Interview
Westliche Truppen in Mali: „ Totalabzug hätte verheerende Konsequenzen“
In Mali bahnt sich eine Krise an. Wie wichtig ist Mali für die Sicherheit in Europa und Deutschland?
Mali ist sicherheitspolitisch schon wichtig. Das Land ist neben Somalia und Nigeria Ausgangspunkt der dschihadistischen Welle, die sich derzeit in Afrika ausbreitet. Auch wegen der Flüchtlinge ist das für die europäische und deutsche Außenpolitik von Bedeutung.
Mit dem Engagieren der russischen Söldnertruppe „Wagner“ spielt Malis Militärregierung mit dem Feuer. Was hat sie sich dabei wohl gedacht?
Es ist zweifellos ein Risiko, aber kein unbegründetes. Erstens bedeutet der französische Teilabzug, dass Mali Unterstützung braucht, denn alleine kann Malis Militär gegen die Dschihadisten nicht bestehen. Die Hinwendung an Russland ist auch ein Signal: „Schaut her, wir haben Alternativen.“ Es ist der Versuch, die Franzosen zum Bleiben zu bewegen, könnte aber auch zur Kurzschlusshandlung eines Totalabzugs führen.
Die russischen Söldner sind bereits da. Wie können sich die französischen und deutschen Soldaten unter diesen Umständen zurückziehen?
Sich jetzt völlig aus Mali zurückzuziehen, würde ich für falsch halten. Ob es möglich ist, sich mit den Russen zu koordinieren oder mit ihnen zu kooperieren, sei dahingestellt. Dazu gehört wohl etwas Fantasie.
Lag der Abzug nicht ohnehin in der Luft? Die Präsenz der westlichen Truppen hat nichts gebracht, sie war sogar kontraproduktiv.
Tatsächlich wurden die Ziele nicht alle erreicht. Aber stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn es 2013 gar keinen Einsatz gegeben hätte! Immerhin wurde ein islamistischer Staat in Mali verhindert und die Ausbreitung des Dschihadismus in Westafrika zumindest gebremst.
Was würden Sie der neuen Ampelregierung in Berlin raten: die Bundeswehrsoldaten jetzt schnell abziehen oder nicht?
Ich habe durchaus Verständnis dafür, wenn man „unsere Jungs und Mädels“ nicht unnötig einer Gefahr aussetzt. Vor einem unilateralen Abzug Deutschlands würde ich allerdings warnen. Das würde Ärger mit Paris bedeuten und die außenpolitische Reputation Berlins beschädigen. Aber wenn Frankreich sich komplett zurückzieht, wird zweifellos auch Deutschland gehen.
Ein zweites Afghanistan ist in Mali also nicht ausgeschlossen?
Es gibt Unterschiede zu Afghanistan – etwa dass es im Sahel kein Pakistan gibt. Die Frage ist, welche Lehren aus dem Scheitern in Afghanistan gezogen werden. Dass die Zusammenarbeit mit einer unwilligen Regierung nicht funktioniert? Dass eine militärische Bekämpfung des Extremismus scheitern muss? Oder dass ein plötzlicher Abzug fatale Folgen hat? Für mich ist wichtig, dass ein Totalabzug aus Mali für ganz Westafrika verheerende Konsequenzen haben würde.