Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Goldwerfer Julian Weber – im Licht der Scheinwerfer

Kannes nicht fassen: Julian Weber.
Kannes nicht fassen: Julian Weber.

Julian Weber stand stets im Schatten anderer Deutscher, die große Erfolge im Speerwurf feierten. Als er den Kopf ausschaltete, wandelte sich der ewige Pechvogel in einen von den Massen umjubelten Goldmedaillengewinner.

Es war der ideale Zustand, in den sich Julian Weber Sonntagabend versetzte – versetzen konnte. „Die Zuschauer haben mir geholfen, den Kopf auszuschalten“, sagte der 27-Jährige später. Als sich der Mainzer zum Europameister emporschwang, gelang ihm dies, weil er nicht daran dachte, was er gewinnen oder was er verlieren konnte.

Der vierte Versuch

Im vierten Versuch des Speerwurf-Finales passte alles zusammen. Beine ungläubig kniete er danach im Anlauf, als die Weite von 87,66 Metern durchgesagt wurde. 38 Zentimeter mehr als die Weitenvorgabe von Jakub Vadlejch, dem Tschechen. Kein er hat in diesem Jahr den Speer weiter geworfen als Vadlejch, aber beim zweiten Saisonhöhepunkt war der Deutsche besser. Der Tscheche konnte in den beiden verbleibenden Würfen nicht mehr kontern. Vor 40.000 Zuschauern im Olympiastadion in München feierte Weber den größten Erfolg seiner Laufbahn.

„Ich hätte mir keinen besseren Ort aussuchen können“, sagte Weber, der sich nach seinem Sieg auf eine lange Ehrenrunde begeben hatte. Mit der Deutschland-Fahne in der Hand genoss er die Momente, die in den zurückliegenden Jahren anderen vorenthalten waren. 2016 wurde Thomas Röhler in Rio de Janeiro Olympiasieger, zwei Jahre später siegte er bei der Heim-EM in Berlin. Zwischendurch krönte sich Johannes Vetter 2017 in London zum Speerwurf-Weltmeister und brillierte in den Jahren danach mit enormen Weiten – Vetter verbesserte den deutschen Rekord auf 97,76 Meter. Der Speerwurf war in der jüngeren Vergangenheit eine deutsche Domäne, aber die Schlagzeilen gehörten nicht Weber.

Tag beginnt mit Schmerzen

Sonntagmorgen drohte diese Serie für den 27-Jährigen weiterzugehen, denn Schmerzen in der Wurfschulter belasteten Weber. „Ich wusste nicht, ob ich würde an den Start gehen können, aber die Physios haben tolle Arbeit geleistet“, sagte der Goldmedaillengewinner. Beim Aufwärmen im Stadion verzichtete er auf Probewürfe, um den eigenen Körper zu schonen. Als der erste Versuch im Wettkampf über 83 Meter weit flog, kehrte die Gewissheit zurück, bereit zu sein. „Da wusste ich, ich kann noch einen raushauen“, sagte Weber.

In den Minuten danach schaffte er es, die Rückschläge der letzten Großereignisse aus seinem Gedächtnis zu verdrängen. Bei den Olympischen Spielen vor einem Jahr in Tokio und bei der WM vor ein paar Wochen in Eugene (USA) war er jeweils Vierter geworden – wieder war es ihm nicht gelungen, die großen Schlagzeilen einzuheimsen. Ein Weltklassesportler, der im Schatten anderer blieb. Im zweiten Durchgang zeigte Weber einen Riesenwurf, nahe an die 90-Meter-Marke, aber er hatte knapp übertreten, der Versuch war ungültig.

Das Blatt wendet sich

Weber schien ein Pechvogel zu sein, einer, der trotz großer Leistungen nicht ganz groß rauskommen würde. Erst in München wandelte sich das Blatt für den Athleten des ASC Mainz, erst mit der Hilfe der rund 40.000 am Abschlussabend der European Championships wurde Weber zu einem strahlenden Helden. Einen letzten Rückschlag hatte es gegeben, aber dann kam der vierte Wurf, als Weber das Sportgerät unter ohrenbetäubendem Lärm auf 87,66 Meter schleuderte. Das war der Goldwurf. Eine bessere Bühne hätte es kaum geben können als eine Heim-EM in der Leichtathletik, zudem vor einem Millionen-Publikum im TV. Webers Sieg war schon vor dessen finalen Wurf klar, so dass der 27-Jährige auf ihn verzichtete – die Party begann also vorab. „Wir werden richtig feiern“, kündigte der Mann an, der am Finaltag der Championships aus dem Schatten ins Licht der ganz großen Scheinwerfer getreten war. Ins Detail hinsichtlich der Partypläne wollte der Modellathlet nicht gehen, aber die malade Wurfschulter würde ganz sicher kein Problem darstellen. Schließlich hatte die nicht nur im Wettkampf, sondern auch bei den vielen Jubelszenen im Stadion standgehalten.

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