Fussgönheim
„Jeder ist in der Pflicht“
Zwischendurch sieht Thomas Hebich durchaus so aus, als habe er Bedenken, dass die Idee den Weg durch die politischen Gremien doch nicht nehmen könnte. Deshalb wirft er immer wieder Sätze in die Diskussion, die zeigen sollen, wie dringend das Anliegen seiner Projektgruppe ist. Sätze wie: „Es ist wichtig, jeden Bahndamm und jede Brachfläche zu analysieren.“ Oder: „Es ist keine Naturromantik, sondern es geht uns alle an.“ Das ist den meisten der Anwesenden in der Fußgönheimer Mehrzweckhalle auch völlig bewusst. Dort sind die Umweltausschüsse der Verbandsgemeinde und ihrer drei Orte zusammengekommen, um über den Gedanken zu urteilen, Maxdorf, Birkenheide und Fußgönheim aufblühen zu lassen.
Doch es gibt Vorbehalte – Stichwort Kosten. Mit 7000 Euro würde eine Studie der Agro Science GmbH aus Neustadt, einer gemeinnützigen Umweltorganisation des Landes, zu Buche schlagen. Sie soll eine Geodatenanalyse erstellen und sogenannte Eh-Da-Flächen benennen – ungenutzte Areale, die ökologisch wertvoll aufbereitet werden, beispielsweise indem Lebensraum für Bienen und Insekten geschaffen wird. „Wir haben gerade erst einen Nachtragshaushalt verabschiedet, der tiefrot ist“, sagt jedoch Julia Jungfleisch (CDU). Das Thema Umwelt sei wichtig, aber die Corona-Krise habe den Fokus verschoben. „Es werden viele Zusatzkosten auf uns zukommen, um Schulen und Kitas zu unterhalten“, sagt Jungfleisch, „und für die Orte wird die Umlage steigen, um die Verbandsgemeinde zu finanzieren.“ Woher also das Geld nehmen, selbst wenn es nicht die allergrößte Ausgabe ist? „Daran sollte es nicht scheitern“, sagt Verbandsbürgermeister Paul Poje (CDU).
Nach zwei kleinen Projekten soll ein großes folgen
Hinter der Idee, sich um die Eh-Da-Flächen zu kümmern, steht die Projektgruppe ArtenErben, die sich im Herbst 2019 zusammengefunden hat. Sie möchte sich um die Biodiversität in der Verbandsgemeinde kümmern – und gegen das Artensterben kämpfen. „Mutter Natur gibt uns etwas, und daraus generieren wir unseren Wohlstand“, sagt Hebich, Sprecher der Initiative, „auch bei uns in einer kleinen Verbandsgemeinde ist jeder in der Pflicht.“ Bislang haben die Ehrenamtlichen einen Blühstreifen am Maxdorfer Rathaus angelegt und einen Verkehrskreisel neugestaltet. Das Konzept für die Eh-Da-Flächen soll nun das erste große Projekt werden.
Von denen gibt es viele, nicht nur rund um Maxdorf – und Mark Deubert von Agro Science kennt sich damit bestens aus. „Von dieser Erfahrung können wir profitieren“, wirbt Hebich um Zustimmung. In 40 Ortschaften ist Deubert bereits aktiv gewesen, auch im Rhein-Pfalz-Kreis. Als Beispiel nennt er Altrip, dort habe das Mähen der Wiese auf der 900 Quadratmeter großen Fläche „Am Karpfen“ die Kommune jedes Jahr 700 Euro gekostet. Nachdem das Areal als Eh-Da-Fläche mit Insektenhotel und Blühpflanzen naturfreundlich gestaltet worden sei, würden sich die Kosten nur noch auf 160 Euro im Jahr belaufen. Natürlich gäbe es zunächst Ausgaben, etwa für die Saat, „aber es rechnet sich schnell“, sagt Deubert. Die Analyse, die er erstellen möchte, soll den Ausgangszustand beschreiben und eine Planungs- und Diskussionsgrundlage sein. „Wir könnten theoretisch sofort loslegen“, sagt der Geograph, „dann könnte die Karte für die Begehung Ende Juli vorliegen.“ Doch so schnell lassen sich die Maxdorfer Kommunalpolitiker nicht überzeugen.
Die Bauhöfe haben keine Kapazitäten für die Pflege
Der zweite große Vorbehalt betrifft die Manpower. Wer soll sich langfristig um die Pflege der Eh-Da-Flächen kümmern? Die Bauhöfe haben keine Kapazitäten, lautet die einhellige Meinung. „Es hört sich alles wunderbar an“, sagt Emmi Seitz (FWG), aber Grundvoraussetzung für ein solches Vorhaben seien Bürger, die sich engagieren. „Wir sollten klein anfangen und nicht gleich einen großen Auftrag vergeben, der dann im Sande verläuft“, sagt sie. Und auch Maxdorfs Ortsbürgermeister Werner Baumann (CDU) findet: „Beim Thema Nachhaltigkeit sind viele Kommunalpolitiker gebrannte Kinder.“
Hier will allerdings wieder die Initiative ArtenErben ins Spiel kommen. „Wir packen an und motzen nicht nur“, sagt Maria Jung von der Projektgruppe. Die Gruppe sieht sich selbst als überparteiliche Einrichtung und hat Mitstreiter aus allen drei Orten der Verbandsgemeinde, was vor allem Bürgermeister Poje gefällt. Deshalb möchte er den Zusammenschluss auch auf dieser Ebene ansiedeln. Letztlich bekommt Agro Science das Okay für die Studie, bei sieben Ja-Stimmen und zwei Enthaltungen. Thomas Hebich atmet durch. „Biodiversität ist die Grundlage unserer Existenz“, sagt er. Mit seiner Projektgruppe merkt er an diesem Abend allerdings auch, dass es ziemlich anstrengend werden kann, wenn Idealismus und ehrenamtliches Engagement zwischen die politischen Stühle gerät.