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Politik

Die Witwe

Von Anne-Susann von Ehr

Das Ehepaar Kohl im Mai 2013 bei der feierlichen Enthüllung einer Gedenktafel auf dem Gelände des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth nahe dem bayerischen Hof.

Das Ehepaar Kohl im Mai 2013 bei der feierlichen Enthüllung einer Gedenktafel auf dem Gelände des Deutsch-Deutschen Museums in Mödlareuth nahe dem bayerischen Hof. ( Foto: dpa)

Am Samstag nehmen frühere und jetzige Staatschefs, politische Weggefährten, Freunde, Bekannte und Familienangehörige in Straßburg und Speyer Abschied vom ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. In erster Reihe sitzt seine zweite Ehefrau Maike Kohl-Richter. Über sie ist nur wenig bekannt, sie äußert sich nicht zu Vorwürfen und Vorfällen – und trotzdem polarisiert sie.

Die Szene läuft in allen Sendern: Walter Kohl steht mit den Enkeln Helmut Kohls vor der Tür des Bungalows in Ludwigshafen-Oggersheim. Niemand öffnet ihnen. Schließlich bittet ein Polizist die drei, das Grundstück zu verlassen. Jeder Schritt wird von Kameras aufgezeichnet. Der älteste Sohn des gestorbenen Altkanzlers spricht seine Wut und Enttäuschung in die Mikrofone der Reporter. Später redet der Anwalt der Kohls von nicht eingehaltenen Abmachungen und einer Inszenierung, die seine Mandantin Maike Kohl-Richter, die zweite Ehefrau von Helmut Kohl, in ein schlechtes Licht habe rücken sollen. Wie tief müssen die Verwerfungen und Verletzungen auf beiden Seiten sein? Die Wahrheit ist wie bei vielen zerstrittenen Familien von außen nicht zu ergründen. Wenn es die eine Wahrheit überhaupt gibt. Die Witwe schweigt zu allem.

Nur in wenigen Interviews gab die promovierte Volkswirtin bislang Einblick in ihr Leben vor und mit Helmut Kohl. Zu den Fakten zählt, dass Maike Richter 1964 in der Nähe von Siegen geboren wurde und in einem bürgerlich-konservativen Elternhaus aufwuchs. Als Schülerin trat sie in die Junge Union ein, studierte Volkswirtschaft in München und arbeitete beim Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Über „mehrere Ecken“ sei ein Angebot aus dem Kanzleramt zu ihr gekommen, erzählt sie in einem „Stern“-Interview im Jahr 2014. So tritt sie im April 1994 eine Stelle im Kanzleramt an als Redenschreiberin für den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Irgendwann verliebt sie sich in ihren Chef. Dazu sagt sie dem „Stern“: „Das war ein langsamer Prozess. Also es gibt kein Ereignis, keinen Tag, keine Stunde.“ Nach der verlorenen Bundestagswahl 1998 verlässt Maike Richter das Kanzleramt und ist zunächst für den CDU-Finanzexperten Friedrich Merz und dann im Bundeswirtschaftsministerium tätig.

Im Jahr 2001 nimmt sich Helmut Kohls langjährige Ehefrau Hannelore das Leben. Maike Richters Name in Verbindung zu Helmut Kohl taucht erstmals 2004 in den Medien auf, als das Paar mit Freunden einen Weihnachtsurlaub auf Sri Lanka verbringt und ein Tsunami die Insel verwüstet. Ab 2005 treten Maike Richter und der Altkanzler als Paar in der Öffentlichkeit auf. Ihre gemeinsamen Lebenspläne werden 2008 durch den Sturz Helmut Kohls in seinem Oggersheimer Haus durchkreuzt. Der Altkanzler zieht sich ein Schädel-Hirn-Trauma zu und ist fortan auf den Rollstuhl und Pflege angewiesen. In der Kapelle einer Reha-Klinik in Heidelberg heiratet er im August 2008 Maike Richter. Der Ludwigshafener Dekan und langjährige Vertraute Kohls, Erich Ramstetter, traut das Paar. Die Söhne Walter und Peter sind zur zweiten Hochzeit des Vaters nicht eingeladen.

Um sich ein Bild machen zu können – sofern das überhaupt möglich ist – bleiben die Bücher und Aussagen der Söhne, die wenigen Interviews, die Maike Kohl-Richter gegeben hat. Diejenigen, die in den vergangenen Jahren noch Zugang zum Kanzlerbungalow hatten und haben – „viele kommen heute noch, viele aber auch nicht mehr“, so einer von ihnen – wollen darüber nicht öffentlich reden.

Beide Söhne, die in Büchern den Suizid ihrer Mutter Hannelore sowie Kindheit und Jugend zu verarbeiten suchten, gehen mit der neuen Frau hart ins Gericht. Peter Kohl rechnet im Vorwort der 2013 neuaufgelegten Biografie über seine Mutter Hannelore mit Maike Richter ab. Bei einem Besuch in ihrer Wohnung sei er sich vorgekommen wie in einem privaten Helmut-Kohl-Museum: „Wo man auch hinschaute, hingen oder standen Helmut-Kohl-Fotografien. Es gab gemeinsame Bilder, Bilder mit anderen Menschen, Bilder mit Widmungen, Wahlkampf-Memorabilia, ein unter Glas und Passepartout gerahmter Brief mit seiner Unterschrift ...“ Maike Kohl-Richter weist die Beobachtungen im „Stern“-Interview ein Jahr später als „beleidigend“ und „totalen Unsinn“ zurück.

Walter Kohl schildert in seinem Buch „Leben oder gelebt werden“, das 2011 erschien, wie das Verhältnis zum Vater immer schwieriger wurde, bis es 2009 zum endgültigen Bruch kam: „Auf meine direkte Frage: ,Willst du die Trennung?’, antwortete er mir knapp mit ’Ja’ – damit waren für mich alle weiteren Interpretationsmöglichkeiten ausgeschlossen.“ Helmut Kohl sagte 2014 dazu: „Wir haben kein gutes Verhältnis.“ Auch frühere Freunde und Vertraute wie Kohls langjähriger Fahrer Eckhard Seeber verlieren den Kontakt. In seinem Buch schreibt Walter Kohl an einer Stelle über eine Auseinandersetzung mit Maike Richter-Kohl, warum es so schwierig sei, Besuche bei Kohl zu organisieren: „Sie gab mir ganz unverblümt zu verstehen, dass sie meinen Vater am liebsten für sich ganz allein haben wollte.“ Das ist die Sicht des Sohnes. Maike Richter-Kohl äußert sich nicht – auch auf Anfrage der RHEINPFALZ nicht.

Helmut Kohl selbst hat bei der Feier seines 80. Geburtstages im Pfalzbau in Ludwigshafen im Mai 2010 seiner Frau Maike gedankt, ohne die er die schwere Zeit der Krankheit nicht überstanden hätte. Das bekräftigt er noch einmal im „Stern“-Interview: „Sie hat mich gepflegt, als es mir ganz schlecht ging. Ich war ganz unten, sie hat viel investiert. Dass ich lebe, verdanke ich ihr.“ Und diejenigen, die das Paar zusammen erlebten, sind überzeugt, dass es eine tiefe Beziehung und große Liebe war. Und dass sich Maike Kohl-Richter aufopferungsvoll um ihren Mann gekümmert hat.

Zum Zeitpunkt des „Stern“-Interviews ist gerade das Buch „Aus Sorge um Europa. Ein Appell.“ auf den Markt gekommen. Ein Projekt, das Helmut Kohl mit seiner Ehefrau realisierte. In dem „Stern“-Gespräch schildern die beiden ihre Zusammenarbeit: Helmut Kohl erzählte aus der Erinnerung, seine Frau suchte dazu seine Reden und Interviews von früher heraus, schrieb alles auf und legte ihm den Text etappenweise vor. Kohl ist davon überzeugt, dass seine Frau am besten mit seiner Geschichte vertraut ist: „Sie weiß alles.“ Sie wird weiter über das Erbe Helmut Kohls wachen.

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