Interview
Was den Medikamentenmangel auslöst
Als Königsweg gegen den Medikamentenmangel wird gerne gefordert, einfach die Produktion wieder nach Europa zurückzuholen. Wäre damit das Problem gelöst?
Die Frage ist, ob wir das überhaupt können. Es gibt ja einen guten Grund, warum die Produktion abgewandert ist – weil sie in Asien, vor allem in China und Indien, deutlich preiswerter ist. Das Zurückholen der Produktion würde viel Geld kosten, auch die laufenden Kosten wären höher. Eine Studie aus dem Jahr 2018 hat die Rückverlagerungskosten für eine Gruppe von Antibiotika auf 55 Millionen Euro geschätzt. In anderen Studien wird sogar von dreistelligen Millionenbeträgen gesprochen. In Deutschland haben wir 500 versorgungskritische Wirkstoffe. Wenn wir das multiplizieren, haben wir eine Kostendimension, die das deutsche Gesundheitssystem wahrscheinlich überfordern würde. Kurzfristig ist da ohnehin nichts zu machen: Es dauert mindestens fünf Jahre, bis man so ein Werk gebaut, zertifiziert und freigegeben hat.
Ein Problem dürfte auch sein, dass bei der Herstellung vieler Medikamente mehrere Firmen mit Zwischenprodukten oder Vorstufen beteiligt sind.
Ja, das macht es komplizierter. Die Finalisierung der Produkte, zum Beispiel die Verpackung, findet oftmals noch in Europa statt. Was sehr stark ausgelagert wurde, ist die Wirkstoffproduktion. Im vergangenen Jahr haben wir in einer Studie thematisiert, dass die Vorprodukte, die man braucht, um die Wirkstoffe herzustellen, noch stärker in China und Indien konzentriert sind als die eigentliche Wirkstoffproduktion.
Woran liegt es, dass einige Arzneimittel knapp werden?
Es gibt drei wesentliche Gründe. Erstens: Probleme bei der Produktion. Als Beispiel nenne ich gerne das Herzmedikament Valsartan, bei dem es 2018 einen großen Lieferengpass gab, weil es eine Verunreinigung beim chinesischen Wirkstoffhersteller gab. Überhaupt gibt es Medikamente, bei denen ein wesentlicher Teil der globalen Produktion an einem einzigen Werk hängt. Zweitens: eine höhere Nachfrage. Wir sehen das gerade bei einem Diabetes-Medikament, das verstärkt off-label verschrieben wird, also nicht zum eigentlichen Zweck. Dadurch wurde die Nachfrage getrieben, so dass die Patienten, die es eigentlich bräuchten, weniger bekamen als sonst. Und der dritte Grund ist, dass ein Hersteller aus dem Markt austritt. Das haben wir letztes Jahr bei Paracetamol für Kinder-Fiebersäfte gesehen. Da hat ein Unternehmen mit einem Marktanteil von 30 Prozent den Markt verlassen.
Wieso hört ein Hersteller mit der Produktion auf, obwohl es eine hohe Nachfrage gibt?
Ein Großteil der Medikamente in Deutschland läuft über die Gesetzliche Krankenversicherung, für die oftmals Festbeträge gelten, also Höchstbeträge für die Erstattung von Arzneimittelpreisen durch die Krankenkassen. Das wirkt wie eine Preisbremse. Der Erstattungspreis für die Hersteller des Fiebersaftes lag zehn Jahre lang bei 1,36 Euro. Im aktuellen Gesetz wird er lediglich um ein paar Cent angehoben. Ein Pharma-Manager hat mir mal gesagt, die Dose Red Bull kostet in Österreich zwischen 1,50 und 2 Euro. Da kann man mit Blick auf die Wertigkeit dieser beiden Produkte schon fragen, ob das richtig ist. Auf der einen Seite eine sehr sensible Produktion, auf der anderen Seite – flapsig formuliert – ein bisschen Zucker und Marketing. Bei der an sich berechtigten Kostenbremse sind wir bei manchen Produkten über das Ziel hinausgeschossen.
Müssen wir also mehr bezahlen, um das Problem zu lösen?
Pauschal würde ich das so nicht sagen. Aber es ist schon eine unbequeme Wahrheit, die man nicht gerne ausspricht: Mehr Versorgungssicherheit kostet immer Geld, und dieses Geld wird irgendjemand am Ende des Tages bezahlen müssen.
Wenn es für manche Arzneimittel nur wenige oder gar nur einen Hersteller gibt, macht das die Lieferketten ja automatisch anfällig für Störungen.
Ja, die große Konzentration auf wenige Hersteller, die auch noch aus einer Weltregion kommen, trägt maßgeblich zur Anfälligkeit von Lieferketten bei. Wenn ich aber zehn Hersteller habe und einer fällt aus, merkt man das womöglich gar nicht.
Das neue Gesetz sieht für alle Medikamente mit Rabattverträgen der Krankenkassen eine sechsmonatige Bevorratung bei den Herstellern vor, um mögliche Engpässe zu überbrücken. Aber lassen sich so viele Arzneimittel auf Vorrat überhaupt besorgen?
Für mich ist das schon offen, ob das kurzfristig immer funktioniert. Peu à peu aufbauen kann man das schon. Aber es stellt sich die Frage, inwieweit die Hersteller diese Mehrkosten vergütet bekommen. Wenn nicht, könnte das ein Anreiz zum Marktaustritt sein.
Das Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte soll ein Frühwarnsystem für Lieferengpässe aufbauen. Das erhöht ja nicht die Produktion. Soll Deutschland dadurch lediglich anderen Ländern bei der Beschaffung zuvorkommen?
Mit dem Frühwarnsystem sollen Engpässe erkannt werden. Und je früher man davon weiß, desto besser kann man reagieren. Außerdem möchte man sich anschauen, welche Lieferketten besonders anfällig sind. Das ist auch sinnvoll. Es wäre weder effizient noch effektiv, überall ein bisschen was zu machen.
Kann Deutschland da alleine etwas ausrichten, oder ist das eine Sache für Europa?
Wenn es darum geht, die Produktion von Wirkstoffen zurückzuholen, dann kann das Deutschland wegen der hohen Kosten nicht alleine schaffen. Außerdem sind solche Werke in der Regel so ausgelegt, dass sie eine ganze Weltregion versorgen, das sollte man deshalb im europäischen Verbund machen.
Dass man die Produktion nach Asien hat ziehen lassen, fällt uns jetzt auf die Füße. Hat man wenigstens daraus gelernt?
Na ja, wir haben diese hohe Abhängigkeit von indischen und chinesischen Wirkstoffen vor allem bei den Generika. Biosimilars, die Nachahmerprodukte für neuartige biopharmazeutische Arzneimittel, sind deutlich weniger von Lieferengpässen betroffen. Wir haben dazu gerade eine Studie gemacht. 50 Prozent davon werden noch in Europa produziert, davon 30 Prozent in Deutschland. Aber was tut man dafür, dass es so bleibt? Mein Eindruck ist, dass man sich auf bestehende Probleme konzentriert und diese strategische Perspektive, weiteres Abwandern zu verhindern, kaum auf dem Schirm hat. Wir neigen halt dazu, die Probleme dann zu lösen, wenn sie auftreten. Besser wäre es, das Entstehen der Probleme zu verhindern.