Politik
Arbeitsmarkt in Rheinland-Pfalz: „Es hat ein Bruch stattgefunden“
Frau Schulz, Ende April haben Sie bei der Vorstellung der Arbeitsmarktzahlen mehr als 36.000 Anzeigen auf Kurzarbeit allein in Rheinland-Pfalz verkündet. Das betrifft insgesamt über 400.000 Beschäftigte. Ist Ihnen da nicht selbst angst und bange geworden?
Zu dem Zeitpunkt nicht mehr. Das hatte sich schon in den Wochen zuvor abgezeichnet. Wir haben uns stark die Frage gestellt, inwieweit die Kurzarbeit als Überbrückungsinstrument funktionieren wird. Denn wenn schon eine solche Krise eintritt, ist es gut, dass Arbeitgeber diesen Weg gehen. Sie demonstrieren damit ihren Willen, Beschäftigung zu halten.
Müssen wir uns in den kommenden Wochen und Monaten auf einen weiteren Anstieg der Kurzarbeit gefasst machen?
Wir hatten im März und April enorme, in dem Ausmaß unerwartet hohe Anstiege. Die Anzahl der Anzeigen steigt nach wie vor leicht an, das Ausmaß ist aber deutlich zurückgegangen. Die weitere Entwicklung hängt von mehreren Faktoren ab: Erstens, wann laufen welche Bereiche im Wirtschaftsgeschehen wieder an. Zweitens, wie wird dieses Angebot von den Kunden angenommen? Und drittens, und das ist das Wichtigste: Wie entwickelt sich die gesundheitliche Lage?
Die Situation ist also von großer Unsicherheit geprägt?
Es ist im Moment ganz schwierig zu sagen, wie wir wieder zu einer Art Normalität zurückkehren werden. Aber eins ist klar: Am Arbeitsmarkt hat ein Bruch stattgefunden.
Sie haben von der Kurzarbeit als Brücke gesprochen. Wie lange hält diese Brücke, ehe Unternehmen entlassen?
Das hängt von unterschiedlichen Kriterien ab. Die Kurzarbeit an sich kann grundsätzlich ein Jahr in Anspruch genommen werden. Alles hängt sehr stark davon ab, wie die Unternehmen die Lage und die Zukunft einschätzen.
In einigen Agenturbezirken im Land hatten wir bis vor einigen Monaten quasi Vollbeschäftigung. Sie sprachen vorhin von einem Bruch auf dem Arbeitsmarkt. Steuern wir wieder auf Massenarbeitslosigkeit zu?
Das sehe ich im Moment nicht. Allerdings gab es auch bei der Arbeitslosigkeit eine schockartige Entwicklung. Im April ist die Anzahl der Arbeitslosen landesweit um 14.500 gestiegen. Das ist absolut außergewöhnlich. Normalerweise geht die Arbeitslosigkeit im April im Vergleich zum Vormonat im Schnitt um 4000 zurück.
Bei diesen Zahlen ist ganz viel auf Corona zurückzuführen. Allerdings hat der Anstieg unterschiedliche Ursachen, es sind nicht 14.500 Menschen mehr arbeitslos geworden. Diese Zahl verteilt sich auf die, die tatsächlich ihre Arbeit verloren haben. Ungefähr genauso viele gehen normalerweise im April in Arbeit. Dieser Weg war dieses Jahr selten möglich. Hinzu kommen Menschen, die bisher an Maßnahmen wie zum Beispiel Sprachkursen teilnahmen, die plötzlich nicht mehr stattfinden konnten. Die Betroffenen werden nun als arbeitslos registriert.
Neben den Arbeitnehmern sind auch die Auszubildenden von dieser Krise betroffen. Wie sieht die Lage dort im Land aus?
Wir haben in Rheinland-Pfalz immer noch mehr unbesetzte Stellen als Bewerberinnen und Bewerber. Wir haben aber auch weniger Bewerber, die bereits einen Ausbildungsvertrag unterschrieben haben. Die Unternehmen, das ist unsere Erfahrung, sagen jetzt in der Regel nicht: Wir bilden nicht mehr aus. Sondern sie sagen: Wir warten erst mal ab bis die Gesamtlage besser einschätzbar ist.
Manche befürchten, da könnte ein ganzer Ausbildungsjahrgang quasi ins Leere stürzen. Wie lässt sich gegensteuern?
Im Moment setzen wir stark darauf, dass die Ausbildung auf dem üblichen Weg stattfindet. Dafür werben wir auch. Es wäre jedenfalls fatal, wenn die Unternehmen sagen würden: Wir bilden mal ein Jahr nicht aus, auch wenn sich die Lage wieder verbessert. Denn die Fachkräftefrage wird mit Sicherheit wieder auf die Tagesordnung kommen. Und Ausbildung bedeutet immer, dass ein Unternehmen, den Auswahlprozess einbezogen, vier Jahre warten muss, bis es die Fachkraft an Bord hat
Was ist mit den Auszubildenden, deren Betriebe seit Wochen geschlossen sind?
Auch für Auszubildende besteht die Möglichkeit, nach sechs Wochen Kurzarbeitergeld zu beziehen. Meldet sich ein Auszubildender bei uns, weil sein Betrieb in Insolvenz gegangen ist, bemühen wir uns zusammen mit den Kammern intensiv um eine Anschlussbeschäftigung. Das ist bisher aber nur sehr selten vorgekommen, da habe ich auch noch keine Warnmeldungen.