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Konrad Adenauer: Ein unfreiwilliger Rücktritt
Wenn man Konrad Adenauers politische Karriere von ihrem Ende her betrachtet, mag man kaum glauben, dass der Kölner ein herausragender Staatsmann des 20. Jahrhunderts gewesen ist. Denn seine letzten Jahre im Kanzleramt waren geprägt von Streit und Fehlentscheidungen, von abhanden gekommenem politischen Gespür und fehlender Fortune. Der „Alte“, so nannten ihn seine Parteifreunde in der CDU zunächst respektvoll und dann eher abschätzig, war stur geworden, misstrauisch, ungerecht, ja unfair und intrigant.
Das ist schwer zu verstehen, denn in der großen Politik – und die Außenpolitik war nun mal sein Metier – war er auch bis zum Ende seiner Kanzlerschaft am 15. Oktober 1963 klug, beherrscht, ein hochgeachteter Stratege. Fast rührend ist es nachzulesen, wie feinfühlig Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle einander begegneten, auch noch nach Adenauers Rücktritt. Diese zwei alten, harten, ja gelegentlich skrupellosen Politiker hatten zu einer geradezu emotionalen Männerfreundschaft gefunden, die für Deutschland, Frankreich und Europa so eminent bedeutsam war.
Adenauer wollte keinen Kanzler Erhard
Doch zu Hause setzte Adenauer alles daran, seinen Einfluss so lange wie möglich aufrechtzuerhalten und seine Nachfolge selbst zu bestimmen. In arger Verkennung der Stimmung in der Bundestagsfraktion glaubte Adenauer, seinen erfolgreichen und populären Wirtschaftsminister Ludwig Erhard als Kanzler verhindern zu können. Letztlich gelang ihm das nicht. Doch bis es so weit war, erlebte Deutschland drei Jahre innenpolitischer Irrungen und Wirrungen.
Im Frühjahr 1959 war es CDU-Politikern, die sich selbst Hoffnung auf die Nachfolge Adenauers machten, gelungen, den alten Kanzler zu überreden, für das Amt des Bundespräsidenten zu kandidieren. Als Adenauer begriff, dass er als Staatsoberhaupt das Land nicht nach dem Vorbild de Gaulles zur Präsidialdemokratie umformen würde können, und als ihm klar war, dass dann doch Erhard sein Nachfolger als Regierungschef würde, widerrief er seine Kandidatur. Auf den Mauerbau in Berlin am 13. August 1961 reagierte Adenauer viel zu spät. Unter anderem das kostete die CDU die absolute Mehrheit bei der Bundestagswahl im Herbst 1961.
Noch einmal mit taktischer Finesse
Ein letztes Mal gelang es Adenauer, mit taktischer Finesse eine Regierung zu führen. Dazu gab die FDP ihr Wahlkampfversprechen preis, nicht mit Adenauer zu regieren, und ging doch unter ihm eine Koalition mit CDU/CSU ein. Ein Jahr später erschütterte die „Spiegel-Affäre“ die Regierung. Auch unter deren Eindruck kündigte Adenauer seinen Rücktritt für Herbst 1963 an. Noch einmal unternahm er alles, einen Kanzler Erhard zu verhindern, scheute dabei nicht vor Diffamierungen zurück.
Im Nachhinein ist es kaum zu verstehen, welche Demütigungen Erhard über sich ergehen ließ. Doch es half Adenauer nichts: Am 15. Oktober 1963 trat Adenauer zurück. Einen Tag später wurde Erhard zum zweiten Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Adenauer sagte in jenen Tagen deprimiert zu seiner Sekretärin Anneliese Poppinga: „Auf mich hört kein Mensch mehr.“ Mit seiner Einschätzung, dass Erhard als Regierungschef nicht geeignet sei, behielt der Alte übrigens Recht.
Ein Vater der Europäischen Einigung
Schon bald waren die Jahre des Machtverfalls Konrad Adenauers nur noch der unbedeutendere Teil der Erinnerung an ihn – zu Recht. Denn der Kölner, der am 19. April 1967 im Alter von 91 Jahren in seinem Haus in Rhöndorf starb, war in der Tat der Vater der Westbindung Deutschlands und seiner Integration in die Nato, der aber zugleich die Wiedervereinigung Deutschlands nicht aus den Augen verlor. Er war der Vater der Versöhnung mit Frankreich und Israel und einer der Gründungsväter der Europäischen Einigung. Unter Adenauers Regierung etablierte sich die Demokratie in Deutschland, und die Wirtschaft nahm einen steilen Aufschwung. Konrad Adenauer war ein Glücksfall für Deutschland.
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