Rheinland-Pfalz
Park & Bellheimer: „Regionalität geht nur mit Glasflaschen“
Park & Bellheimer hat jahrzehntelang dem Trend widerstanden, Mineralwasser in Plastikflaschen abzufüllen. Das zahlt sich jetzt aus. Der Umsatz mit Glas-Mehrweg-Flaschen steigt seit Jahren und macht Wasser zu einem bedeutsamen wirtschaftlichen Standbein neben den etablierten Bier-Produkten.
Es war auf der Jahreshauptversammlung der Park & Bellheimer Brauerei AG im Jahr 2006, als ein Aktionär fragte, ob man die Abfüllanlage für Mineralwasser nicht von Glas auf PET-Flaschen umstellen sollte, auf thermoplastischen Kunststoff. Bellheimer hatte schon immer auf Mehrweg-Glasflaschen mit Perlmuster gesetzt. Die Antwort eines Vorstandsmitglieds fiel defensiv aus und war gegen einen Trend gerichtet, der unaufhaltsam schien. Der Vorschlag des Aktionärs wurde laut einem RHEINPFALZ-Bericht von vor 13 Jahren verworfen: Das Produktionsvolumen reiche nicht aus, um eine solche Anlage auszulasten, und „ein gewisser Teil“ an Mineralwasser werde ja weiterhin in Glasflaschen nachgefragt.
„Beim Wasser hat es Klick gemacht“
„Noch vor zehn Jahren hat man geglaubt, dass Glas keine Zukunft hat“, bestätigt heute Roald Pauli, Vorstandsvorsitzender von Park & Bellheimer, im Gespräch mit der RHEINPFALZ am SONNTAG. Inzwischen frage ihn niemand mehr nach PET. Im Gegenteil: „Plastik implodiert“ – zumindest im Marktsegment für „hochwertige Mineralwasser“, so Pauli, das für das Bellheimer und Pirmasenser Unternehmen mit seiner Marke „Bellaris“ entscheidend sei. Bei Discountern und Billigsprudel sehe das anders aus. Aber: „Beim Wasser hat es ,Klick’ gemacht“, sagt der Vorstandsvorsitzende und meint damit jene Verbraucher, für die Regionalität, Nachhaltigkeit und damit neuerdings auch der Verzicht auf Plastik immer mehr an Bedeutung gewinne. Der Verkauf von Mehrweg-Glasflaschen in Deutschland, sagt Pauli, habe beim Mineralwasser im vergangenen Jahr um sechs Prozent zugelegt, „bei uns sogar um zwölf Prozent.“ Und er fügt zufrieden hinzu: „Wir sind uns treu geblieben und wurden belohnt.“
50-mal wiederbefüllbar
Sie bietet fast so etwas wie einen Blick in die Geschichte der Bundesrepublik, die Mehrweg-Glasflasche. Das waren und sind in der Regel jene klassischen Perlenflaschen, die seit dem Jahr 1969 als sogenannte „Poolflaschen“ von 180 verschiedenen Mineralwasserproduzenten gemeinsam genutzt wurden und werden, wie die Genossenschaft Deutscher Brunnen mitteilt. „Mehrweg-Leihflasche Mineralbrunnen“ ist auf jede Flasche geprägt, und die Individualität des jeweiligen Unternehmens spiegelt sich allein im Etikett wider. Die Flaschen könnten bei durchschnittlicher Lebensdauer bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden und würden regional – also dort wo sie ausgetrunken werden – direkt wieder eingesetzt, argumentiert der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland in seinem „Ratgeber Mehrweg“. Und das klingt gut.
Aber: Einwegtrend hält an
Fakt ist aber auch: PET-Flaschen haben beim Wasser immer noch einen Marktanteil von 70 Prozent, dabei waren es mal 100 Prozent Glas, damals in den 1970er-Jahren. Und über alle Getränkearten gerechnet, nimmt in Deutschland der Anteil der Einwegflaschen sogar stetig zu, wie das Umweltbundesamt in seiner jüngsten Statistik für das Jahr 2017 vorrechnet: Nur 42 Prozent aller Getränke in Deutschland wurden in Mehrwegflaschen abgefüllt. 2016 waren es 42,5 Prozent gewesen, im Jahr 2010 noch 48 Prozent. Ursachen gibt es verschiedene: Powerdrinks, Alcopops, der Erfolg der 0,5-Liter-Bierdose, wie man sie aus dem Norden Europas kennt, und das fast vollständige Verschwinden der Milchflasche, die vom Tetra-Pack ersetzt wurde.
„Regionalität geht nur mit Glas“
Der Vorstandsvorsitzende von Park & Bellheimer sieht diese Zahlen auch als Ansporn – und vor allem als Potenzial für jene Unternehmen, die aufs richtige Pferd setzen. „Glas-Mehrweg kann beim Wasser wieder auf 50 Prozent kommen“, ist Roald Pauli überzeugt. Und: „Regionalität geht nur mit Glas zusammen.“ Auf die Region – die Pfalz – setzt man ja seit Jahren und trifft nun auch damit auf einen Trend, den zu regionalen Produkten, die nicht Hunderte oder Tausende Kilometer weit transportiert werden müssen.
Nur das Glas-Mehrweg-System biete seinem Unternehmen die Möglichkeit, autark zu agieren und nicht auf ferne Zulieferer oder Dienstleister angewiesen zu sein. Das mache den Job zwar äußerst komplex, sagt Pauli, weil eben alles in einer Hand liege: die Produktion von so unterschiedlichen Getränken wie Bier, Mineralwasser und Mineralwassermischprodukten, die Flaschenreinigung, das Abfüllen, das Marketing und natürlich der Bereich Logistik, in dem bei Park & Bellheimer über die Hälfte der 145 Mitarbeiter beschäftigt ist. Nur das Mälzen des Getreides fürs Bier, das früher jede Brauerei selbst erledigte, lässt Park & Bellheimer inzwischen extern in der Nordpfalz machen. Der Energieaufwand sei bei Mengen, wie sie eine einzelne Brauerei benötige, zu hoch, erklärt Pauli.
Umsatz 2018 um zehn Prozent gesteigert
Die spannende Nachricht: Mit der „komplexen Autarkie“ und „Wertschöpfung allein in der Region“ lässt sich gutes Geld verdienen. Um fast zehn Prozent auf 20,8 Millionen Euro ist der Umsatz des Unternehmens im Jahr 2018 gestiegen – und dieser Trend habe sich 2019 bislang bestätigt. 60 Prozent des Abfüllvolumens von rund 300.000 Hektolitern und 80 Prozent des Umsatzes entfallen weiterhin auf die Biere der Marken Bellheimer und Park, auf „Rheingönheimer Weizen“ oder „Valentins Weißbier“. „Aber Mineralwasser wird für uns immer wichtiger“, sagt Pauli.
Die Grundsteine für das Standbein im Mineralwassermarkt wurden vor 60 und noch mal vor knapp 30 Jahren gelegt – auch damals mit einer Entscheidung gegen den vorherrschenden Trend oder zumindest gegen eine jahrhundertealte Tradition in der Branche. Es war damals die Brauerei Karl Silbernagel AG – 1995 per Fusion in Park & Bellheimer aufgegangen –, die sich 1960 entschied, in Bellheim aus zwei Quellen in 80 Metern Tiefe Wasser zu gewinnen. Wasser, das von einer drei bis vier Meter tiefen Lehmschicht in etwa 30 Metern Tiefe vor Umwelteinflüssen geschützt sei, wie Pauli erklärt.
„Wurden belächelt“
„Brauer sind unheimlich traditionelle Leute“, sagt der Firmenchef. Als die Brauerei 1993 die Genehmigung erhielt, tatsächlich Mineralwasser abzufüllen und es nicht nur zum Brauen zu verwenden, da seien die Bellheimer in der Branche schlichtweg belächelt worden. Und das sei noch milde ausgedrückt. „Wasser war vor 30 Jahren für einen Brauer unter seiner Würde“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Heute kann er mitteilen: Der Absatz von „Bellaris“-Mineralwasser und Nebenprodukten hat sich in den vergangenen sechs, sieben Jahren fast verdoppelt.
Während der Biermarkt ein äußerst schwieriger ist – der Konsum in Deutschland geht allgemein zurück, die Kunden sind preissensibel und in der Branche herrscht ein enormer Verdrängungswettbewerb – ist Mineralwasser nicht mehr nur ein „nice to have“, ein nettes Nischenprodukt also, sondern ein notwendiges Standbein für die Zukunft.
35 Millionen Euro in Erneuerung gesteckt
Apropos Zukunft. Die Stimmung auf der Jahreshauptversammlung vom September 2006, auf die wir im RHEINPFALZ-Archiv gestoßen sind, war noch von jener großen Firmenkrise geprägt gewesen, die 2004 in der Übernahme von Park & Bellheimer durch die Mannheimer Actris AG unter Führung von Dietmar Hopp gegipfelt hatte, die eine Rettungsaktion gewesen war. Erst im Jahr 2010 entstand durch einen Management-Buy-out wieder ein eigenständiges Unternehmen – ehemalige Actris-Führungskräfte kauften damals verschiedene Tochterfirmen, darunter Park & Bellheimer, Eichbaum und Odenwald-Quelle. Roald Pauli hält seither drei Viertel der Anteile an Park & Bellheimer.
Seither wurden 35 Millionen Euro in die Modernisierung gesteckt („Unsere Investitionsrate liegt bei 20 Prozent des Umsatzes“, sagt der Vorstandsvorsitzende), zuletzt in eine automatisierte Fassabfüllanlage inklusive eines hochmodernen ABB-Roboters, der die 30-Liter-Fässer in Hochgeschwindigkeit palettiert. Allein im ersten Halbjahr 2019 wurden so 4,2 Millionen Euro des Umsatzes von 10,5 Millionen Euro investiert – und in den nächsten Monaten soll die komplette Flaschenabfüllung erneuert werden.
„Die Früchte ernten“
Als sich nun also bei der jüngsten Jahreshauptversammlung im August 2019 ein Aktionär zu Wort meldete, ging es natürlich nicht mehr um eine Umstellung auf PET und schon gar nicht um die lange zurückliegende Unternehmenskrise. Der Anteilseigner wies vielmehr darauf hin, das Unternehmen sei doch nun an einem Punkt, an dem man die Früchte des Erfolgs ernten könnte – in Form einer Dividende nämlich. An die wolle er erst denken, wenn das Unternehmen vollständig modernisiert sei, lautete Paulis Antwort.
Doch der Trend könnte diesmal der Freund der Aktionäre sein.