Corona-Pandemie
Südafrika: Im Touristenparadies Kapstadt tobt das Virus
Die Realität in Afrika verweist ins Reich falscher Spekulationen, dass der Corona-Erreger die klimatischen Verhältnisse des Kontinents oder die Erbmasse seiner Bewohner nicht mag. „Wir haben noch keinen Beweis dafür gesehen, dass eine gewisse Bevölkerung verschont bliebe“, sagt die Biostatistikerin Natalie Dean von der Universität in Florida: „Die Frage der Ansteckung ist nicht ob, sondern wann.“
Drei Monate nachdem die ersten Covid-19-Fälle in Südafrika gemeldet wurden, ist die Anzahl der täglich gemeldeten Neuinfizierten inzwischen auf rund 3000 hochgeschnellt. Zwei Drittel aller Ansteckungen werden aus der Westkap-Provinz mit ihrer Hauptstadt Kapstadt gemeldet. Dort starben bereits mehr als 700 Menschen an der Infektionskrankheit, drei Viertel aller südafrikanischen Todesopfer.
Das Virus verbreitet sich in den Slums besonders schnell
Detailanalysen zufolge verbreitet sich das Virus besonders schnell in den dicht besiedelten Slums und Townships der schwarzen Bevölkerung, wie in Kayelitsha, Gugulethu oder Langa. Zunächst wurde spekuliert, die Provinz verzeichne nur deshalb mehr Ansteckungen, weil dort auch mehr getestet wurde. Mittlerweile gehen Experten davon aus, dass die Touristenhochburg Kapstadt womöglich wesentlich früher als andere Regionen des Landes mit dem Erreger konfrontiert war.
Dass am Westkap wesentlich mehr Corona-Fälle als im Rest des Landes gezählt werden, ist auch politisch brisant. Es ist die einzige südafrikanische Provinz, die nicht vom Afrikanischen Nationalkongress (ANC), sondern von der von Weißen dominierten Demokratischen Allianz (DA) regiert wird. DA wiederum brüstete sich in den vergangenen Jahren zurecht mit einer besseren Verwaltung. Staatspräsident Cyril Ramaphosa (ANC) kritisierte bei seinem Besuch des Pandemieherds Provinzchef Alan Winde (DA) mit den Worten: „Ich akzeptiere die Entschuldigung nicht, dass es im Westkap zu wenig Gesundheitskräfte gibt“. Die Region brauche auch mehr Krankenhausbetten, fügte Ramaphosa hinzu: „Ich bin nicht glücklich mit der Zahl, die Ihr zu brauchen meint.“ Tests müssten häufiger und das Aufspüren von Ansteckungsherden müsse verbessert werden, forderte der ANC-Chef.
Zu wenig Testkits, nicht genug Pflegepersonal
Dagegen klagt die Provinzregierung über mangelnde Ressourcen, vor allem bei Testkits und beim Gesundheitspersonal. Allein im staatlichen Gesundheitsbereich des Westkaps steckten sich in den vergangenen Wochen 83 Ärzte und Ärztinnen sowie 727 Krankenschwestern und -pfleger an. Die Tests mussten Ende vergangener Woche verringert werden, weil nicht genug Testsätze zur Verfügung stehen. Außerdem kommt das staatliche Labor mit der Auswertung nicht nach: Dort hat sich eine Bugwelle von 28.000 nicht abgearbeiteter Proben gebildet.
Ramaphosa kündigte die baldige Ankunft neuer Testsätze an, die in Staaten wie China und Russland für den gesamten Kontinent angefordert worden seien. Der Mangel an medizinischer Ausrüstung sorgt in zahlreichen afrikanischen Staaten für erhebliche Engpässe bei der Bekämpfung der Pandemie.
Am Ostkap ist das Gesundheitswesen zusammengebrochen
Ängstlich schaut Südafrikas Regierung nun auf die Nachbarprovinz des Westkaps: Mit über 5200 Ansteckungen und 95 Todesfällen ist das wesentlich ärmere Ostkap zur am zweitschlimmsten von Corona betroffenen Region des Landes geworden. Schon heute wird dort über den Zusammenbruch des Gesundheitswesens geklagt. Chronisch Erkrankte haben Schwierigkeiten, ihre Medikamente zu bekommen, einzelne Hospitäler mussten nach Covid-19-Fällen vorübergehend schließen, Gesundheitsarbeiter protestieren regelmäßig wegen des Mangels an Personal und an Schutzanzügen.
Unterdessen wird im ganzen Land die Kritik an den Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung der Pandemie immer lauter. Ein Richter des Landesgerichts in Pretoria erklärte weite Teile des Lockdown-Konzepts für „verfassungswidrig“ und „irrational“. Er gab den Verantwortlichen 14 Tage Zeit, um die Regeln zu korrigieren. Weitere Verfahren gegen das Desaster-Management-Gesetz sind derzeit vor Gericht anhängig: unter anderem gegen das Verbot des Zigarettenverkaufs, aber auch gegen den „Corona-Krisenrat“ (NCCC), der unter Ausschluss der Öffentlichkeit und ohne parlamentarische Kontrolle schon seit mehr als drei Monaten über die Maßnahmen des Kampfes gegen die Pandemie entscheidet.
Die Ansteckungsrate steigt
Ungewöhnlich ist in Südafrika und anderen afrikanischen Staaten, dass die scharfen Lockdown-Bestimmungen schon sehr früh verhängt wurden. Aus wirtschaftlichen Gründen müssen sie jetzt gelockert werden, obwohl die Ansteckungsrate drastisch in die Höhe schießt.