Interview
Forscher zu Mohrenkopf-Debatte: „Es gibt keine Sprachpolizei“
Südpfalz. Herr Meier-Vieracker, essen Sie gerne Mohrenköpfe?
Bei Kindergeburtstagen beispielsweise wird man ja häufig mal gefragt, ob man einen Mohrenkopf möchte. Da würde ich auch nicken und zugreifen, obwohl ich bei dem Wort schon aufhorche.
In der Pfalz gibt es zurzeit eine Debatte darüber, welche Begriffe für Schokoküsse noch zulässig sind. Eine Familie empört sich darüber, dass eine Kellnerin in Anwesenheit der schwarzen Tochter von Negerkuss und Mohrenköpfen gesprochen hat. Können Sie die Aufregung verstehen?
Ich kann die Aufregung verstehen. Vor allem aufseiten der Betroffenen. Denn bei dieser Geschichte wurden ja nicht einfach nur die Wörter Mohrenkopf und Negerkuss benutzt. Die Kellnerin hat sich auch noch darüber lustig gemacht, dass der Vater des Kindes versucht hatte, mit einer sensiblen Ausdrucksweise rassistische Stereotype zu vermeiden, indem er einen Schokokuss bestellte. So etwas ins Lächerliche zu ziehen, die Situation sogar noch auszukosten, ist einfach total daneben.
Ein Großteil unserer Leserschaft sieht das anders.
Das kann ich mir denken. Da kommen dann die üblichen Argumente, das hätten wir doch schon immer so gesagt, und es stecke doch keine böse Absicht dahinter. Die Argumente überraschen mich nicht. Aber verstehen kann ich sie nicht.
Warum irren diese Leute?
Die Begründungen sind einfach nicht stichhaltig. Auch wenn Wörter wie Mohrenkopf nicht absichtlich verwendet werden, um jemanden zu herabzusetzen, so können sie für die Betroffenen eben doch sehr verletzend sein. Wenn wir eine Umfrage bei weißen Deutschen machen würden, wie sie das Wort finden, würden viele sagen, ach, das ist doch nicht so wild. Leute, die aber regelmäßig rassistische Erfahrungen machen, würden das anders sehen. Heißt: Es kommt auf den Blickwinkel an.
Meine Oma, 94, benutzt diese Begriffe bis zum heutigen Tag völlig arglos. Ist sie deshalb eine Rassistin?
Wenn wir Menschen als Rassisten bezeichnen, dann unterstellen wir ihnen häufig, dass sie aus einer gewissen Absicht und einem gewissen Bewusstsein sich abfällig äußern über Menschen, die sie einer bestimmten ethnischen Herkunft zuschreiben. Wir könnten vorsichtiger sagen, wer von Mohrenköpfen spricht, bedient rassistische Stereotype. Und das kann natürlich völlig unabsichtlich und unwissentlich geschehen. Aber den Vorwurf muss man sich dann trotzdem gefallen lassen.
Das heißt, schon die gedankenlose Verwendung eines Begriffs wie Mohrenkopf ist das Reproduzieren von rassistischen Bildern?
Ja. Gerade das Wort Mohr ist geschichtlich betrachtet ein Begriff aus der Kolonialzeit. Damit wurden häufig Menschen bezeichnet, die in Afrika versklavt und nach Europa verschleppt wurden, um sie als Exoten auszustellen. Deshalb ist der Begriff besetzt. Wir kennen zum Beispiel auch Mohren-Apotheken, in deren Wappen wir häufig Figuren finden mit überzeichneten körperlichen Merkmalen wie übergroßen Lippen. Betroffene schmerzt das.
Nehmen wir mal an, Sie sind mit Kumpels zu einem Bier in der Kneipe verabredet. Ein Freund erzählt in der Runde, er habe für die Geburtstagsfeier seiner Frau zwei Schachteln Mohrenköpfe besorgt. Würden Sie ihn verbessern?
Man kann natürlich überlegen, wie weit man im privaten Rahmen gehen kann und sollte. Im öffentlichen Sprachgebrauch würde ich es aber schon für angebracht halten. Die Debatte über den Umgang mit rassistischen Ausdrücken wird ja immer sehr emotional diskutiert, weil manche das als einen persönlichen Angriff auf sich verstehen. Sie haben den Eindruck, andere behaupten, sie seien in ihrem bisherigen Leben wegen der Verwendung verschiedener Begriffe sprachlich betrachtet unanständig gewesen.
Ist die Reaktion dann nicht verständlich? Niemand will doch gerne hingestellt werden, als werfe er mit rassistischen Begriffen um sich.
Ich finde es trotzdem erstaunlich, dass manche immer darauf beharren, bestimmte Begriffe weiter verwenden zu dürfen, obwohl es von Betroffenen kritisiert wird und es auch kein Aufwand wäre, das eine oder andere Wort nicht mehr zu sagen. Es ist doch erst mal so, dass andauernd Wörter ersetzt werden. Bei der Neuauflage der Buchreihe „Knickerbocker-Bande“ gibt es inzwischen keine Walkmans mehr, sondern MP3-Player. Da beschwert sich keiner. Die Leute gehen nur auf die Barrikaden, wenn diskriminierende Begriffe ersetzt werden sollen. Das ist schon auffällig.
Was ist der Unterschied zwischen einem Hamburger und einem Zigeunerschnitzel – nicht in Zubereitung oder Zutaten, sondern in der Begrifflichkeit?
Zigeuner ist ein abwertendes Wort, das ist geschichtlich betrachtet eindeutig. Insofern ist es ein Schimpfwort, und als solches wird es von den Betroffenen wahrgenommen. Das ist bei Hamburgern nicht so. So bezeichnen sich schließlich die Leute in der Stadt selbst – mit einem guten Gefühl. Es ist schon sehr verwegen, die Begriffe so miteinander zu vergleichen.
Die Debatte um rassistische Alltagsbegriffe berührt eine tiefgreifende Frage, die auch in der Gender-Diskussion eine Rolle spielt: Sollte eine Gesellschaft Sprache aktiv regeln oder ihr Entwicklungszeit lassen? Konkreter: Braucht es eine Sprachpolizei?
Wir leben gerade in einer Phase, in der es eine große Sensibilität gibt für die Frage, welche Übereinkünfte wir für Sprache brauchen. In Universitäten gibt es beispielsweise Leitfäden, wie man gendergerecht formulieren kann. Mir ist aber kein Fall bekannt, wo von oben angeordnet wurde, dass man so oder so zu schreiben oder zu reden hat. Es sind eher die aus der Gesellschaft kommenden Bedürfnisse selbst, auf die dann reagiert wird. Wir haben zum Beispiel unsere Empfehlungen für gendergerechte Sprache in wissenschaftlichen Arbeiten auf ausdrücklichen Wunsch der Studierenden ausgegeben. Empfehlungen wohlgemerkt, keine verbindlichen Vorgaben. Es braucht da gar keine Sprachpolizei. Und es gibt auch keine.
Zur Person
Simon Meier-Vieracker, 41, ist Professor für Angewandte Linguistik an der Technischen Universität Dresden. Er forscht unter anderem zum Thema Sprache und Diskriminierung.




