RHEINLAND-PFALZ RHEINPFALZ Plus Artikel Kindeswohl in Corona-Zeiten: Polizei wachsamer

Den Verdacht, dass Kinder von ihren Eltern misshandelt werden, meldet in einem Drittel aller Fälle die Polizei.
Den Verdacht, dass Kinder von ihren Eltern misshandelt werden, meldet in einem Drittel aller Fälle die Polizei.

Sind mehr Kinder während des Corona-Lockdowns körperlich oder seelisch gequält worden? Das Personal in Schulen und Kindertagesstätten konnte wochenlang kein Auge auf die Schützlinge werfen. Nun liegen dem Landesjugendamt erste Ergebnisse einer Umfrage vor.

Es gab Familien, in denen lagen die Nerven während des Lockdowns blank. Die Kitas waren von Mitte März bis Mai geschlossen, Schulen ebenso und selbst um Spielplätze wehte rot-weißes Absperrband. Eltern jonglierten zwischen Homeoffice, Homeschooling und Haushalt. Andere steckten in Kurzarbeit und hatten große Zukunftssorgen. Von Beginn an gab es warnende Stimmen, die Situation könne zu mehr Gewaltausbrüchen führen und dazu, dass die Misshandlung von Kindern unentdeckt bleibe, weil Erzieher und Lehrer ihre Schützlinge nicht mehr zu Gesicht bekamen.

Schon im April hat das Bundesfamilienministerium ein Meldeportal gestartet. Jeder Verdacht auf Verletzung des Kindeswohls solle dort eingehen. 200 Jugendämter haben sich bundesweit daran beteiligt, 34 davon aus Rheinland-Pfalz. Nach Angaben des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung sind bisher die Daten von 21 dieser 34 Ämter ausgewertet.

Verdachtsmeldungen gingen nicht zurück

Die wichtigsten Erkenntnisse: Die Anzahl der Verdachtsmeldungen gingen im März und April nicht zurück. Zwar kamen weniger Hinweise von Schulen und Kindertagesstätten, stattdessen aber gab es ähnlich viele Meldungen von der Polizei, Nachbarn, Bekannten oder Freunden. Eine Verschiebung, die in anderen Jahren auch während der Ferien zu beobachten sei, teilte das Landesamt auf RHEINPFALZ-Anfrage mit.

Dass es bundesweit keine Zunahme der Kindeswohlgefährdung gegeben habe, geht aus einer Studie des Deutschen Jugendinstituts hervor, an der 371 Jugendämter teilgenommen haben. Trotz der Einschränkungen der Corona-Pandemie seien Mitarbeiter der Behörden für Schutzmaßnahmen weiterhin in die Haushalte gegangen. Etwa für die Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen bei einer Gefahr für Kinder.

In der Studie steht aber auch, dass die Mitarbeiter der Jugendämter während des Lockdowns verunsichert waren, ob möglicherweise Fälle von Kindeswohlgefährdungen nicht ausreichend erkannt wurden.

Welche Frage offen bleibt

Was mit beiden Umfragen nicht festgestellt werden kann: Hat es in dem ohnehin vorhandenen Dunkelfeld mehr Fälle von Misshandlungen gegeben? Christian Zainhofer, rheinland-pfälzischer Landesvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, bleibt skeptisch. „Dort, wo grundsätzlich die Idee einer gewalttätigen Erziehung vorherrscht, eskaliert es, wenn Eltern mit ihren Kindern über längere Zeit eng aufeinandersitzen“, sagt der Anwalt aus Landau und verweist auf Ergebnisse einer Untersuchung der Technischen Universität München.

Demnach sind in 6,5 Prozent der Haushalte Kinder während der Ausgangs- und Kontaktbeschränkung gewalttätig bestraft worden. Repräsentativ befragt wurden für die Studie 3800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren. Drei Prozent der Frauen gaben an, selbst geschlagen oder auf andere Art misshandelt worden zu sein, 3,6 Prozent seien von ihrem Partner vergewaltigt worden. Vergleichszahlen zu normalen Zeiten gibt es allerdings nicht, deshalb können die Zahlen nicht eingeordnet werden.

Steigerungsrate halb so groß wie im Bund

Die Anzahl gemeldeter Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdung steigt jährlich. Nach den Daten des Statistischen Landesamtes wurden 2019 in Rheinland-Pfalz 8733 Fälle angezeigt. Das sind 5,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bundesweit lag die Steigerungsrate bei den Verdachtsfällen (55.500) sogar bei zehn Prozent. In Rheinland-Pfalz hat sich in 70 Prozent der gemeldeten Fälle (6174) der Verdacht bestätigt, dass es einen weiteren Unterstützungsbedarf gibt – bis hin zur Inobhutnahme, weil es zu gefährlich erscheint, die Kinder in den Familien zu lassen.

Von der Polizei gehen auch in normalen Zeiten die meisten Meldungen über die Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern aus – in 29 Prozent aller Fälle. Jeweils etwa zehn Prozent der Anzeigen gehen auf Nachbarn, Bekannte oder anonyme Hinweisgeber zurück. In neun Prozent sind es Schulen, die Ermittlungen anstoßen, in drei Prozent Kindertagesstätten oder Tagespflegepersonen.

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