Kultur Südpfalz Wertloses wertvoll machen

Malt am liebsten sich selbst: Charlie Stein.
Malt am liebsten sich selbst: Charlie Stein.

Zwischen New York, wo sie die vergangenen zwei Jahre lebte, und Australien, wo sie sich über Winter einnisten wird, hat die im Schwäbischen geborene Künstlerin Charlie Stein fast ein halbes Jahr lang Station im Herrenhaus Edenkoben gemacht. Über hundert Bilder sind hier entstanden – und ein großes Gefühl der Dankbarkeit. Morgen wird sie ihre Werkschau eröffnen.

„Ich bin total zufrieden mit dem Aufbau“, freut sich Charlie Stein und macht im selben Atemzug deutlich, dass die Zufriedenheit bezüglich der Präsentation ihrer Werkschau gerade auch auf sie selbst und ihre eigene Lebens- und Arbeitssituation zutrifft. Dabei war sie schon ein bisschen skeptisch, wie es sich wohl anfühlen würde, nach intensiven Schaffensjahren mitten im Big Apple in einem kleinen Refugium inmitten der Weinberge zu leben. Aber was heißt da klein? „Hier hab ich im Vergleich zur Großstadtmetropole mit ihrem ewigen Wohnungsnotstand Platz ohne Ende“, zeigt die 31-Jährige, die auch schon Aufenthaltsstipendien in Istanbul und China hatte, mit ausladender Geste um sich. Die Arbeiten der Ausstellung im Herrenhaus, sind wie ihr Beitrag zur eben beendeten Gemeinschaftsausstellung der Meisterschüler des Weisenhof-Programms Stuttgart in Esslingen – fast alle in der Südpfalz entstanden. Sie sind im Veranstaltungsraum als eine Art „Zeitstrahl“ entlang eines schwarzen Streifens angeordnet, der die Holzbalken der Decke, aber auch die Farbe des Flügels aufnimmt. „Ich wollte was machen, was nicht gegen, sondern mit dem Raum arbeitet“, so Stein, die ihre Bilder bewusst sparsam „wie Pralinen“ an der Wand anbrachte und mit wenigen Installationen, die „funktionslose Fallen“ symbolisieren, kombiniert. Brüste spielen auch eine Rolle, schon deshalb, weil sie eine „so perfekte Form“ haben. Und schließlich sieht man ja auf den Ölbildern nichts als Frauenporträts – wobei der Plural hier eigentlich übertrieben ist. Denn so verschieden die mit dezenten Attributen versehenen Häupter, die da vor meist schwarzem Hintergrund auch aussehen, sind sie doch stets „nur“ ein verzerrtes Spiegelbild der Künstlerin selbst. Anderen könne sie so eine „Selbstzerstückelung“ gar nicht zumuten, schmunzelt die Protagonistin ihrer eigenen Werke und so sei sie niemandem Rechenschaft schuldig. Was Charlie (Charlotte) Stein da anstellt, geht so: Mit ihrem Handy macht sie Selfies, die sie danach mit digitalen Apps verändert. Das Ergebnis sind krass verzerrte Gesichter mit riesigen Augen und langen Ohren, verdoppelten oder verdreifachten Nasen und Mündern, die dann die Vorlage für ein Ölbild geben, das einem Salonbild des 19. Jahrhunderts entspricht. „Ich mag es, wenn was gar nicht viel wert ist, aber wertvoll gemacht wird“, sagt Charlie Stein und genau dies gelingt ihr ja mit den Selfies, die heutzutage jeder inflationär auf seinem Handy hat. Zugleich ist diese Form der Kunst auch die Quintessenz all dessen, was die künstlerische Laufbahn der vielseitigen Stipendiatin bislang ausmacht. Begonnen hat alles mit dem Studium der Malerei und Grafik bei Gerhard Merz an der Akademie in München, dem sich später ein Studium der Bildhauerei/Neue Medien an der Stuttgarter Akademie anschloss. Digitale Medien, Soziale Netzwerke und moderne Formen der Kommunikation gehören zu einem immer globaler werdenden Leben einfach dazu und so ist es für die Weltenbummlerin in Sachen Kunst ganz selbstverständlich, alles miteinander auch in „kollaborativen Arbeiten“ zu verknüpfen. „Aktuell geht es mir um den Zustand der Bilder in unserer Zeit und wie das wieder in die Kunst zurückgeführt werden kann“, sinniert sie, die sich auch Gedanken über ihre persönliche „Kunstgeschichte“ macht. „Die reiche „nicht nur bis Frieda Kahlo, sondern bis zu den Höhlenmalereien bei Lascaux“ zurück. Ganz bewusst hat sie sich auch gegen die Abstraktion entschieden, deren Radikalität für sie schon lange vorbei ist. „Mit meinen Bildern sollen die Menschen etwas anfangen“, etwa einen Gedanken aufgreifen und weiterspinnen können. Sicher gelingt das auch mit den Finger-Fotografien, die sich als verfremdete Objekte zu Körpern oder Figuren auswachsen, auf jeden Fall aber verblüffen und die Fantasie beflügeln. Info Vernissage ist morgen 19 Uhr im Herrenhaus. Bis 9. Dezember samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr zu sehen.