisten, dass zum Beispiel eine aussagekräftige Computer- oder Magnetresonanztomografie (CT oder MRT) täglich rund um die Uhr möglich ist.
Entscheidung über weitere Versorgung ohne Zeitverlust
Ohne großen Zeitverlust kann direkt eine Entscheidung über die weitere Versorgung des Patienten getroffen werden. Grundlage hierfür sind die klinische Untersuchung und die Auswertung der CT- oder MRT-Bilder, die dem Spezialisten über eine sichere Datenleitung unmittelbar zur Verfügung gestellt werden. Eine Thrombolyse kann somit bereits direkt vor Ort begonnen werden und dies selbst in Häusern ohne neurologische Fachabteilung. Ist eine Thrombektomie erforderlich, kann direkt ein Transport ins nächstgelegene Zentrum erfolgen. Bilder und Befund werden bereits während des Transports dem thrombektomierenden Zentrum zur Verfügung gestellt, sodass der Patient beim Eintreffen unmittelbar behandelt werden kann.
Seit dem 1. April 2016 bieten innerhalb des telemedizinischen Schlaganfall-Netzwerks Rheinland-Pfalz (TEMES-RLP) sechs überregionale Schlaganfalleinheiten (Stroke Units) teleneurologische Konsile an, um Schlaganfälle in den teilnehmenden Krankenhäusern rund um die Uhr sicher erkennen und auf fachlich höchstem Niveau therapieren zu können. Bei circa 55 Prozent aller untersuchten Patienten wird die Diagnose eines akuten ischämischen Schlaganfalls gestellt. Fast ein Drittel aller akuten Schlaganfälle in Rheinland-Pfalz wird mittlerweile über das Schlaganfallnetzwerk behandelt.
Sechs zentrale Schlaganfalleinheiten
Kern des telemedizinischen Netzwerks sind die sechs zentralen Schlaganfalleinheiten in Rheinland-Pfalz: das Katholische Klinikum Koblenz-Montabaur, das Klinikum Idar-Oberstein, das Klinikum Ludwigshafen, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und das Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern. Die sechs Krankenhäuser wechseln sich täglich in einem 24-stündigen Bereitschaftsdienst ab.
Die Kooperation der Krankenhäuser zur Versorgung neurovaskulärer Patienten, also Patienten mit Erkrankungen der Hals- oder Hirngefäße, muss sich jedoch nicht nur auf die Akutsituation beschränken. Bei einer Gesamtzahl von jährlich mehr als 200.000 ischämischen Schlaganfällen sind in Deutschland jährlich bis zu 30.000 Hirninfarkte Folge einer Veränderung der Halsschlagadern. Hinzu kommen Infarkte, die aufgrund von Engstellen der Hirngefäße selbst oder durch deren Aussackungen (Aneurysmen) entstehen können. Auch hier ist häufig eine schnelle Behandlung nötig.
Für jeden Patienten muss beurteilt werden, ob eine Versorgung der Gefäßanomalien eher offen chirurgisch oder Katheter-gestützt über die Leiste sinnvoll ist. Die an der Behandlung beteiligten Fachärzte – in der Regel sind dies Neurologen, Neurochirurgen, Gefäßchirurgen und Neuroradiologen – sprechen nach einer interdisziplinären Beratung (neurovaskuläres Board) eine Empfehlung aus. Damit jeder Kranke individuell versorgt wird, können Kliniken und niedergelassene Ärzte ihre Patienten über eine sichere Datenleitung vorstellen. Dadurch wird gewährleistet, dass nicht nur anhand von Bildern entschieden wird, sondern immer zumindest ein Teilnehmer den Patienten auch persönlich kennt.
Zu den Autoren
- Professor Dr. med. Johannes Treib ist Chefarzt der Klinik für Neurologie mit Schwerpunkt Schlaganfall und Neurogeriatrie des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern.
- Dr. med. Martin Morgenthaler ist Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie mit Schwerpunkt Schlaganfall und Neurogeriatrie des Westpfalz-Klinikums in Kaiserslautern und leitet die Stroke Unit (Schlaganfallzentrum).