Corona RHEINPFALZ Plus Artikel Auflagen und Missstände: Landwirte fühlen sich „durch den Dreck gezogen“

Spargel stechen will gelernt sein. Erfahrene Helfer fehlen jetzt.
Spargel stechen will gelernt sein. Erfahrene Helfer fehlen jetzt.

Viele Landwirte fühlen sich als die Buhmänner der Nation. Die Branche sieht sich wegen Dünge- und Spritzmitteleinsätzen am Pranger. Jetzt auch noch Corona. Es fehlen Helfer, dazu gibt es hohe Auflagen, Einbußen. Medien berichten über Missstände. Auch bei Pfälzer Gemüsebauern. Sie wollen kaum darüber reden. Alles paletti sagen bisher die Kontrolleure. Haben sie alles im Blick?

„Ich kann die doch nicht anleinen“, sagt die Chefin eines großen Spargelbetriebs in der Vorderpfalz. Mit „die“ meint sie ihre ausländischen Erntehelfer, die offensichtlich im Pulk zum Einkaufen in einen nahen Billigmarkt gingen, obwohl sie noch in Quarantäne waren und den Hof nicht hätten verlassen dürfen. Der Arbeitgeber muss sie entsprechend der Vorgaben vom Bund mit Lebensmitteln versorgen. Das habe ihr Betrieb auch gemacht, sagt die Chefin. Verhindern könne sie aber nicht alles. Die zuständige Kreisverwaltung sagt, sie kenne den Fall nicht.

Die Frau will anonym bleiben wie viele Bauern, die sich mächtig unter Druck fühlen und wegen möglicher einzelner schwarzer Schafe zu Unrecht in der Kritik sieht. Die Bundesregierung hatte Anfang April wegen drohender Engpässe in der Landwirtschaft die Einreise von bis zu 80.000 ausländischen Saisonkräften im April und Mai erlaubt. Rheinland-Pfalz zählt laut Statistischem Landesamt zu den fünf Bundesländern mit dem höchsten Bedarf an saisonalen Helfern. 2016 waren es 42.000.

Takt in Küche und Klo

Wie viele im südlichen Rheinland-Pfalz tatsächlich angekommen sind und wie viele Helfer vor allem aus Polen und Rumänien fehlen, kann der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd nicht beziffern. Unter den Corona-Auflagen stöhnten aber alle: Erlaubt ist Arbeiten in festen Teams mit maximal 20 Personen im Abstand von 1,50 bis zwei Metern, mit weniger Abstand sind Masken zu tragen, ebenso auf dem Weg zum Feld. Die Zimmer dürfen nur halb belegt werden, dazu viel Desinfektionsmittel und Putzen, getaktete Nutzung von Küche und Klo.

„Das ist schon verdammt anstrengend“, sagt Christof Steegmüller, Chef des Familienbetriebs Erdbeergärten in Offenbach (Kreis Südliche Weinstraße) – Erdbeerpflücken mit Mundschutz. Deshalb erlauben sie: Mund verdeckt, aber Nase frei im Feld. Statt rund 60 ausländischen Helfern habe er jetzt nur 15, und mit ein paar deutschen Kräften aufgestockt. Bei seiner Betriebsgröße habe er keine Probleme die Vorgaben zu erfüllen. „Wie aber machen das Große mit 300 Arbeitern?“ Das Gesundheitsamt habe bei ihm Hof und Halle inspiziert. „Alles okay“ meint er. Die Pandemie-Auflagen kosteten ihn 10.000 Euro, der Ernteverlust noch einmal „einige Zehntausend Euro“.

Gereizte Gemüsebauern

Diese Rechnung hat Rebecca Funck in Eisenberg (Donnersbergkreis) noch „gar nicht aufgemacht“. Die Mitinhaberin des gleichnamigen Erdbeer- und Spargelbetriebs hat sich mit weniger Arbeitskräften aus Rumänien und Polen arrangiert. „Mehr geht nicht“, sagt sie. Statt 220 Helfern hat sie 170. In Zeiten wie diesen ist sie froh, dass ihr Personal „freiwillig die Auflagen befolgt“, so Funck – sie wollten keinen Lockdown. Welcher Betrieb wollte das?

Auch Spargelbauer Andreas Zein aus Erpolzheim (Kreis Bad Dürkheim) mit seinen 50 Hektar Anbaufläche fehlen 20 bis 30 Saisonarbeiter. Dafür zahle er den 40 Leuten aus Osteuropa 20 Prozent mehr Lohn. „Die wussten, was Sache ist“, sagt er.

Seitdem der NDR vor drei Wochen unter dem Titel „Die Ernte ist sicher, nur die Erntehelfer nicht“ über zu enges Arbeiten in Zwiebelfeldern und übervolle Unterkünfte in der Vorderpfalz berichtete, sind hier viele Gemüsebauern sauer. Die Branche spricht von Stimmungsmache gegen sie. „Die ziehen uns durch den Dreck“, sagt eine Landwirtin. Der Sender widerspricht den Vorwürfen. Man wolle über strukturellen und politischen Missstand berichten, heißt es.

Auch die Gewerkschaft spricht von Mängeln. Dietmar Muscheid, Vorsitzender des DGB Rheinland-Pfalz-Saarland fordert deshalb mehr Kontrollen. Und für die sind je nach Landkreis die Gesundheitsämter und oder die Ordnungsämter zuständig.

Knappe Kontrollen

Keine der hiesigen Behörden meldet Verstöße gegen Corona-Auflagen oder gar Infizierte auf den Höfen. Nicht überall sind offenbar genug Kontroll-Kapazitäten vorhanden. Im Kreis Südliche Weinstraße wurden 30 Prozent der rund 100 Betriebe mit Saisonhelfern überprüft, im Kreis Bad Dürkheim 20 Prozent und im Rhein-Pfalz-Kreis haben nicht einmal alle die Unterlagen eingereicht. Dort sind 1126 ausländische Kräfte in 44 Firmen gemeldet. Fünf wurden bisher kontrolliert. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) erwartet bis Ende Mai bundesweiten einen Rapport. Schließlich will sie zeigen, dass ihr Einsatz für die Lebensmittelversorgung, die Bauern und eine Grenzöffnung für die heiß ersehnten Helfer nicht umsonst war.

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