75 Jahre Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Das „vielleicht europäischste Bundesland“

Erinnerte an die Anfänge des Bundeslandes, das nicht das Ergebnis einer „Liebesheirat“ gewesen sei: Ministerpräsidentin Dreyer.
Erinnerte an die Anfänge des Bundeslandes, das nicht das Ergebnis einer »Liebesheirat« gewesen sei: Ministerpräsidentin Dreyer.

Mit Polit-Prominenz wird der 75. Geburtstag von Rheinland-Pfalz gefeiert. Ministerpräsidentin Malu Dreyer lobt den Zusammenhalt. Und eine Schule aus Klingenmünster kommt ganz groß raus.

Die Schlange vor dem Staatstheater in Mainz ist eine halbe Stunde vor Beginn des Festaktes am Mittwoch um 11 Uhr länger als der ausgerollte rote Teppich. Doch auch auf Pflastersteinen stehend ist Bernhard Vogel, der 89-jährige Ministerpräsident a. D., schnell umringt von Kameras und Mikrofonen. 1947 hätte es niemand für möglich gehalten, dass 75 friedliche Jahre des Aufbaus vor dem Land liegen würden, sagt der Speyerer, der von 1976 bis 1988 das Land regierte. Die Zukunft dagegen sei überschattet von dem schrecklichen Krieg in der Ukraine.

Der Angriff Russlands auf das Nachbarland soll noch häufiger Thema sein an diesem Tag. Der Generalkonsul der Ukraine ist unter den 500 geladenen Gästen des Festaktes. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) versichert ihm, die Landesregierung stehe „in tiefer Verbundenheit“ an der Seite der Ukrainer und Ukrainerinnen. Es gebe eine große Solidarität mit den 35.000 vor dem Krieg geflüchteten Menschen, die derzeit in Rheinland-Pfalz lebten.

Mammutaufgabe Konversion gemeistert

Das Bundesland sei nicht das Ergebnis einer „Liebesheirat“ gewesen, erinnert Dreyer an die Anfänge. Tatsächlich war es der Militärgouverneur der französischen Besatzungszone, Pierre Koenig, der mit der Ordonnance Nr. 57 im August 1946 die Gründung des Bundeslandes verfügte. Es vereinte preußische und bayerische Traditionen in sich, und seine Einwohner von der Westpfalz bis zum Westerwald hatten wenige Gemeinsamkeiten. So fiel die Abstimmung zu der von der beratenden Landesversammlung verabschiedeten Verfassung am 18. Mai 1947 auch denkbar knapp aus: Nur 53 Prozent votierten für das neue Bundesland, in der Pfalz und in Rheinhessen überwogen die Nein-Stimmen.

„Rheinland-Pfalz hat sich immer wieder neu erfunden“, sagt Dreyer und erinnert an die Abschaffung der Konfessionsschulen, an die Kommunalreform unter dem damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl, an die vor 40 Jahren von Bernhard Vogel gegründete Graswurzelpartnerschaft mit Ruanda oder an die Herausforderungen durch die Konversion, den Abzug ausländischer Streitkräfte. Die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Rudolf Scharping (beide SPD) haben nach ihren Worten die „Mammutaufgabe“ ohne Blaupause bewältigen müssen. Hunderte militärischer Flächen mussten umgewandelt werden, Tausende Arbeitsplätze seien weggefallen. Mit Beck verbindet Dreyer auch den Einstieg in eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Land durch den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz und den Ausbau der Ganztagsschulen.

Die Stärke der Demokratie

Die aktuellen Herausforderungen seien die Digitalisierung und der Klimawandel. Zur Flutkatastrophe von 2021 sagt Dreyer: „Das ist ein Einschnitt, bei dem es ein Vorher und ein Nachher gibt.“ In dieser Krise habe sich gezeigt, das Rheinland-Pfalz ein Land des Zusammenhalts sei.

Die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments und SPD-Politikerin aus Trier, Katarina Barley, bezeichnet Rheinland-Pfalz als das „vielleicht europäischste Bundesland“. Europa sei wie Rheinland-Pfalz „in Vielfalt geeint“. Hier wie dort sei aus einem „zusammengewürfelten Bunten“ eine starke Gemeinschaft geworden. „Beides sind Geschwister der europäischen Nachkriegsgeschichte.“ Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten Putin auf die Ukraine zeige, in welcher Einigkeit und Stärke die EU reagiere. Vor einem halben Jahr hätte noch niemand für möglich gehalten, in welchem Tempo Hilfslieferungen an die Ukraine, Sanktionspakete gegen Russland und sogar Waffenlieferungen vereinbart werden konnten.

Auf die Stärke der Demokratien hebt Landtagspräsident Hendrik Hering (SPD) ab: Sie führten bei Differenzen keine Kriege. „Bei uns gilt nicht das Recht des Stärkeren, es gilt schlicht und ergreifend das Recht.“

Blick in die Zukunft

Feierliche Reden machen nur einen Teil des rund zweistündigen Festaktes aus, der sehr launig vom Mainzer Kabarettisten Tobias Mann moderiert wird. Der Film des SWR-Kulturredakteurs Alexander Wasner „Der Mensch ist frei“ – benannt nach Artikel 1 der Landesverfassung –, rafft Impressionen aus den 75 Jahren des Landes in wenigen Minuten zusammen. Auch darin spielt die Einbettung des Landes in die Europäische Gemeinschaft eine Rolle: „Sie kommen aus Europa, Sie bleiben in Europa“, steht auf einem Schild an der Grenze.

Und wie sieht nun die Zukunft aus? Für eine Antwort wurden unter anderem Kathrin Flory und Bernadette Flory-Johner aus der Südpfalz eingeladen. Ihr Sohn wird ab Sommer die August-Becker-Grundschule in Klingenmünster besuchen, eine der ersten Einrichtungen, die als „Schule der Zukunft“ an den Start gehen. Zwar rieche es dort noch so wie zu ihrer eigenen Schulzeit, erzählt Kathrin Flory, aber das Nebeneinander von Kreidetafel und einer interaktiven Tafel sei schon toll. Außerdem könnten sich die Kinder einbringen, sie könnten mitbestimmen. Was sich die Eltern wünschen? Ein gutes multiprofessionelles Unterrichtsteam.

Neben der „Schule der Zukunft“ kann sich auch die Energiegenossenschaft „Egon“ aus der Eifel vorstellen. Sie will die Akzeptanz von Windkraftanlagen und Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen erhöhen.

Die Bürger können den 75. Geburtstag des Landes auf dem Rheinland-Pfalz-Tag am Wochenende in Mainz feiern.

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