Frankreich
Bahnstreiks ausgerechnet an Weihnachten
Die Hilferufe und Wutausbrüche französischer Nutzer in den sozialen Netzwerken häufen sich. „Kennt ihr jemanden, der in der Nähe des Bahnhofs von Mulhouse wohnt und meine Katze und mich am Freitagabend für ein paar Stunden im Warmen beherbergen würde?“, fragt eine Frau. Ihr gebuchter Anschlusszug falle aus, jetzt müsse sie einen späteren nehmen, aber fürchte sich davor, mit ihrem Tier stundenlang in einer kalten Halle zu warten. Ein Opa aus Südfrankreich klagt, dass er zum dritten Mal in Folge Weihnachten ohne seine Pariser Enkel verbringen werde – die letzten beiden Jahre wegen der Corona-Pandemie, jetzt aufgrund eines Streiks bei der französischen Bahn SNCF.
200.000 Reisend betroffen
Viele sind fassungslos darüber, dass eine große Anzahl der französischen Zugbegleiter ausgerechnet von 23. bis 26. Dezember die Arbeit niederlegen wird. Dadurch fallen am Weihnachtswochenende zwei Fünftel der TGV-Schnellzüge aus, und rund 200.000 von 800.000 Passagieren können nicht wie geplant ihre Reise antreten. Ihnen erstattet die SNCF die Tickets komplett und gibt zusätzlich Gutscheine in Höhe des Kaufpreises aus.
Zu dem Streik kommt es, da die Zugbegleiter mit dem Angebot der Unternehmensleitung nicht zufrieden sind. Ihnen werden zusätzlich zu einer Erhöhung von 5,7 Prozent im Jahr 2022 weitere 5,9 Prozent für 2023 garantiert hätte, Prämien mit eingerechnet. Das finden die Streikwilligen als unzureichend,
Neu und ungewöhnlich an der Bewegung ist, dass sie nicht von den Gewerkschaften ausgeht, sondern von einer informellen Gruppe. Damit der Streik im legalen Rahmen bleibt, kündigten zwei Gewerkschaften diesen an, ohne zur Teilnahme aufzurufen.
Schlechte Erinnerungen
„Alles begann im Frühling mit einer Gruppen-Unterhaltung auf WhatsApp unter Zugbegleitern in Marseille“, sagte Olivier, einer der Initiatoren, in den französischen Medien. Daraus sei eine nationale Facebook-Gruppe entstanden, die inzwischen mehr als 3500 Mitglieder zählt und damit rund ein Drittel der SNCF-Zugbegleiter. Da die Gewerkschaften ihre Interessen in den vergangenen Jahren nicht ausreichend verteidigt hätten, kämpften sie nun für sich selbst, so Olivier. SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou sagte, er verstehe diesen „untypischen“ Streik nicht: „So etwas hat es noch nie gegeben.“
In der Regierung wecken diese Vorgänge schlechte Erinnerungen an die Protestbewegung der „Gelbwesten“, die im Herbst 2018 ebenfalls unabhängig von den Arbeitnehmervertretern und nur über die sozialen Netzwerke entstanden war. Über Monate hinweg erschien sie unkontrollierbar, auch weil die Forderungen ihrer Mitglieder vielfältig, ja diffus waren.