Politik
Freiwillige Ausreise: Eine Rückkehr mit Hindernissen
Eine junge Frau, Roma mit mazedonischer Staatsbürgerschaft, hat die meiste Zeit ihres Lebens in Deutschland verbracht. Sie ist 20, als sie aufgefordert wird, Deutschland zu verlassen. Sie sucht Hilfe bei der internationalen Frauenhilfsorganisation Solwodi. Man habe alle Rechtswege ausgeschöpft, doch die Roma musste Deutschland verlassen, erzählt Aferdita Salihu, die seit zweieinhalb Jahren für die Rückkehrerberatung bei Solwodi in Mainz arbeitet.
Seit mehr als 40 Jahren unterstützen Bund und Länder freiwillige Ausreisen von Migranten finanziell und organisatorisch mit dem REAG-Programm (Reintegration and Emigration Programm for Asylum-Seekers in Germany). Bislang wurden mehr als 700.000 freiwillige Ausreisen in mehr als 100 Ländern durch das Programm gefördert. Im vergangenen Jahr waren es 7877 Personen. Dahinter steht der Gedanke, dass die freiwillige Rückkehr von Personen, die zur Ausreise verpflichtet sind, Vorrang vor der erzwungenen Aufenthaltsbeendigung hat. Im vergangenen Jahr wurden 12.945 ausreisepflichtige Personen aus Deutschland abgeschoben.
Damit Frauen auf eigenen Füßen stehen können
Für die freiwillige Ausreise nach Mazedonien hat sich dann auch die junge Frau entschieden. Denn die Rückkehr könne man bis zu einem gewissen Punkt planen, sagt Salihu. „Eine Abschiebung hingegen kann zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden.“ Und durch das REAG-Programm sowie die „StarthilfePlus“ gibt es Geld unter anderem für Reisekosten, eine finanzielle Starthilfe im Herkunftsland (1000 Euro pro Person), befristete Zuschüsse zum Wohnen, Lebensunterhalt und zu medizinischen Kosten sowie Reintegrationshilfe. Allerdings hängt die Höhe der Auszahlungen daran, in welche Länder die Migranten zurückkehren. Im Fall der jungen Mazedonierin greift Solwodi auf eigene finanzielle Fördermöglichkeiten zurück.
Doch Geld ist nicht alles. Rückkehrberatungsstellen wie Solwodi – etwa 1000 solcher Stellen unterschiedlicher Träger gibt es bundesweit – kümmern sich über Partnerorganisationen vor Ort, sofern es diese gibt, um die Rückkehrer. Das beginnt damit, dass die Frau – Solwodi kümmert sich nur um Frauen – beispielsweise am Flughafen im Herkunftsland abgeholt wird. Vor Ort wird dafür gesorgt, dass die Rückkehrerin eine Unterkunft hat. Und sie erhält Geld, um zu leben, erklärt Aferdita Salihu. Solwodi geht es aber auch darum, „dass Frauen durch Aus- und Weiterbildung beruflich auf eigenen Füßen stehen können und nicht wieder in irgendwelche Abhängigkeitsverhältnisse fallen“. Dafür könne man Zuschüsse für Miete und Schulkosten der Kinder, für Ausbildungen, Einarbeitungspraktika und für die Gründung eines Kleinunternehmens geben.
Dass das ein wichtiger, wenn auch schwieriger Ansatz ist – vor allem bei Analphabetinnen – zeigt eine Langzeitstudie zur geförderten Ausreise. Das Forschungszentrum des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sowie die Internationale Organisation für Migration (IOM) haben die Lebenssituation von 1000 Frauen und Männern untersucht, deren Ausreise mit dem Programm „StarthilfePlus“ unterstützt wurde. Danach waren 85 Prozent der Rückkehrenden mit der erhaltenen Unterstützung zufrieden bis sehr zufrieden. Während die Daten zeigen, dass 75 Prozent der Männer einer bezahlten Arbeit nachgehen, gilt dies nur für 38 Prozent der Frauen. In Interviews äußern die Frauen, die durchschnittlich bereits drei Jahre in ihren Heimatländern Armenien, Irak oder Libanon lebten, mehrheitlich den Wunsch nach einem eigenständig erwirtschafteten Einkommen. Und sie sprechen von Benachteiligung am Arbeitsmarkt.
Das Stigma, in Deutschland gescheitert zu sein
Die junge Mazedonierin hat mithilfe einer Nichtregierungsorganisation vor Ort eine Stelle als Kellnerin gefunden, dazu arbeitete sie in verschiedenen Haushalten als Putzhilfe. „Wir hatten immer mal wieder Kontakt, und es sah so aus, als könne die junge Frau ihr Leben meistern“, erzählt Beraterin Salihu. Doch dann meldete sie sich nicht mehr, zog ohne Absprache aus der angemieteten Wohnung aus. Später erfuhr die Solwodi-Mitarbeiterin, dass die Roma einen Mann mit Geld kennengelernt und geheiratet hat. „Ich finde es sehr schade, dass sie alles, was sie sich erarbeitet hat, hingeworfen hat und wieder in Abhängigkeit geraten ist.“
Aferdita Salihu weiß aus Berichten, wie schwer es für Frauen ist, wieder in die patriarchalen Strukturen in ihren Herkunftsländern zurückzukehren. Das und die Diskriminierung von Minderheiten erschweren die Integration – ebenso wie das Stigma, in Deutschland gescheitert zu sein.
Die Organisation Solwodi weiß, dass sie weder in Deutschland noch in den Herkunftsländern Strukturen verändern kann. „Aber wir versuchen, den Frauen eine Rückkehr in Würde zu ermöglichen“, erklärt Salihu. Die Beraterin, die – wie sie sagt – mit Erfolgsgeschichten vorsichtig ist, hat dann aber doch noch eine parat. Eine Bosnierin, hochschwanger, mit drei weiteren Kindern musste ausreisen. Sie wählte die freiwillige Rückkehr und erhielt Hilfe – psychosoziale Betreuung, juristische Hilfe im Sorgerechtsstreit, Zuschuss zu Miete und Lebensunterhalt sowie Geld für Kinderbetreuung durch eine Tagesmutter. Die Frau macht derzeit eine Ausbildung zur Krankenschwester, den theoretischen Teil hat sie erfolgreich abgeschlossen. Ihren praktischen Teil absolviert sie in einer Klinik. Die nun anfallenden Fahrtkosten werden ebenfalls übernommen.
Das Glück in einem anderen Land suchen
Während die Frau aus Bosnien versucht, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen, gaben 48 Prozent der für die Studie Befragten an, über eine erneute Migration nachzudenken. Gründe sind der Wunsch nach Verbesserung der wirtschaftlichen Situation, die schlechte Gesundheitsversorgung, fehlendes Sicherheitsgefühl sowie bessere Bildungsmöglichkeiten im Ausland. Jedoch nur fünf Prozent bereiten sich tatsächlich darauf vor, ihr Glück in einem anderen Land erneut zu suchen.
Ansprechpartner
Informationen zur freiwilligen Rückkehr unter www.returningfromgermany.de