Fitness
Tai-Chi und Qigong: Wie das Entspannungstraining dem Körper helfen kann
Wer Tai-Chi oder Qigong ausüben möchte, muss kein Marathonläufer sein und auch keine chinesischen Schriftzeichen beherrschen. Es reicht ein bisschen Beweglichkeit, auch ältere Menschen können ohne Probleme mit einem leichten Training beginnen. Die beiden Bewegungsformen stammen aus China und werden dort seit Jahrhunderten ausgeübt. „Bei uns in Deutschland sind Tai-Chi und Qigong nicht ganz so bekannt wie Yoga aus Indien, was eigentlich schade ist“, sagt Dieter Bund. Er praktiziert seit über 25 Jahren Qigong und ist an das „Netzwerk Bundesvereinigung Taijiquan und Qigong“ angeschlossen.
Bevor er sich ganz dem Entspannungstraining widmete und seine Leidenschaft zum Beruf machte, war er als Verlags- und Marketingleiter beruflich sehr belastet und oft gestresst. „Mein Kopf war voll und mir fehlte der Ausgleich. Meine Frau hat mich zu einem Qigong-Wochenendseminar mitgenommen und das Training gab mir mehr Gelassenheit und mehr Energie“, erzählt Bund.
Mittlerweile ist er einer von insgesamt rund 100.000 Tai-Chi- und Qigong-Lehrern in Deutschland. „Es ist ein ganzheitliches Übungsprogramm, junge und alte Menschen können es ausüben und es hilft dabei, bis in hohe Alter fit und gesund zu bleiben. Der Ansatz ist, dass Körper, Geist und die Psyche eine Einheit bilden und gut miteinander in Balance kommen“, erläutert Bund die Vorteile der beiden Bewegungsformen.
Langsame, gleichmäßige Bewegungen
Als Unterscheidung zwischen Tai-Chi und Qigong nennt er, dass bei Tai-Chi die Bewegungsabläufe komplexer sind. Tai-Chi hat seinen Ursprung in der chinesischen Kampfkunst und ist eine Art von Selbstverteidigung – gegen einen Gegner oder Partner, aber auch im übertragenen Sinne gegen Krankheiten. Bei Tai-Chi werden Bewegungsabläufe nach bestimmten Prinzipien in einer bestimmten Reihenfolge erlernt. Der Übende bewegt sich aus einer entspannten Körperhaltung heraus in langsamen und gleichmäßigen Bewegungen.
Um Qigong zu praktizieren, braucht man nicht viel Platz und nicht viel Zeit. Oft reichen schon kurze Einheiten, um eine positive Wirkung zu erzielen. Die Übungsform hat einen stärkeren Bezug zur chinesischen Medizin und kann im Liegen, Sitzen oder Stehen ausgeübt werden. Beim Qigong gibt es Übungen mit oder ohne Bewegungen, teils auch meditativ.
Bei beiden Übungsformen werden kleine, fließende Bewegungen ausgeführt. Sie eignen sich daher auch für ältere Menschen, die andere Sportarten nicht mehr ausüben können. Aber auch junge Menschen können von einem regelmäßigen Training profitieren, so Bund: „Das Training beider Übungsformen löst Verspannungen und wirkt sich positiv auf das gesamte Nervensystem aus, Stress wird minimiert und Studien haben gezeigt, dass der Blutdruck gesenkt wird.“
Die Energien fließen lassen
Der Trainer nennt drei Hauptziele beim Training: In Balance zu kommen, Energien fließen zu lassen und so Blockaden zu lösen und sich beim Training auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. „Wir Menschen denken ständig an die Zukunft oder an die Vergangenheit, beim Training ist es wichtig, im Jetzt bei sich zu sein“, sagt Bund. Wichtig sei die korrekte Ausführung der Übungen und Bewegungsabläufe; Anfängern, die sich für Tai-Chi oder Qigong interessieren, rät der Experte daher, Kurse vor Ort zu besuchen oder – solange diese wegen der Pandemielage nicht stattfinden können – sich bei einem Online-Training anzumelden.
Dieter Bund unterrichtet derzeit nur online, das klappe gut. „Die Bereitschaft, sich auf die Onlinekurse einzulassen, ist grundsätzlich da. Unsere älteste Teilnehmerin ist 86 Jahre alt.“ Zudem hat sich der Kursleiter an die Veränderungen in der Arbeitswelt angepasst: „Da viele im Homeoffice sind, wir bieten zum Beispiel kurze Morgenkurse, die sind sehr gut besucht. Wären unsere Kursteilnehmer alle im Büro, könnten sie nicht teilnehmen, so sind die Arbeitszeiten flexibler und die Anfahrt zur Arbeit fällt weg, da wird ein Kurs am Morgen gut angenommen.“
Gut fürs Gehirn
Wer einmal mit dem Training angefangen habe, bemerke schnell eine positive Wirkung auf den ganzen Körper. „Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Qigong ist nicht nur für unseren Körper gut, sondern auch für das Gehirn. Es stärkt unsere Konzentration, das Gedächtnis und die Selbstwahrnehmung. Wir werden nicht nur körperlich beweglicher, sondern auch im Denken “, so Bund.
Ob achtsame Bewegungstherapien wie Tai-Chi und Qigong bei älteren Menschen das Sturzrisiko verringern können, wird gerade in einer bundesweiten Studie der Uniklinik Freiburg untersucht. Teilnehmen können Menschen über 65 Jahre, die an mindestens einer chronischen Krankheit leiden und in ihren Bewegungsabläufen unsicher geworden sind. Eingeteilt in drei Gruppen, erhalten die Teilnehmer ein halbes Jahr lang regelmäßig Tai-Chi, Eurythmie-Therapie – eine Bewegungsform, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Rudolf Steiner entwickelt wurde – oder ihre übliche Regelversorgung.
Ältere Menschen im Alltag mobiler machen
„Unsere These ist, dass mit einer anderen Art von Bewegung – wie eben Tai-Chi oder Eurythmie-Therapie – die Achtsamkeit verbessert wird und ältere Menschen wieder Sicherheit bei allen Bewegungen verspüren. Denn: Bewegung ist essenziell für die Gesundheit. Wenn sich die Menschen mehr bewegen, dann profitieren sie körperlich und seelisch. Letztlich werden so auch Kosten für die gesundheitliche Versorgung gesenkt“, sagt Studienleiterin Gunver Kienle, Ärztin am Zentrum für Naturheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg. Die Studie läuft seit Oktober 2019 und war ursprünglich auf vier Jahre angelegt, wegen der Corona-Pandemie wird die Studie allerdings länger laufen als geplant.
Momentan nehmen 174 Personen an der Studie teil, die Resonanz bei den Studienteilnehmern sei sehr gut. Zwischenergebnisse kann Kienle zwar noch keine präsentieren, aber die Teilnehmer seien alle sehr zufrieden. „Wir erhoffen uns von der Studie, dass ältere Menschen in ihrem Alltag wieder mobiler und sicherer werden. Bei unseren monatlichen Telefonaten ist diese Tendenz bereits zu beobachten“, verrät die Forscherin.
Hinweise, dass Tai-Chi den Gleichgewichtssinn fördern und Stürzen vorbeugen kann, haben bereits einige Studien gefunden, berichtet auch die Harvard Medical School. Da Tai-Chi Muskeln kräftiger und flexibler mache, sei es einfacher, sich beim Stolpern wieder zu fangen, so die US-Wissenschaftler. Zudem könne Tai-Chi die Angst vor Stürzen reduzieren – und wer sich in seinen Bewegungen sicherer fühle, stürze seltener.