Frankreich
Präsident Macron beim Boxen fotografiert – aber wie kriegstüchtig ist die Grande Nation?
Emmanuel Macron kämpft, die Zähne fest zusammengebissen, der Blick hart, eine Ader am Bizeps aufs Äußerste angespannt. Entschlossen, viril, energiegeladen – das ist das Bild, das Frankreichs Präsident abgeben möchte, indem er Fotos von sich beim Boxen veröffentlichen ließ. Seit Mittwochabend zirkulieren sie in den sozialen Medien, und an Reaktionen mangelt es nicht. Manche sind belustigt, andere irritiert. Philippe Moreau-Chevrolet, Experte für politische Kommunikation, vermutet, dass Macron ein direktes Signal an Russlands Präsidenten aussenden möchte, so als stünden sich beide als Gegner in einem Ring gegenüber. „Man hat zwei Anführer, die sich jeweils bereit für die Schlacht präsentieren.“
Experte spricht von „Bonsai-Armee“
Dass Frankreich bereit sei, die Ukraine und mit ihr die Sicherheit und Stabilität Europas bis aufs Letzte zu verteidigen, das hat der Präsident in den vergangenen Wochen mehrmals betont. Ende Februar schloss er erstmals nicht mehr aus, Bodentruppen in die Ukraine zu schicken.
Was aber kann Frankreichs Berufsarmee konkret, sollte es wirklich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen? Mit 205.000 Soldaten ist sie derzeit die größte in Europa. Experten zufolge hat aber auch Paris in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig in sein Militär investiert. Das zumindest behauptet der auf Verteidigung spezialisierte Journalist Jean-Dominique Merchet in dem Buch „Sind wir bereit für den Krieg? Die Illusion der französischen Macht“. Merchet spricht von einer „Bonsai-Armee“: „Wir haben Satelliten, Atom-U-Boote, Flugzeugträger, Spezialkräfte, Panzer… wir haben absolut alles, wie die amerikanische Armee. Außer dass wir nicht die USA sind und alles in kleiner verfügbar ist.“ Experten zufolge könnte das französische Heer im Ernstfall nur 25.000 Leute einsetzen, um eine Frontlinie von gerade einmal 83 Kilometern zu halten. In den vergangenen Jahren war Paris laut Merchant nur in Kriegen engagiert, wo es den Gegnern technologisch überlegen war, etwa beim Kampf gegen Islamisten in der Sahelzone. Doch auf einen Fall wie das „Aufeinandertreffen zweier riesiger Armeen in der Ukraine“ sei das Land nicht vorbereitet.
Frankreich hat starke Rüstungsindustrie
Andererseits holt Frankreich auf: Das Land hat eine starke Rüstungsindustrie, die seit zwei Jahren ein großes Auftragsplus verzeichnet. Und die Produktionsgeschwindigkeit wurde gesteigert. Doch Merchet bleibt skeptisch: Von einer Umstellung auf „Kriegswirtschaft“, wie von Macron gefordert, könne keine Rede sein.
Nicht „feige“ sein
Demgegenüber signalisierte Generalstabschef Pierre Schill nun in der Zeitung „Le Monde“ die umfassende Bereitschaft Frankreichs, sich oder Verbündete vor Angriffen zu schützen und seine Interessen auch militärisch zu verteidigen. Binnen 30 Tagen könne es eine Division von rund 20.000 Leuten in einer Koalition einsetzen. „Wir sind nicht mehr nur bei der Analyse der Konflikte, die uns umgeben“, so Schill. Die Bodenarmee „sei bereit“. Schill klang dabei so bestimmt wie Präsident Macron. Es gelte jetzt, nicht „feige“ zu sein, hatte dieser vor Kurzem bei einer Rede in Prag gesagt. Die Wortwahl passt zu seinem Boxer-Foto.