Gespräche in Istanbul RHEINPFALZ Plus Artikel Abramowitsch als Überraschungsgast am Bosporus

Der türkische Präsident Erdogan (Mitte) sprach mit der russischen (links) und der ukrainischen (rechts) Delegation.
Der türkische Präsident Erdogan (Mitte) sprach mit der russischen (links) und der ukrainischen (rechts) Delegation.

Nach Spekulationen um die Rolle von Roman Abramowitsch bei den russisch-ukrainischen Verhandlungen hat der Kreml nun offiziell die Vermittlerrolle des Oligarchen bestätigt.

Lächelnd geht ein Mann mit kurzem Bart und offenem Hemd auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu und schüttelt ihm die Hand. Wenig später sitzt er neben Erdogans außenpolitischem Chefberater Ibrahim Kalin und hört der Ansprache des türkischen Präsidenten in dessen Amtssitz am Bosporus zu: Roman Abramowitsch, russischer Oligarch und Noch-Besitzer des britischen Fußballclubs Chelsea, war am Dienstag der Überraschungsgast bei der neuen Runde der ukrainisch-russischen Friedensverhandlungen in der Türkei.

Laut Kremlsprecher Dmitri Peskow soll Abramowitsch „bestimme Kontakte“ zwischen beiden Seiten gewährleisten, er sei aber kein offizielles Mitglied der russischen Delegation bei den zweitägigen Gesprächen.

Investitionsmöglichkeiten in der Türkei

Im Westen kann sich Abramowitsch nicht mehr blicken lassen, denn er gehört zu den Kreml-nahen Oligarchen, die nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar mit Sanktionen belegt wurden. In der Türkei dagegen ist der 55-Jährige willkommen. Er hat zwei Luxusjachten in Häfen an der türkischen Ägäis-Küste bringen lassen und wurde schon in den vergangenen Wochen in Istanbul gesehen. Laut Medienberichten schaut er sich nach Investitionsmöglichkeiten in der Türkei um.

Außerdem betätigt er sich als Vermittler im Ukraine-Konflikt. Nach einem Bericht der „Financial Times“ hat Kremlchef Wladimir Putin den Milliardär als Vermittler akzeptiert. Abramowitsch wolle sich um eine Waffenruhe bemühen. heißt es. Der Unternehmer besuchte seit Kriegsausbruch sowohl Moskau als auch Kiew.

Gerüchte um Vergiftung

Die ukrainische Regierung soll die USA gebeten haben, Abramowitsch von den Sanktionen gegen die Oligarchen auszunehmen, damit er in seiner Funktion als Vermittler ungestört arbeiten kann.

Am Montag hatte die Ukraine einen Bericht der US-Zeitung „Wall Street Journal“ zurückgewiesen, wonach Abramowitsch und zwei Mitglieder der ukrainischen Delegation vor einigen Wochen vergiftet worden sein sollen. Der Kreml bezeichnete die Gerüchte als Teil eines „Informationskrieges“. Am Dienstag schrieb dann die „New York Times“ unter Berufung auf eine US-Geheimdienstquelle, dass es sich in Abramowitschs Fall wohl allem Anschein nach um eine gewöhnliche Lebensmittelvergiftung gehandelt habe.

In Videoaufnahmen aus dem abgeriegelten Verhandlungsort in Istanbul war Abramowitsch am Dienstag jedenfalls nichts anzumerken. Was der Milliardär mit Erdogan besprach, blieb unbekannt.

Istanbul beteiligt sich nicht an Sanktionen

Auch Erdogan strebt eine sofortige Waffenruhe in der Ukraine an und setzt seine Hoffnung auf die Istanbuler Verhandlungen, das erste persönliche Treffen der Delegationen von Ukraine und Russland seit fast drei Wochen. Die Gespräche, die zunächst in Belarus und dann per Videoschalte stattfanden, bevor sie nach Istanbul verlegt wurden, hätten die Schwelle „konkreter Ergebnisse“ erreicht, sagte der türkische Präsident in seiner Ansprache an die Verhandlungsdelegationen.

Am Vorabend hatte Erdogan gesagt, seine jüngsten Telefonate mit Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskij seien in eine „positive Richtung“ gegangen. Erdogan sieht sein Land als idealen Vermittler, weil die Türkei gute Beziehungen zu beiden Kriegsparteien habe. Ankara hat den russischen Angriffskrieg zwar verurteilt, beteiligt sich aber nicht an den westlichen Sanktionen gegen Moskau.

Unterkühlte Atmosphäre

Vor den Delegationen der Kriegsparteien in Istanbul sagte Erdogan, die Unterhändler hätten eine „historische Verantwortung“. Die ganze Welt warte auf gute Nachrichten. Vor Erdogans Rednerpult saßen sich die Verhandlungsdelegationen aus den zwei Ländern an einem weiß gedeckten Tisch gegenüber, der mit den Fahnen beider Länder und rosa Blumen geschmückt war. Einer der ukrainischen Unterhändler erschien im Kampfanzug.

Nach seiner Ansprache zur Eröffnung der Verhandlungen gab Erdogan den Vertretern beider Seiten die Hand – doch einen Handschlag zwischen Russen und Ukrainern habe es nicht gegeben, meldete das ukrainische Fernsehen. Im Saal habe eine unterkühlte Atmosphäre geherrscht.

Das maximal vorstellbare Ergebnis in Istanbul sei ein Waffenstillstand, sagte der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba. Doch Erdogan träumt weiter von einer großen Friedenslösung.

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