Terrorismus RHEINPFALZ Plus Artikel Der IS schlägt in Syrien wieder vermehrt zu

Die USA haben im Osten Syriens nur noch 900 Soldaten stationiert.
Die USA haben im Osten Syriens nur noch 900 Soldaten stationiert.

Der „Islamische Staat“ (IS) geht in Syrien wieder in die Offensive.

IS-Kämpfer töteten innerhalb einer Woche fast 50 syrische Regierungssoldaten und -milizionäre – und das, obwohl die USA und die Türkei seit 2019 vier „Kalifen“ des IS getötet haben. Nach der militärischen Niederlage des IS-„Kalifats“ gegen eine US-geführte internationale Allianz im Frühjahr 2019 hatten sich geschlagene Kämpfer in die Badia-Wüste zwischen Syrien und dem Irak zurückgezogen. Andere gingen in den Untergrund und warteten als Schläfer auf Einsatzbefehle.

Von den Verstecken aus greifen die Extremisten seitdem Soldaten und Zivilisten an. Allein zwischen Februar und April töteten sie mehr als 200 Menschen, die in der Badia-Wüste Trüffel suchten, um mit dem Verkauf der Pilze ihr Einkommen aufzubessern. Die Opfer wurden von IS-Kämpfern getötet oder erstochen oder verirrten sich in Minenfelder der Terrormiliz.

Syriens Armee kann den IS nicht aufhalten

Syriens Armee kann die Angriffe nicht aufhalten. Am Freitag gerieten Militärbusse im ost-syrischen Deir Ezzor in einen Hinterhalt des IS. Die Angreifer töteten nach Angaben des oppositionsnahen Beobachtungszentrums für Menschenrechte mindestens 33 Soldaten; der IS erklärte, 40 Soldaten seien umgekommen. Wenige Tage zuvor hatten IS-Kämpfer Stellungen der syrischen Armee im nordost-syrischen Raqqa angegriffen und zehn Soldaten getötet. Am Sonntag kamen nach Angaben des Beobachtungszentrums fünf Regierungsmilizionäre bei einem weiteren IS-Angriff ums Leben.

Der IS startete die neue Offensive, obwohl seine Führung geschwächt ist. Die Miliz hatte erst Anfang August den Tod ihres „Kalifen“ Abu Hussein al-Husseini al-Qurashi bestätigt, der im April vom türkischen Geheimdienst im Norden Syriens getötet worden war; Nachfolger ist Abu Hafs al-Hashimi al-Qurashi, der bisher nicht in Erscheinung getreten ist. Eine US-Drohne tötete nach US-Angaben im Juli zudem den IS-Chef für den Osten Syriens – jenem Teil des Landes, in dem jetzt die syrischen Soldaten starben.

Die instabile Lage in Teilen Syriens sei günstig für den IS, sagt Aljoscha Albrecht, Nahost-Experte bei der Stiftung Politik und Wissenschaft in Berlin. Er sieht auch einen Zusammenhang zwischen der neuen Angriffswelle und inneren Entwicklungen in der Terrormiliz. Nach dem Tod von vier „Kalifen“ bei Militärschlägen der USA und der Türkei seit 2019 fehle dem IS in Syrien und im Irak eine charismatische Führungsfigur, was mit Anschlägen kompensiert werden solle, sagte Albrecht dieser Zeitung.

Verfolgungsdruck auf IS hat nachgelassen

Auch hat der Verfolgungsdruck auf den IS trotz der Militärschläge gegen seine Führungskader nachgelassen. Die USA haben nur noch etwa 900 Soldaten im Osten Syriens stationiert. Russland, die bestimmende Militärmacht im Westen Syriens, hat Soldaten aus dem Bürgerkriegsland abgezogen, um sie im Krieg gegen die Ukraine einzusetzen.

In letzter Zeit gibt es zudem Streit zwischen den wichtigsten militärischen Kräften in Syrien, was dem IS neuen Spielraum verschafft. Die USA warfen Russland im Juli vor, einige ihrer Kampfdrohnen über Syrien bedrängt zu haben. In mindestens einem dieser Fälle war die bedrängte Drohne nach US-Angaben in einem Einsatz gegen den IS unterwegs. Die jüngsten IS-Anschläge könnten die Spannungen zwischen den USA und Russland noch weiter eskalieren lassen, meint Albrecht.

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