Meinung
Spanien: Schluss mit den Machos
Zur Erinnerung: Am 20. August gewann Spaniens Frauen-Fußballteam im Finale gegen England den WM-Titel. Bei der Siegerinnenehrung in Sydney umklammerte der spanische Verbandschef Luis Rubiales mit beiden Händen den Kopf von Spaniens Stürmerin Jennifer Hermoso und drückte ihr einen Kuss mitten auf den Mund. Die Spielerin bekannte hinterher: „Das geschah ohne meine Zustimmung. Ich habe mich als Opfer einer Aggression gefühlt.“
Der Zwangskuss löste große Empörung aus. Eine „MeToo“-Welle rollte durch Spanien, in der sich viele Frauen mit „Jenni“ Hermoso solidarisierten und bekundeten, dass sie ebenfalls in ihrem Alltag unter Grapschern und unerwünschten Küssen zu leiden haben. Spaniens Fußballboss musste zurücktreten. Der Weltverband Fifa sperrte Rubiales, der zugleich Vizechef der Uefa war, für drei Jahre.
„Spanien hat gesagt: Es reicht!“ So fasste Regierungschef Pedro Sánchez im Rückblick die öffentliche Reaktion auf den Vorfall zusammen. Der Sozialdemokrat sieht den Aufschrei der Frauen als Bestätigung für einen radikalen Wandel des Landes: weg von einer Gesellschaft, in der viele Männer glaubten, sich alles erlauben zu dürfen, hin zu einem Zusammenleben, in dem Respekt gegenüber Frauen und der Einsatz für Gleichberechtigung zu einer staatlichen Priorität wurde.
Eine der weiblichsten Regierungen Europas
Unter Sánchez entwickelte sich Spanien zum europäischen Vorreiter im Kampf gegen Diskriminierung. Nach dem europäischen Gleichberechtigungsindex für 2023 hat Spanien in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Gesetzesreformen zu 76,4 Prozent die Gleichstellung von Frauen und Männern erreicht. Nur Schweden, Dänemark und die Niederlande stehen noch etwas besser da. Der EU-Schnitt, in dessen Umfeld zum Beispiel Deutschland oder Österreich angesiedelt sind, liegt bei 70,2 Prozent.
Seit sechs Jahren regiert der 51-Jährige mit einem progressiven Kurs das Land. Er sagt über sich selbst: „Ich bin Feminist.“ Schon mit seinem Kabinett setzt Sánchez Zeichen. Es besteht aus zwölf Frauen und zehn Männern. Zu den Schlüsselfiguren gehört die 57-jährige Frauenministerin Ana Redondo, eine erfahrene Juristin. „Spanien hat Fortschritte gemacht“, sagt sie bescheiden. In Wirklichkeit ist es ein Riesensprung. Das südeuropäische Land wird heute von einer der weiblichsten Regierungen Europas geführt – die Frauenquote im Kabinett liegt bei 55 Prozent (EU-Schnitt: 33 Prozent).
Schlagzeilen mit gesellschaftlichen Reformen
Gleich in der ersten Sitzung der neuen Sánchez-Regierung aus Sozialdemokraten und Linksallianz Sumar brachte die Frauenministerin ein Paritätsgesetz durchs Kabinett. Die Reform, die das Parlament noch absegnen muss, sieht vor, dass in Führungsetagen von Wirtschaft und Verwaltung sowie auf politischen Wahllisten wenigstens 40 Prozent Frauen vertreten sein müssen.
In Spaniens Abgeordnetenkammer beträgt der Frauenanteil 44 Prozent – ebenfalls ein Spitzenwert in der EU. In der Privatwirtschaft gibt es hingegen noch großen Nachholbedarf. Dort liegt die Frauenquote im Management börsennotierter Konzerne nur bei 20 Prozent.
Spanien machte immer wieder mit gesellschaftlichen Reformen Schlagzeilen. Doch es gibt auch Widerstand gegen das Ende des Patriarchats. Vor allem die Rechtspartei Vox lehnt den Kampf gegen Machismus und Sexismus als „ideologisches Konzept“ ab. Wo Vox an der Macht ist, werden Gleichstellungsbehörden geschlossen, Gelder für Frauenpolitik gestrichen und Aufklärungskampagnen zurückgefahren. Doch zurückdrehen lässt sich das Rad nicht mehr.