Klimawandel
Wintersport in Europa: Bald Schnee von gestern?
Wollte man den Slalomhang am Bärenberg dieser Tage mit einer kulinarischen Metapher beschreiben, könnte man sagen, der Gebirgszug, nur einige Autominuten von der kroatischen Hauptstadt Zagreb entfernt gelegen, sieht aus wie ein Teller Spinat mit einem Klecks Sahne darin. Auch ohne Metapher überwiegt das Grün, und wegen des Schneemangels haben die Veranstalter des Slalom-Weltcup-Rennens der Damen den Start am vergangenen Mittwoch nach unten versetzt, um die Laufzeit zu verkürzen. Der für Donnerstag geplante zweite Slalom der Skirennfahrerinnen wurde dann abgesagt. Grund: zu hohe Temperaturen und starker Wind.
Der fehlende Schnee bereitet den Wintersportlern seit Wochen Probleme. Schon der Saisonstart der Herren auf dem Gletscher in Sölden ging fast in die Hose. Ein weißes Pistenband zog sich da über den Hang, präpariert mit Altschnee aus dem vergangenen Jahr, drumherum Geröll. Die für Mitte November geplanten Parallel-Läufe in Lech am Arlberg fielen wegen Schneemangels ganz aus. Begründung des Weltskiverbandes: Der Wintereinbruch sei zu spät gekommen. Doch angesichts der aktuellen Wetterlage muss man sich eher fragen, ob der Winter überhaupt wieder kommt. Und ist Wintersport in weiten Teilen der Welt bald Schnee von gestern?
Vogelgezwitscher wie Mitte März
Ein Anruf bei Gudrun Mühlbacher, Diplom-Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Die Expertin für alpine Klimatologie leitet die DWD-Niederlassung in München. Mühlbachers Büro befindet sich unweit des Olympiaparks, wo natürlich auch gerade kein Schnee liegt, dafür zwitschern dort die Vögel als sei es Mitte März. „In München waren es am Silvestertag 15,6 Grad. Das ist nicht mild, sondern warm“, sagt Mühlbacher. Die aktuelle Wetterlage ist aber nicht ungewöhnlich, Fachleute nennen das Weihnachtstauwetter. Es komme häufig vor, so die Experten, dass das letzte Dezemberdrittel mild sei, nur die Temperaturen, die würden auch wegen des Klimawandels immer extremer. Und das wirke sich eben auch auf die Schneesicherheit aus.
Laut einer Studie des österreichischen Wetterdienstes zur Schneedeckenentwicklung in Skigebieten im Salzburger Land gab es die stärksten klimatischen Veränderungen in den 1980er-Jahren und in den vergangenen fünf bis acht Jahren. Der Naturschnee hat demnach in Skigebieten unter 1500 Meter Höhe um 30 Prozentpunkte abgenommen, in höheren Lagen um etwa zehn. Mühlbacher bringt es mit einer einfachen Formel auf den Punkt: Je höher das Skigebiet, desto schneesicherer ist es.
Kostenintensiver Kunstschnee
Dennoch muss bereits jetzt mehr als die Hälfte der Skipisten in der Schweiz künstlich beschneit werden, laut dem staatlichen Rundfunk SRF sind es in Österreich sogar mehr als zwei Drittel. Tendenz steigend. Kunstschnee ist aber nicht nur kostenintensiv, sondern verbraucht auch viele natürliche Ressourcen. Deshalb schlägt der Naturschutzbund Alarm und verweist auf eine Berechnung des Deutschen Skiverbands (DSV). Demnach sind für die Beschneiung von einem Hektar Pistenfläche mit 30 Zentimeter Schnee 20.000 Kilowattstunden Strom nötig. Zur Orientierung: In Deutschland liegt der durchschnittliche Stromverbrauch in einem Vier-Personen-Haushalt bei 4000 Kilowattstunden pro Jahr. In den Alpen werden rund 70.000 Hektar beschneit. Um diese Fläche einmalig mit 30 Zentimeter Kunstschnee zu bedecken, wären demnach insgesamt 1,4 Gigawattstunden Strom nötig.
Angesichts dieser Entwicklungen fordert auch Ex-Skiprofi Felix Neureuther klare Schritte: Es dürfe „nicht mehr erlaubt sein, im Sommer zwischen Juni und September auf den Gletschern zu trainieren“ und dort dann auch Rennen zu fahren, „zu einer Zeit, wo die Gletscher schmelzen“, forderte der Mann aus Garmisch schon vor mehr als einem Jahr mit Blick auf die Außenwirkung des alpinen Skisports. Immerhin redet ja die halbe Welt wegen der klimatischen Veränderungen über etwas mehr Demut gegenüber der Natur. Aus der Sicht Neureuthers verliert der Sport seine Glaubwürdigkeit, wenn alle einfach so weitermachen wie bisher.
Pfalz-Meisterschaften in Gefahr
Dabei gibt es Bewegung in dieser Angelegenheit beim Internationalen Ski- und Snowboardverband FIS, zumindest nach außen hin. Der umstrittene Verbandschef Johan Eliasch hat eine Klimainitiative ausgerufen, die FIS möchte der erste klimapositive Sportverband der Welt werden. Gleichzeitig treibt der schwedisch-britische Milliardär die Ausweitung des alpinen Weltcups voran. Der Kalender bleibt weiterhin randvoll: 42 Rennen bei den Frauen, 43 bei den Männern. Zudem geht es in der Saison gleich zweimal nach Nordamerika für die Profis. Ist das nachhaltig?
Nach Übersee kommen Breitensportler nur selten, sie müssen sich mit dem Schneemangel hier auseinandersetzen. Wie Norbert Schied. Er ist Präsident des Skiverbands Pfalz, unter dessen Dach 50 Vereine und mehr als 10.000 Mitglieder zusammenkommen. Jährlich organisiert der Verband Pfalz-Meisterschaften, dieses Jahr sollen sie am Seibelseckle im Nordschwarzwald ausgetragen werden. Die Schneehöhe beträgt dort zurzeit, genau: null Zentimeter. Und wenn sich das nicht ändert, wird es schwierig mit den Pfalzmeisterschaften. „Das ist natürlich keine einfache Situation für uns. Das Land Rheinland-Pfalz besitzt ein Haus in Oberjoch im Allgäu direkt neben der Trainingsstrecke des Deutschen Skiverbands. Und auch da liegt zurzeit kein Schnee. Wegen der zu hohen Temperaturen ist auch keine Beschneiung möglich. Wir machen uns schon große Gedanken.“
Dabei besitzen Vereine aus der Pfalz auch eigene Hütten in Skigebieten, doch die stehen weit entfernt von den Gletschern der Alpen. Neustadt beispielsweise hat eine vereinseigene Unterkunft am Feldberg, Speyer und Frankenthal haben nur wenige Kilometer von dort entfernt in Altglashütten beziehungsweise Fahl Hütten, Ludwigshafen besitzt ein Haus in Todtnauberg, Pirmasens eines im Elsass. Werden diese Heime bald dauerhaft leer bleiben, weil Schnee fehlt?
Schneebedeckte Schanzen kein Muss mehr
Doch auch in hohen Lagen machen sich die Auswirkungen des Klimawandels bemerkbar, Meteorologin Mühlbacher präsentiert Zahlen. Beispiel Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, 2962 Meter hoch. 1946 lag dort an 264 Tagen über 30 Zentimeter hoch der Schnee, 1961 an 251 Tagen, 1976 an 366, also das ganze Jahr über. 1988 waren es dann 288 Tage, 2007 noch 281, 2018 waren es 230 Tage. „Im vergangenen Jahr war die Schneedecke bisher am schnellsten weg, schon am 19. Juni“, so Mühlbacher.
Auch die Wintersportprofis verschließen davor nicht die Augen. „Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir wegkommen von dem Begriff Wintersport“, sagte vor einiger Zeit der Österreicher Alexander Stöckl, Trainer der norwegischen Skisprungmannschaft. Wenn es um die Zukunft seines Sports geht, sind aus seiner Sicht schneebedeckte Schanzen kein Muss: „Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir versuchen, ein Ganzjahresdenken reinzubringen.“ Der Versuch kam dann überraschend früh. Der Weltcup startete wegen der Fußball-WM in Katar ungewöhnlich früh im November 2022. Weil im polnischen Wisla aber noch kein Schnee lag, landeten die Athleten auf Matten. „Wir haben das Glück, dass wir die Mattenschanzen haben, dass das machbar ist und dass wir keinen Schnee brauchen“, sagte Stöckl.
Kaum Bewerber für Olympische Winterspiele
Sorgen um die Zukunft des Wintersports macht man sich auch beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), denn mit dem fortschreitenden Klimawandel sinkt auch die Anzahl möglicher Gastgeber für Olympische Winterspiele. 2026 werden die Spiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo und damit in einer bislang schneesicheren Region ausgetragen, die Vergabe für die übernächsten Winterspiele 2030 ist jedoch um ein Jahr verschoben worden – mangels geeigneter Bewerber. Doch nicht nur die Schneesicherheit bereitet den Sportfunktionären des IOC Kopfzerbrechen, sondern auch die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung. Der Gigantismus wie bei den Spielen in Sotschi oder Peking schreckt ab, denn nach der großen Sportsause könnten überdimensionierte Stadien und Anlagen verrotten, weil deren Unterhaltung niemand mehr bezahlen will und kann. Und wer braucht sie dann überhaupt noch?
Gudrun Mühlbacher, zu Hause im Berchtesgadener Land, will den Skiwinter aber noch nicht abschreiben. Und auch die Zukunft sieht sie nicht schwarz. „Der Wintersport hat Zukunft, nur nicht in allen Skigebieten. Es wird aber weiter schneereiche Winter geben. Ich glaube, wir müssen auch unsere Erwartungen ändern. Beim Ostsee-Urlaub kann man auch nicht jeden Tag ins Meer springen, wenn die See zu rau ist.“ So sei das eben auch mit dem Wintersport.