Bahnverkehr
Bei deutschen Bahnhöfen gibt es viel Nachholbedarf
Bei den 5700 Bahnhöfen der Deutschen Bahn gibt es weiterhin sehr viel Nachholbedarf. So fehlen Ladestationen für E-Bikes, Stationen für Radreparaturen und smarte Schließfächer. Über viele Jahre hinweg wurde von der DB zu wenig in Modernisierungen und Personal investiert. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag.
Nur an einem einzigen Bahnhof in Haltern (Nordrhein-Westfalen) existiert demnach bisher eine Ladesäule für E-Bikes als Pilotprojekt der DB Station & Service AG, die für den Bund die Infrastruktur verwaltet. An „mindestens 119 Bahnhöfen“ gebe es im Umkreis von 100 Metern aber Ladestationen von Dritten, so das Bundesverkehrsministerium (BMVI). Auf Basis von Marktanalysen und des Pilotprojekts werde ermittelt, wo „ein solches Angebot sinnvoll sein kann“.
Nur an 19 Standorten Reparatursäulen
Zudem können Radler bisher nur an sehr wenigen Bahnhöfen mal schnell Luft nachpumpen oder Schrauben nachziehen. Lediglich an 19 Standorten hat die DB bisher die praktischen Reparatursäulen aufgestellt, insgesamt gibt es im Umfeld von Bahnhöfen bisher weniger als 100 solcher Säulen, zumeist von Dritten. Die DB betont, man werde „in Kürze“ Kommunen Rahmenverträge zur Lieferung von förderfähigen Reparatursäulen anbieten.
Für die Finanz- und Bahnexperten der Grünen im Bundestag, Sven-Christian Kindler und Matthias Gastel, zeigen die knappen Antworten aus dem Haus von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), wie dringend ein Modernisierungsprogramm nötig sei, um die deutschen Bahnhöfe auf den neuesten technischen Stand zu bringen und sie „wieder zu attraktiven Visitenkarten“ zu machen. Besonders das digitale Angebot müsse „massiv ausgeweitet werden“.
So vermissen Kindler und Gastel neben gutem W-Lan-Empfang an Stationen in ländlichen Regionen auch digital steuerbare Schließfächer an Bahnhöfen, an denen Reisende Pakete abholen können. Bisher existieren bundesweit erst 1754 solcher „Smart Locker“, die meisten werden von der städtischen Hamburger Hochbahn auf deren Stationen in der Hansestadt betrieben. Der DB-Konzern überlässt das Geschäft der DHL, die als Mieter mehr als 12.000 Packstationen an Bahnhöfen hat.
Grüne kritisieren „Straßenbauwahnsinn“
In der Anfrage haben die Grünen auch die wirtschaftliche Entwicklung der DB Station & Service AG abgefragt. Die Antworten der Regierung und der DB offenbaren in den angehängten Zahlenkolonnen, wie sehr Investitionen in Stationen und Personal über viele Jahre hinweg vernachlässigt wurden. „Jeder Bahnkunde sieht, dass jahrelang an allen Ecken und Ende gespart wurde“, betonen Kindler und Gastel und kritisieren den „Straßenbauwahnsinn“. Statt sich „immer nur um teure Autobahnprojekte zu kümmern“, hätte Minister Scheuer mehr die Bahn stärken sollen, so die Oppositionspolitiker.
Die bisherige schwarz-rote Bundesregierung und die DB haben zwar zahlreiche Modernisierungsprogramme versprochen und teils auch auf den Weg gebracht. Doch für die angekündigten weiteren Rekordinvestitionen in diesem Jahrzehnt fehlt zum großen Teil noch die Finanzierung, zumal die DB bereits hoch verschuldet ist und in der Corona-Krise Milliardenverluste einfährt.
Völlig offen ist vor allem, wie die klamme DB bis 2030 mehr als 30 Milliarden Euro als Eigenanteil bei der Modernisierung der Infrastruktur aufbringen soll. Zwar betonen DB-Chef Richard Lutz und sein Vize Ronald Pofalla gerne, dass trotz der schwierigen Lage nicht bei Investitionen gespart werde. Doch bei Station & Service flossen schon 2020 nur deshalb gut 1,33 Milliarden Euro und damit 240 Millionen Euro mehr in die Bahnhöfe, weil der Bund mehr Geld locker machte.
Der Eigenanteil der DB sank dagegen um 10 Millionen Euro auf 247 Millionen Euro. Noch 2017 waren es nur 100 Millionen Euro und 2009 gar nur 76 Millionen Euro, die das Bundesunternehmen selbst für die Modernisierung der 5700 Stationen aufbrachte.
Umfangreiche Bauprojekte an 223 Bahnhöfen
Inklusive der Bundesmittel investierte DB Station & Service im Jahr 2009 nur 487 Millionen Euro in die Bahnhöfe, also nur ein Drittel des aktuellen Betrags. Selbst 2016 lagen die Bruttoausgaben unter dem damaligen DB-Chef Rüdiger Grube noch unter 600 Millionen Euro. Umso größer wurde über die Jahre der Investitionsrückstau bei den 5700 Stationen, aus Visitenkarten wurden mancherorts Schandflecke. Gerade mal bei 223 zumeist großen Bahnhöfen hat die DB seit 2009 umfangreichere Bauprojekte für mindestens 100.000 Euro angepackt, wie die Listen aus dem Hause Scheuer zeigen. Bei fast der Hälfte laufen die Maßnahmen noch oder wurden erst 2020 beendet.
Nur in 16 Bahnhöfe flossen mehr als 10 Millionen Euro, mit Abstand am meisten in die Hauptbahnhöfe in Frankfurt (64 Millionen Euro) sowie in Dresden und Stuttgart (je 49 Millionen Euro).
In Stuttgart läuft seit Jahrzehnten mit „Stuttgart 21“ das größte, teuerste und umstrittenste DB-Projekt. Die Verlegung der Bahnanlagen in den Untergrund mit 60 Kilometern Tunnelstrecke verschlingt nach offiziellen Angaben mindestens 8,2 Milliarden Euro, also allein rund das Sechsfache der Summe, die DB Station & Service voriges Jahr in alle 5700 Stationen bundesweit investierte.