Türkei RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Wahlsieg: Erdogan verkündet türkisches Jahrhundert

Nimmt ein Bad in der Menge: Recep Tayyip Erdogan (69), der alte und neue Präsident der Türkei.
Nimmt ein Bad in der Menge: Recep Tayyip Erdogan (69), der alte und neue Präsident der Türkei.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist für weitere fünf Jahre gewählt worden. Er spricht von einem Sieg für die Demokratie und einem Gewinn für alle Türken. Aber wie sehen das die Menschen vor Ort, wie ist die Stimmung im Land einen Tag nach der Wahl?

Mit einer osmanischen Regimentsfahne steht der 90-jährige Cemal Basaran am Tag nach der Präsidentenwahl vor der Hagia Sophia in der Istanbuler Altstadt. Er feiere den Jahrestag der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen am 29. Mai 1453, erklärt er stolz. Denn Sultan Mehmet der Eroberer sei der beste Herrscher aller Zeiten gewesen.

Die Eroberung feierte beim Morgengebet in der einstigen byzantinischen Reichskirche am Montag auch Innenminister Süleyman Soylu, ein Hardliner in der Regierung von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan: Es sei der „Morgen nach dem Sieg des Jahrhunderts“, schrieb Soylu auf Twitter zu Bildern der betenden Menge unter den Kuppeln der Hagia Sophia, die Erdogan vor drei Jahren vom Museum zur Moschee umgewandelt hatte.

„Wie die Eroberung von Konstantinopel“

Die Erinnerung an glanzvolle osmanische Zeiten gehört schon lange zum rhetorischen Handwerkszeug von Erdogan und seiner Regierung. Mit dem Sieg in der Stichwahl um das Präsidentenamt wird die Beschwörung der glorreichen Vergangenheit nun zur Beschreibung einer verheißungsvollen Zukunft. Die Wahl sei ein ebenso historischer Wendepunkt wie die Eroberung von Konstantinopel, sagte Erdogan in der Wahlnacht vor zehntausenden Anhängern am Präsidentenpalast von Ankara. „So Gott will, ist die Wahl das Tor zum Jahrhundert der Türkei.“

Der Präsident regiert seit 20 Jahren und prägt die vor hundert Jahren gegründete Republik länger als jeder Politiker vor ihm. Nach seinem Sieg vom Sonntag wird Erdogan bis 2028 im Präsidentenpalast bleiben können – mindestens. Denn er hat bereits eine Verfassungsänderung ins Gespräch gebracht, die ihm eine weitere Amtszeit ermöglichen würde. „Wir werden bis zum Grab zusammen sein“, rief er seinen Anhängern zu.

Erdogan nennt den Herausforderer einen Versager

Erdogan verspottete seinen Herausforderer Kemal Kilicdaroglu in seiner Siegesrede als Versager und beschimpfte die Opposition als Terrorhelfer und Unterstützer von Homosexuellen, die es auf die Institution der türkischen Familie abgesehen hätten. Der Präsident betonte zwar, er wolle für alle 85 Millionen Türken da sein, doch seine neuen Angriffe auf seine Gegner zeigen: Erdogan hat bereits die Kommunalwahl nächstes Jahr im Blick. Dann will er Großstädte wie Istanbul und Ankara von der Opposition zurückerobern.

Erdogans Siegesrede sei die unversöhnlichste gewesen, die er je gehalten habe, kommentierte Yildiray Ogur von der konservativen Oppositionszeitung „Karar“ auf Twitter. „Das ist ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten.“ Vor den Kommunalwahlen könnte Erdogans Justiz den Oppositionspolitiker und Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu mit einem Politikverbot belegen und die Kurdenpartei HDP verbieten.

Russland und Golfstaaten helfen finanziell

Schwere Zeiten kommen auf die Türkei auch in der Wirtschaft zu. Denn Erdogan beharrt auf einer Zinspolitik, die die Inflation hochtreibt. Manche Experten sagen voraus, dass der Türkei bald das Geld ausgehen könnte.

Der Präsident will von solchen Prophezeiungen nichts wissen. Die Bekämpfung der Inflation sei „keine schwierige Sache“, sagte er. Geld vom Internationalen Währungsfonds brauche die Türkei nicht. Vor der Wahl hatten Russland und reiche Golfstaaten der türkischen Regierung finanziell unter die Arme gegriffen.

„Ein besonderer Tag“Mit dem Westen liegt Erdogan unter anderem wegen seines Vetos gegen den Nato-Beitritt von Schweden über Kreuz. Im „Jahrhundert der Türkei“ versteht sich Erdogans Türkei nicht mehr als Verbündeter des Westens, der dieselben Werte teilt, sondern als eigenständiger Akteur zwischen Ost und West. Erdogan schimpft auf westliche Medien und fordert den Rauswurf der Türkei aus dem Europarat heraus, indem er die Freilassung politischer Häftlinge trotz der Urteile des Europäischen Menschenrechtsgerichts ablehnt. Der Präsident ist sicher, dass der Westen die Türkei mehr braucht als andersherum.

Land bleibt dennoch tief gespalten

Vor der Hagia Sophia versammeln sich am Tag nach der Wahl viele Erdogan-Bewunderer unter den Gläubigen, die zum Mittagsgebet kommen. Yusuf, Adem und Volkan, Anfang zwanzig und Mitarbeiter einer Aufzugsfirma, sind in ihrer Mittagspause zu dem 1500 Jahre alten Gotteshaus gekommen, um zu beten. Heute sei ein besonderer Tag, sagt Volkan – nicht nur wegen des Jahrestags der Eroberung, sondern auch wegen der Präsidentschaftswahl. „Das war das Beste, was der Türkei passieren konnte“, meint Adem. Vom „Jahrhundert der Türkei“ versprechen sie sich einen wirtschaftlichen Aufstieg ihres Landes, eine Verbreitung der türkischen Kultur über die Landesgrenzen hinaus und mehr militärische Macht. Spannungen mit dem Westen müsse es dabei nicht unbedingt geben, sagt Adem lächelnd. „Und wenn, dann werden wir sie schon zurechtweisen.“

Doch das Land ist nach der Wahl tief gespalten, und nicht jeder ist einverstanden mit Erdogans Kraftmeierei. Der 90-jährige Cemal Basaran mit seiner osmanische Regimentsfahne ist jedenfalls nicht begeistert. Sultan Mehmet der Eroberer habe eine gerechte Ordnung geschaffen, in der alle Untertanen gleich waren, niemandem etwas weggenommen wurde und alle Brüder waren, sagt der alte Herr. Das sei jetzt leider anders.

Zu Erdogans Wahlsieg und zur Zukunft der Türkei lesen Sie einen Leitartikel unserer Istanbuler Korrespondentin.

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