Russland
Panzersperre auf der Brücke der Freundschaft
Ein paar Dörfer kämen noch, dann sei Schluss, sagt die junge russische Grenzbeamtin. „Die Finnen haben vor ihrem Grenzübergang Betonblöcke aufgebaut.“ Für Bibolet und mich ist schon hier Schluss, weit vor dem russischen Kontrollpunkt am Sajm-Kanal bei Wyborg, 22 Kilometer südlich der Grenze zu Finnland und 140 Kilometer nordwestlich von St. Petersburg. Aus dem grauen Himmel nieselt es kalt, die russischen Grenzer haben unsere Ausweise einkassiert.
Über der Grenze hängt Misstrauen. Noch im Herbst rollten hier russische Busse zu finnischen Einkaufszentren, Finnen kamen herüber, um billig Benzin oder Wodka zu kaufen. Auch mein Petersburger Begleiter Bibolet Bejkulow überquerte in seinem Wrangler-Jeep oft die Grenze: Um seine Tochter Madina abzuholen, die in Jyväskylä Wirtschaft studierte. Fast hunderttausend Russen leben, lernen und arbeiten in Finnland mit seinen 5,6 Millionen Einwohnern. Und Madina arbeitet jetzt für eine finnische IT-Firma in Amsterdam.
Doch am 24. Februar 2022 stürzte das russisch-europäische Verhältnis ab. Erst wurden Flug- und Zugverkehr eingestellt. Seit die Finnen im Dezember 2023 ihre Grenze schlossen, sind zwischen Nordwestrussland und dem Baltikum noch drei estnische und vier lettische Kontrollpunkte offen.
Asylsuchende auf Fahrrädern
Nach eineinhalb Stunden bekommen wir unsere Papiere zurück. „Weiterfahren dürfen Sie nicht“, sagt ein russischer Beamter knapp. Ob sie uns auf Fahrrädern durchgelassen hätten? Alles begann, als im November Scharen junger Männer auf Gebrauchtfahrrädern am Übergang Nuijami auftauchten. Die Flüchtlinge aus Somalia oder Syrien wollten politisches Asyl. Die russischen Grenzer ließen sie ohne Einreisepapiere für Finnland passieren, finnische Politiker warfen Moskau vor, es organisiere die Asylradler, Helsinki schloss alle neun Grenzübergänge. Die Region wurde zur Sackgasse.
Mitte Dezember öffneten die Finnen die Grenze noch einmal. Aber Bibolet Bejkulows Tochter Madina, die aus Amsterdam über Helsinki nach Petersburg wollte, kam zu spät: Die Schranke fiel direkt vor dem Bug ihres Reisebusses, weil auf der anderen Seite wieder die Radfahrer erschienen waren. „Finnland hat mir den Weg nach Europa geöffnet“, erzählt Madina per WhatsApp. Dafür sei sie dankbar. „Aber jetzt lassen die Finnen nicht mal Mütter mit kleinen Kindern passieren.“
„Solche Sanktionen bringen das Volk nicht gegen Putin auf, sondern gegen Finnland“, räsoniert Tatjana Sallier. Sie sitzt neben ihrem Mann Alexander Karjanen, unter den Ölporträts ihrer Ahnen, Finnen, Franzosen und Deutsche in ihrem Petersburger Wohnzimmer. Alte Petersburger Intelligenz, der Physiker Alexander und die Fremdsprachendozentin Tatjana, beide 76, lehren noch. Ihre Tochter Anna lebt jetzt in Finnland, mit Mann und Sohn. Annas Mann Michail floh im September 2022 vor Putins Teilmobilmachung dorthin, sie und Sohn Roman folgten. Der Programmierer Michail lernt in Punkaharju Koch, Anna bringt im 150 Kilometer entfernten Mikkeli Somaliern und Syrern finnisch bei. Anna erzählt per Messenger, sie wollten nicht nach Russland zurück. „Roman soll in eine Schule gehen“, sagt sie, „wo er lernt, dass es mehr als nur einen Standpunkt gibt.“
Kein Zurück
Für die Salliers-Karjanen gibt es noch ein Schlupfloch, um zusammenzukommen. Mit der Fähre von Helsinki ins estnische Tallinn, per Bus oder Pkw weiter nach Petersburg. Im Februar brauchten Anna, Michail und Roman 22 Stunden mit dem Auto dafür. Im Reisebus von Petersburg nach Tallinn erzählt eine magere alte Frau aus der estnischen Grenzstadt Narwa, sie habe ihre Enkelin in Petersburg besucht. „Weiß Gott, wann ich das nächste Mal hinkomme, vielleicht mit dem Flugzeug über Istanbul“, scherzt sie traurig.
Narwa ist jetzt der populärste Landübergang zwischen Russland und Europa. Aber die Russen haben die Brücke über den Grenzfluss dicht gemacht, reparieren sie bis Ende 2025.
Man muss am Ostufer aussteigen, 600 Meter mit Gepäck laufen, um den Fußgängersteg über den Fluss zu überqueren. Hinter dem estnischen Kontrollpunkt wartet ein anderer Bus. Aber die Esten lassen Russen nur mit EU-Aufenthaltsgenehmigungen durch, nicht mit Schengenvisa. Auf dem Fußgängersteg bauten sich im November estnische Grenzschützer wie Rugby-Spieler auf, um junge Araber zu stoppen: „Geht zurück, in Russland tut euch auch keiner was.“
Die Migranten sind weiter in der Region, laut Angaben aus Helsinki zu Tausenden. Sie versuchen jetzt, über die grüne Grenze in die EU zu gelangen. Balten und Finnen bauen Zäune. An ihrem Ende liegt die „Freundschaftsbrücke“ ins estnische Narva, wie sie in Russland noch immer heißt. Dort haben die Esten eine Panzersperre aus Betonkegeln montiert. Und auf dem Rückweg aus Narwa händigt mir ein estnischer Beamter ein Flugblatt aus: „Wenn Estland seine Übergänge wegen des Migrationsdrucks zeitweise schließen muss, können Sie über diesen Grenzübergang nicht nach Estland zurück.“